Der neue Mann Du bist aber groß geworden!

Lange galt der kleine Mann als malochender Vertreter des Volkes. Nun ist er größer denn je, fast auf Augenhöhe mit denen da oben – und fühlt sich dennoch übersehen. Von

Es war einmal ein Zwerg, der war einen Meter siebenundachtzig groß.

So lautet nicht nur eines der kürzesten Märchen, die sich denken lassen. Es beschreibt auch die Konstitution des kleinen Mannes im Spätsommer 2016: Er ist über sich hinausgewachsen.

Zum einen ist das rein physiologisch zu verstehen: Die Durchschnittsgröße der Menschen in der westlichen Hemisphäre ist in den letzten einhundert Jahren um zehn Zentimeter gestiegen. Forscher führen das auf den verbesserten Lebensstandard zurück, die gesündere Ernährung, das mildere Klima, die effektivere Medizin, die peniblere Hygiene. Je stabiler und wohlhabender ein Gemeinwesen, desto größer diejenigen, die in ihm leben, so lautet ihre Formel. Der Anthropometriker John Komlos sagt, die Körpermaße seien sogar ein genauerer Indikator für den Zustand einer Gesellschaft als das Pro-Kopf-Einkommen oder das Bruttoinlandsprodukt. Du bist aber groß geworden, das wollen wir dem kleinen Mann also zurufen. Das macht die frische Luft, das gute Essen.

Kein Körperklaus fährt im Fiat Panda ins Fitnessstudio, er passt ja gar nicht hinein.

Wo er noch unter relativem Minderwuchs zu leiden glaubt, ihn seine bertivogtshafte Untersetztheit frustriert, da geht er oftmals ins Quadratische. Früher saß er grau in Eckkneipen herum und murmelte Flüche über die da oben in seine Biertulpe, heute geht er lieber in die Muckibude und kämpft sich in die Breite. Auch sein Brustumfang dürfte indes um zehn Zentimeter gewachsen sein. Es ist ein verblüffendes Paradox: Der Sektor der harten körperlichen Arbeit schrumpft dahin, aber der kleine Mann, der sie nun nicht mehr verrichten muss, wird immer stärker. Wie viele Kugelschreiber er mit seiner antrainierten Kraft beim Beschriften von Leitzordnern vor lauter Sehnsucht nach echter Maloche zerbrochen haben mag, hat noch kein Statistiker ermittelt. Möglicherweise kommt für jeden ein tätowiertes Sternchen auf der Elle hinzu, das geheime Kriegsmal der Büro-Rambos. Urgroßonkel Heini, ein auf Jahrmärkten beliebter Kraftkünstler, der ganze Ausflugsgruppen in die Höhe stemmen konnte, sieht auf dem vergilbten Foto aus den zwanziger Jahren im Vergleich zu seinen Neffen aus wie ein kachektischer Hering.

Mit dem kleinen Mann wachsen seine Autos, ganz so wie das Haus einer Schnecke: Kein Körperklaus fährt im Fiat Panda ins Fitnessstudio, er passt ja gar nicht hinein. Wie Tim Wiese, der Gigant unter den kleinen Männern, der als Vorbild so hell strahlt wie seine gebleichten Zähne, rast er im sternenkreuzerartigen Boliden dem Horizont entgegen, der dort drüben, hinter dem Kreisverkehr, ja schließlich irgendwo liegen muss. Automobilkonzerne finanzieren die teuren Volksvermessungen gerne mit, denn sie wollen schließlich wissen, wie groß der Abstand zwischen Ledersitz und Rennlenker in Zukunft sein muss.

Zum anderen ist das Wachstum des kleinen Mannes auch existenziell zu verstehen: Er sieht sich inzwischen auf Augenhöhe mit jenen, die für seinen grauen Eckkneipenvater noch die da oben waren, vollkommen unerreichbar, seiner tristen Wirklichkeit aus Henkelmann, Fahrgemeinschaft, Rückenschaden, Leberwurst, Steckrüben, Skatrunde und Schrankwand gänzlich enthoben. Er vegetierte in der anonymen Masse des Wahlvolks vor sich hin, steckte das Kleingeld, das der Finanzminister ihm nicht aus der Tasche gezogen hatte, in den mintgrünen Sparschrank, Fach siebzehn, er war in seine Schicht einbetoniert, in seine Mietswohnung, das Vereinsheim, und in seinem Leben bewegte sich gerade so viel, wie er am Kilometerstand seines Opel Kadett ablesen konnte.

Früher war der kleine Mann einbetoniert in ein Schichtsystem, heute kann er sich wie der Jever-Mann in die Dünen fallen lassen, wenn ihm danach ist. © Ernst Haas/Getty Images

Nicht so bei seinem Sohn, dem neuen, großen kleinen Mann: Seine Milieus haben sich aufgelöst, er ist plötzlich wie hineingeworfen in diese Welt, er kann klein bleiben, wenn er möchte, er kann aber auch der Jever-Mann sein, der auf den Termin pfeift und sich rücklings in die Düne schmeißt, und an guten Tagen empfindet er das als Befreiung, als Chance, sich aufzuschwingen, zu denen da oben. Dann schaut er nicht mehr zu ihnen auf, sondern ist mit ihnen bei Facebook befreundet, er liest nicht mehr die Mitgliedszeitschrift der IG Metall, er liest GQ, er frühstückt nicht mehr, er bruncht, er ruht sich nicht mehr aus, er macht Wellness.

Seine Muskeln sind dick, aber seine Haut ist dünn.

Die ästhetischen Niveauunterschiede zu den Reichen und Schönen hat er mit der Vehemenz eines Lottokönigs eingeebnet, er schmückt sich nun mit den Insignien des säkularen Adels, mit großen Autos eben, in denen er vollklimatisiert die Kinder zum Keyboardunterricht kutschiert, mit Fernsehern von den Ausmaßen eines Wandteppichs, Marmorimitat aus dem Gartencenter, Eiswürfel speienden Kühlschränken, Whirlpools im Schlafzimmer, mit Profigrillen zum Preis eines Hubschraubers, auf die er seine Discounterwürstchen wirft, Strass vom Weihnachtsmarkt und Urlaubsreisen nach Norderney, wo er verbrannten Gesichts mit dem Bananenweizen in den Sonnenuntergang prostet und aussieht wie ein Mischung aus Claus-Dieter Wollitz, Ralf Möller, Dieter Bohlen und Christian Wulff. Auf seinem übervoll bestickten Polohemd künden exotische Gestade von seiner vorgeblichen Weltläufigkeit. Er war nie dort, weil es diese Orte nicht gibt. Aber La Martina klingt nun mal mondäner als Vogelpark Walsrode. Und wer der Anmutung des Weitgereisten noch etwas Militärisch-Schneidiges hinzusetzen will, der trägt Camp David, als wäre er soeben aus der Airforce One gestiegen, wie ein vierschrötiger, kumpelhafter Pilot, der mit dem US-Präsidenten privat gern mal auf Pumas schießt.

Seiner auch nicht mehr ganz so kleinen Frau schenkt er das Landlust-Abonnement zum Vierzigsten. Und sie begrünt nach der Lektüre umgehend den Carport, stellt Terrakottabuddhas in die Beete, drapiert Lavendel auf der Gästetoilette, baut die ganze Doppelhaushälfte zum Lerchenhof um, einem Biedermeierschlösschen in der Neubausiedlung. In dieser neuen Häuslichkeit aber, dem Rückzug ins Gemütliche, offenbart sich der kleine Mann als das, was er tief in seinem Inneren immer noch ist: klein halt.

Treffen sich drei Do-it-yourself-Patrioten

Die Welt erscheint ihm, je mehr er darüber zu wissen glaubt, durch die Blitzmeldungen, die in sein Handy einschlagen, durch den Sarazzin und den Ulfkotte auf dem Nachtkästchen und durch andere, die es endlich mal sagen, all den Untergangspornografen, die er sich mit verklemmter Lust reinzieht, auf beängstigende Weise immer größer. Flüchtlingskrise, Terrorangst und Edward Snowden, TTIP, Putsch und Fukushima: Mit dieser unschönen Wirklichkeit möchte er nicht behelligt werden, er wertet sie als Ruhestörung am wohlverdienten Wochenende. Jetzt nicht, Welt! Die Sportschau läuft. Überwachungskameras sollen überdies das Eindringen globaler Probleme in seine Wohnlandschaft verhindern, an das Vogelhaus montiert er eine Abwehrkrähe.

Es gibt aber auch kleine Männer, die sich dazu berufen fühlen, die Dinge in das zu bringen, was für sie Ordnung darstellt, sie zu ihrem Projekt zu machen, wie es ihnen die Baumarktreklame suggeriert hat. Früher hielten sie sich für die besseren Bundestrainer, heute für die besseren Politiker, sie schicken sich an, das Land zu renovieren, als wäre es unser Omma ihr klein Häuschen. Treffen drei dieser Do-it-yourself-Patrioten aufeinander, gründen sie reflexhaft einen AfD-Ortsverband. Unser Dorf soll schöner werden. Und am schönsten wäre es doch, wenn die ganze Welt ein Dorf wäre! Unser Dorf. Hat eigentlich schon jemand die psychosomatischen Gemeinsamkeiten zwischen Brexit-Befürwortern und Landlust-Abonnenten untersucht? Hypothese: Ihre restaurativen Lebensauffassungen passen in einen Vorgarten, umgeben von einem möglichst hohen Zaun.

Das neue ZEITmagazin MANN – ab 6. September 2016 am Kiosk.

Mit dem Körper, dem Selbstwertgefühl und dem Auto des kleinen Mannes sind auch seine Ängste gewachsen, vor dem Fremden, der ihm das Discounterwürstchen vom Profigrill stehlen könnte, vor einer dräuenden Zukunft, in der seine Kinder nicht mindestens genauso groß werden wie er, vor einem Leben, das die Planungsintensität eines Wochenendeinkaufs übersteigt. Seine Muskeln sind dick, aber seine Haut ist dünn. Er hupt jetzt mehr, wenn er mit seinem großen Auto unterwegs ist. Er ruft: Wir sind das Volk. Wobei unklar ist, wer das heutzutage eigentlich ist: wir. Viele kleine Männer, die wütend durch die Innenstädte spazieren gehen, wollen gemeinsam etwas nicht, aber gibt es auch etwas, was sie gemeinsam wollen? Für den feierlichen Moment im Fackelschein ist das egal. Hauptsache, man beachtet ihn. Denn er fühlt sich in all seiner neuen Größe und Breite dann doch manchmal übersehen. Irgendwie so... klein. War all das Wachstum denn vergeblich? Wird das schöne Grün am Carport letztlich auch verwelken, der Sturm der Zeit die Doppelhaushälfte hinfortfegen? Wäre es nicht doch manchmal ganz angenehm, eines dieser guten alten Milieus zu haben, in dem er sich verstecken könnte, inmitten anderer kleiner Männer, und alle tragen die gleichen bahamabeigen Blousons bei dem Betriebsausflug in den Vogelpark Walsrode? Gibt es La Martina wirklich nicht? Und sieht er unter dem Selbstbräuner nicht doch aus wie sein Vater, der graue Sack?

Es war einmal ein Zwerg, der war einen Meter siebenundachtzig groß.


In der Liebe, im Job, in der Familie oder der Freizeit: In den vergangenen 20 Jahren hat sich vieles an dem Männerbild unserer Gesellschaft verändert. Das ZEITmagazin ONLINE widmet sich mit der Serie "Der neue Mann" den Problemen und Herausforderungen des modernen Mannes. Mehr lesen Sie hier.

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