Der neue Mann Ein Leben auf der Streckbank

Heute soll ein Mann alles sein: Vater, Hausmann, Handwerker, erfolgreich und gutaussehend. Er soll weicher werden und immer härtere Kritik ertragen. Wie hält man das aus? Von

Vor Kurzem lag ich mit drei Vätern in einem kleinen Park neben einem Berliner Wasserspielplatz. Die Kinder rannten mit Gießkannen, Eimern und Wasserpistolen durch die Sonne, wir hatten uns kurz nach 17 Uhr kaltes Bier vom Kiosk geholt, ließen uns die Sonne ins Gesicht scheinen und freuten uns über das Dasein als, nun ja: halbwegs moderne Väter.

Es war einer der vielen Momente in den vergangenen Jahren, in denen ich dachte: Vielleicht sind die Männer in den letzten 2.000 Jahren einfach nur fabelhaft verarscht worden. Vielleicht war es in der Höhle, auf dem Hof, in der Stube immer schon besser als auf der Jagd, dem Feld und in der Fabrikhalle. Und vielleicht sollte ich den ganzen Krempel mit dem Ehrgeiz, der Karriere und dem Geld lächelnd anderen überlassen, stattdessen Risotto kochen, Muffins backen, zum Kinderbauernhof fahren und Esel streicheln.

Aber anders als die voll berufstätige Frau ist der Mann, der sich nur noch um Kinder und Haushalt kümmert, kaum mehr als ein Mythos. Gibt es, aber statistisch unterhalb der Messbarkeitsgrenze. Die Frage an den modernen Mann lautet nämlich eben nicht: Kind oder Karriere? Sondern ob man das perfekte Optimum aus Karriere und Emanzipation findet, bei dem weder am einen noch am anderen Ende des Lebens irgendwelche Defizite zu erkennen sind. Heraus kommt ein Leben auf der Streckbank.

Berufstätige Mütter kennen diesen Stress natürlich. Diese innere Anspannung, wenn es exakt in dem Moment, in dem man zum Kindergarten aufbrechen wollte, plötzlich noch etwas wahnsinnig Wichtiges, Berufliches zu besprechen gibt. Und natürlich ist das unfair: Sagt ein Mann, dass er wegen des Kindes keine Zeit habe, kann man die Bewunderung fast greifen: So ein toller, emanzipierter Mann! Frauen in exakt derselben Situation müssen sich rechtfertigen: Wie, Sie müssen los? Sind Sie so unemanzipiert? Kann das nicht ihr Mann machen? Die alten Zuständigkeiten, sie schimmern bei allem guten Willen überall noch durch.

In diesem märchenhaften Es-war-einmal-früher, in dem die Welt noch sortiert schien wie ein kleinbürgerlicher Haushalt, war die Aufgabenteilung in der heteronormativen Zweierbeziehung vollkommen eindeutig: Die Paarbeziehung war eine gesellschaftlich vorgeschriebene Aufgabenteilung, so komplex wie die Zuständigkeiten eines Messers und einer Gabel. Die perfekte Ergänzung, keinerlei Überschneidung oder Konkurrenz. Der Mann von heute soll dagegen ein Schweizer Taschenmesser sein: Je nach Umstand und Situation mal Nähnadel, mal Nagelschere, Feile oder Pinzette – und dann doch wieder Messer, Schraubenzieher oder gar Säge. Immer schön flexibel!

Als Mann, Vater und Karrierist in Personalunion, so könnte man meinen, sollte dem modernen Mann ein wenig Anerkennung gewiss sein. Aber Pfeifendeckel. Dass ältere Chefs nur milde beeindruckt und eher verwundert nicken, wenn man eilig zum Kinderarzt muss: geschenkt. Sollen sie eben denken, man hätte nicht genug Ehrgeiz. Den viel schlimmeren Verrat begehen aber gerade die, die der moderne Mann eigentlich zu seinen engsten Verbündeten zählen sollte: junge, feministisch gesinnte Frauen.

Sagt ein Mann, dass er wegen des Kindes keine Zeit hat, kann man die Bewunderung fast greifen: So ein toller, emanzipierter Mann!

Doch je mehr junge Frauen in gesellschaftliche Machtpositionen vordringen, je mehr sie Diskussionen prägen und Debatten beherrschen, desto mehr zeigt sich: Der Sexismus und das Herablassende gegenüber dem jeweils anderen ist offenbar keine Frage des Geschlechts, sondern nicht mehr als eine Verlockung gesellschaftlicher Macht. Wo immer Feministinnen die Diskussion beherrschen, ist Häme gegenüber Männern nicht weit. Alle Männer pauschal als "Penisträger" zu verunglimpfen? Gar kein Problem! Ohne Widerspruch von der "Problemzone älterer Mann" zu schwadronieren? Total in Ordnung.

War Feminismus nicht einmal ein inklusives Angebot, zum Vorteil von Frauen und Männern?

Man muss nicht einmal den simplen Gegentest machen und die entsprechenden Begriffe auf Frauen münzen, um zu merken: So geht das nicht. Seit wann bitte ist "Penisträger" ein akzeptables Synonym für die Gesamtheit aller Männer? Warum widerspricht keiner? Weil Männer sich nicht zu widersprechen trauen, aus Angst, dass ihnen das sofort wieder als Schwäche ausgelegt wird? Warum ist es vollkommen in Ordnung, von der "Problemzone älterer Mann" zu sprechen? Ohne wenigstens verstehen zu wollen, warum manche älteren Männer sich so angegriffen fühlen?

Dass diese Schubladen auch dazu führen, dass die wohlgesinnten Männer in ihren politischen, gesellschaftlichen und familiären Überzeugungen einfach übergangen werden, ist ein Drama: Wenn ich als Mann sowieso und immer ein Schwein bin, denkt sich der moderne Mann, warum dann überhaupt noch die Mühen? Vor allem aber: War Feminismus nicht einmal ein inklusives Angebot, zum Vorteil von Frauen und Männern?

Wenn man genau hinschaut, einerseits die Argumente ernst nimmt und andererseits die Häme von den Inhalten trennt, offenbart sich schnell, woher der Hass kommt: Er ist ein Racheakt. Ein Art Revanche für 2.000 Jahre Unterdrückung der Frau. Etwas salopp formuliert: Mit Männern kann man es ja machen. Männer, egal welchen Alters, egal welcher Überzeugung, haben es halt nicht anders verdient. Wo immer Frauen benachteiligt, ausgelacht und herabgewürdigt wurden, sollen nun Männer am eigenen Leib erfahren, wie das ist. Der Mann als argumentatives Freiwild.

Entweder findet man Bodyshaming in Ordnung. Oder eben nicht.

Anstatt die neuen Rollen gemeinsam zu hinterfragen und die Aufgaben tatsächlich neu zu verteilen, wird aus nachvollziehbarer Kritik ein billiger Frontalangriff. Das mag befriedigend sein, an den Fakten hat es allerdings nichts geändert. Einziger Effekt: Dass viele Männer keine Lust mehr auf die Auseinandersetzung haben. Auch dann nicht, wenn sie eigentlich notwendig wäre.

Teil dieser Revanche ist, dass nun endlich auch auf dem männlichen Körper herumgehackt werden darf. Wo die Männer der Babyboomer-Generation, aus ihrem Selbstverständnis als Alleinernährer und Familienoberhaupt, noch jede Kritik am Körper mit einem patzigen "Ein Mann ohne Bauch ist ein Krüppel" abwehrten, wird der Männerkörper heute selbstverständlich unter ästhetischen Gesichtspunkten diskutiert. Dadbod, cool oder ekelhaft? Man stelle sich vor, so würde öffentlich über Cellulite diskutiert!

Die Widersprüche offenbaren sich schnell: Nacktbilder von Frauen sind schlimmer Sexismus. Wenn Männer ihre Waschbrettbäuche in die Kamera halten, ist das aber schön. Was für ein Quatsch. Entweder findet man Bodyshaming in Ordnung. Oder eben nicht.

Grundsätzlich ist der Frust von Frauen natürlich nachvollziehbar – und damit auch das Bedürfnis nach Rache. Wenn Emanzipation tatsächlich nicht mehr ist als ein Machtkampf zwischen Frauen und Männern, wie das ja auch viele konservative Männer denken, dann muss man das auch so benennen. Wenn die Emanzipation aber ein gemeinsames politisches Projekt sein soll, dann müssen auch die Tritte aufhören.

Ein "Penisträger" mit Waschbrettbauch

Während Männer nämlich gleichzeitig immer sensibler, weicher und emotional zugänglicher werden sollen, wird die Kritik am Mann immer härter. Wenn man das nur halbwegs konsequent zu Ende denkt, landet man bei einem Idealbild mit Waschbrettbauch, Dreitagebart und ausdefiniertem Bizeps, der allabendlich eine hervorragende Pasta alla Norma kocht, mit den Kindern kuschelt und Gedichte von Thomas Brasch aufsagen kann – dann aber heimlich weint, weil er als "Penisträger" und "Problemzone" verlacht wird. Einerseits soll der Mann immer weicher werden, andererseits soll er immer mehr Gehässigkeiten stoisch aushalten. Es ist absurd.

An jenem Nachmittag am Wasserspielplatz, nachdem ich mein Kind ins Bett gebracht hatte, saß ich noch eine Weile auf dem Balkon und hing diesem Gedanken nach: Aus dem Hamsterrad der Männlichkeit aussteigen, über die Anforderungen und Klischees lachen, sich anders definieren. Und stellte fest, wie sehr mich das infrage stellen würde. Wenn ich ehrlich bin, dachte ich, kann ich noch so viel backen und kochen und Esel streicheln. Als Mann, der sich redlich Mühe gibt, halbwegs modern zu sein, definiere auch ich mich über meinen Beruf und über das, was ich erreicht habe. Nicht nur im Büro.

Neben Status, Arbeit, Geld – den klassischen Schlachtfeldern der Männlichkeit – beackere ich eben auch noch die modernen Herausforderungen: Zeit zu Hause verbringen, Fotos vom Spielplatz machen, Küche und Bad putzen, Kuchen backen und, ja, auch sonnige Bilder auf Instagram posten. Im Grunde, dachte ich, bin ich ein klassischer Mann, der halt auch singt und vorliest. Ein deprimierender, ermüdender Gedanke.

Das neue ZEITmagazin MANN – ab 6. September 2016 am Kiosk.

Aber es wird auch nicht die Lösung des Problems sein, wenn Frauen nur noch arbeiten und Männer nur noch kochen. Und genauso wenig – weder für Männer noch für Frauen – kann die Antwort sein: Dass man alles können muss, jederzeit. Aber wir sollten alle zumindest bereit sein, jede lästige Pflicht zu erledigen, egal ob mit dem Staubsauger oder mit dem Schlagbohrer. 

Das kann tatsächlich funktionieren. Ausgerechnet im sogenannten wertkonservativen Milieu, hat die feministische Sozialwissenschaftlerin Sarah Speck herausgefunden, arbeiten Männer und Frauen so zusammen, dass die Aufgabenteilung am ehesten als fair zu beurteilen ist. "Das funktioniert, weil wir in diesem Milieu eine starke Orientierung auf Familie und Gemeinschaft und weniger eine auf Selbstverwirklichung im Beruf haben," sagte Speck der Wochenzeitung Jungle World. Vielleicht ist das ein Teil der Lösung: weniger an sich denken. Weniger über Männer und Frauen nachdenken. Sondern mehr über gemeinsame Interessen. Und Aufgaben. 

Klingt einfach, ist aber wahnsinnig schwer.

In der Liebe, im Job, in der Familie oder der Freizeit: In den vergangenen 20 Jahren hat sich vieles an dem Männerbild unserer Gesellschaft verändert. Das ZEITmagazin ONLINE widmet sich mit der Serie "Der neue Mann" den Problemen und Herausforderungen des modernen Mannes.

Kommentare

221 Kommentare Seite 1 von 24 Kommentieren

Sehe ich auch so.
In meiner Umgebung gibt es viele "emanzipierte" Paare, aber die genannten Probleme Mann/Frau eher nicht.
Und natürlich ist bei weitem nicht nur der "ältere Mann", der "Penisträger" die Problemzone, sondern viel mehr noch die "ältere Frau", die zu kleinen/grossen/schlaffen "Titten".
Vielleicht sagt man es weniger öffentlich, aber in den Köpfen ist es noch vorhanden.

Vielleicht kann man nach 2000 Jahren Männerherrschaft nun nach den paar Jahr(zehnt)en - und nur im Westen ! - nicht gleich erwarten, dass alles super läuft. Es wird sich eben einschwingen müssen.

Und auch die Arbeitgeber machen es Eltern leider sehr schwer.