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"Tatort"-Kritikerspiegel Thomas de Maizière gefällt das!

Aber auch unseren Kritikern? Ein sprechender Affe, ein Snuff-Video und zwei Kommissare, die gegen künstliche Intelligenz kämpfen. Lohnt sich dieser absurde "Tatort"?

Die Stuttgarter Kommissare Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) ermitteln im Todesfall einer jungen Frau. Sie war Probandin für ein selbstlernendes Social-Analysis-Programm, das Straftaten verhindern soll. Bald taucht im Netz ein Video auf, das den Tod der Studentin zeigt, und Lannert und Bootz bekommen es mit den Gefahren künstlicher Intelligenz zu tun.


1. Worüber werden am Montag alle reden?

Doris Akrap: Thomas de Maizière hat im Darknet ein Modell vom Überwachungssystem Bluesky mit automatischer Gesichts- und Anschlagsplanungserkennung (per Nachnahme) bestellt und es an eine geheime Adresse schicken lassen, weil ein Teil seiner Technikoffensive die Bevölkerung verunsichern würde.

Christian Buß: Über das Snuff-Video, in dem in aller Ausführlichkeit eine junge Prostituierte in Fetischkleidung mit einer Plastiktüte erstickt zu werden scheint. Die alte Frage: Wie viel Gewalt darf man um 20.15 Uhr zeigen?

Lars-Christian Daniels: Hoffentlich über die vielen gelungenen Anspielungen auf 2001: Odyssee im Weltraum. Stanley Kubricks Meisterwerk und der darin thematisierte Kampf "Mensch gegen Maschine" standen für diesen tollen Science-Fiction-Tatort nämlich Pate. Da dürfen Menschenaffen und die Hänschen klein-Melodie nicht fehlen. Andererseits: Wahrscheinlich geht es am Montag doch wieder um den knackigen Hintern von Felix Klare und den alten Porsche von Hauptkommissar Lannert.

Kirstin Lopau: Das gute alte Motiv aus dem Horrorfilm: ein Monster, das sich gegen seinen Erschaffer auflehnt, jetzt quasi 2.0 in die virtuelle Welt gerückt. Steht uns das wirklich im digitalen Zeitalter bevor, dass sich Computerprogramme gegen ihre Programmierer wehren? Und wenn das auch nur ansatzweise wahr werden könnte, brauchen wir dann wirklich mehr Datenspeicherung, Videoüberwachung und den noch größeren Lauschangriff?

Carolin Ströbele: Wer die meisten Filmzitate aus Odyssee im Weltall von Stanley Kubrick in diesem Tatort gefunden hat.

 

2. Was haben Sie aus diesem "Tatort" gelernt?

Doris Akrap: Man sagt nicht mehr kafkaesk, wenn man Kafkaeskes erzählt – es reichen Kapitelüberschriften aus Kafkas Erzählungen. Und Thomas de Maizière hat recht: Der Mörder ist immer der mit dem Rucksack. 

Christian Buß: Frei nach Stanley Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum, wo der Computer HAL 9000 ein neurotisches Eigenleben entwickelt: Lässt man die künstliche Intelligenz von der Leine, hat der Mensch bald nichts mehr zu melden.

Lars-Christian Daniels: Öfter mal das Smartphone abschalten! Wobei: Selbst das scheint mittlerweile nicht mehr vor totaler Überwachung zu schützen.

Kirstin Lopau: Oh, so allerhand! Wenn man ein Monster erschafft, immer für einen Notausschalter sorgen. Das Handy, wenn es wichtig wird, unbedingt in eine Eisenkassette legen, damit es nicht weiter ausgespäht werden kann. Im Präsentationsgespräch mit potenziellen Kunden unbedingt für illuminierte Sessel sorgen. Einige Juristen können sehr gut tanzen. Männer, die sich selbst nackt als Desktop-Hintergrund auf ihrem Tablet haben, müssen einen an der Waffel haben. Und – das sagt Mutti und ist deshalb besonders wichtig, wenn es um die richtige Partnerwahl geht: "Einer fürs Image, viele für'n Sex".

Carolin Ströbele: Dass man als Kriminaltechnikerin mit 2.300 Euro ohne Zulagen nur eine Wohnung in Stuttgart finanzieren kann, wenn man einen Sparkassen-Direktor als Liebhaber hat.

 

3. Welche Frage bleibt offen?

Doris Akrap: Fährt Thomas de Maizière Fahrstuhl und pfeift dabei Hänschen klein?

Christian Buß: "Bist du echt?" So wird im Film das per Rechner animierte Kunstwesen gefragt. Eine Frage, die offen bleiben muss, da sich irgendwann in diesem Fiebertraum über künstliche und reale Figuren alles miteinander vermischt.

Lars-Christian Daniels: Wo das wohl hinführt mit Staatsanwältin Emilia Alvarez (Carolina Vera) und dem drahtigen Tangotänzer Elias? Als die Frankfurter Hauptkommissarin Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki) 2003 im Tatort Das Böse von einem Tanzturnier nach Hause kam, stolperte sie prompt über ihre ermordeten Eltern. Für Regie und Drehbuch damals wie heute verantwortlich: Niki Stein. Gerade noch mal gut gegangen, Frau Alvarez.

Kirstin Lopau: Ist Bluesky jemals zu stoppen oder kontrolliert er uns alle schon?

Carolin Ströbele: Einen Sparkassen-Direktor? Echt jetzt? Oder war des e Späßle?

 

4. Welche Rolle hätte man besser besetzen sollen? Und mit wem?

Doris Akrap: Den "Maincharacter Judy", der "Gag aus der Entwicklungsabteilung", durch Thomas de Maizière in Stanley Kubricks Affenkostüm.

Christian Buß: Fiese Frage im Zusammenhang mit diesem Film über virtuelle Wirklichkeiten. Können doch die künstlichen Figuren, die durch das Computerprogramm führen, durch den Befehl "delete character" gelöscht werden. Wenn so ein Knopf erst mal in den Tatort-Redaktionen installiert ist – gefährlich!

Lars-Christian Daniels: Besser als der animierte Menschenaffe Judy des selbstlernenden Überwachungsprogramms Bluesky hätte sicher das bedrohliche rote Licht des HAL 9000 aus Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum in die sterile Firmenzentrale der Softwarefirma gepasst: Dort scheint es außer Weiß, Rot und Blau ohnehin keine anderen Farben zu geben.

Kirstin Lopau: Lassen Sie uns über Elias sprechen. Der "Referendar ist ein Vollidiot, aber ein guter Tänzer", so Staatsanwältin Alvarez, die sich beim Tango ziemlich von ihm umgarnen lässt. Mit dem Bezirzen älterer Damen poliert er sein Referendargehalt auf, erzählt er. Leider kann ich nicht glauben, dass ein solcher Milchbub mit Halstuch bei älteren Damen gut ankommen würde. Ich plädiere an dieser Stelle für eine posthume Besetzung von Patrick Swayze. Der tanzte zwar Mambo in Dirty Dancing, bekam ebenso Geld von älteren Damen zugesteckt, sah dabei aber wesentlich besser aus. Gott hab ihn selig.

Carolin Ströbele: Die künstliche Intelligenz HAL im Affenkostüm sieht so doof aus, dass man ihre Wandlung zum Weltherrscher nicht wirklich mitgehen kann.

 

5. Von welcher Szene werden Sie träumen?

Doris Akrap: Vom Nacktfoto des Referendars von der Frau Alvarez. Thomas de Maizière gefällt das.

Christian Buß: Von der oben beschriebenen SM-Szene. Es wird kein schöner Traum. 

Lars-Christian Daniels: Lannert erteilt einem aufs Brutalste schwäbelnden Digital Native eine Abfuhr, als der ihn als Facebook-Freund hinzufügen will. "Ich brauch keine Freunde", motzt der am liebsten offline lebende Stuttgarter Kommissar zum Abschied. Oder wie Deichkind sagen würden: Like mich am Arsch

Kirstin Lopau: Der Programmierer David Bogmann rennt mit einer Schrotflinte feuernd durch den Serverraum und schreit dem Computerprogramm entgegen: "Wo bist du? Ich krieg dich!" Das merke ich mir für meinen nächsten Laptopabsturz oder wenn das Update mal wieder nicht funktioniert. Außerdem sehenswert ist das Loft von David: Das kriegt man im Winter bestimmt nicht warm, aber es ist wirklich sehr stylisch.

Carolin Ströbele: Von den ständigen Kreisfahrten der Kamera. Schwindelalarm.

 

6. Von 0 (super spannend) bis 10 (schon um halb neun eingeschlafen): Wie viele goldene Schlafmützen bekommt dieser "Tatort"?

Doris Akrap: Vier. Eigentlich sechs, wegen der geilen Wärmebildkamerafarben und dem Showdown. Aber Punktabzug, weil der Data Scientist nicht das Pauschenpferd in seinem Loft benutzt hat und kein Plakat von Stanley Kubrick oder Thomas de Maizière an seiner Wand hing.😴😴😴😴

Christian Buß: Zwei Schlafmützen. 😴😴

Lars-Christian Daniels: Zwei Schlafmützen. 😴😴

Kirstin Lopau: Guter Ansatz, interessanter Plot, gute Schnitte – ich fühlte mich prächtig unterhalten, deshalb nur zwei Schlafmützen.😴😴

Carolin Ströbele: Gute drei. Wenn man die Kommissare rausrechnen könnte, wären sogar noch mehr drin gewesen. 😴😴😴

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