Bulimie und Anorexie Wir brauchten die Magersucht

In unserer Wohngemeinschaft für essgestörte Mädchen kannten wir alle Tricks, um über unser Untergewicht hinwegzutäuschen. Doch die Zeit dort hat mein Leben gerettet. Von

Als Alina* aufstand, nutzte ich die Gelegenheit. Alle sahen ihr nach, der Moment war perfekt. Unbemerkt konnte ich die Butter unter den Tisch schmieren. Später irgendwann, wenn das Abendessen vorbei war, würde ich sie wegwischen. Ich hinterließ keine Spuren. Das wäre mir peinlich gewesen.

Es war nicht das erste Mal, dass ich das machte: Mit dem Messer die Butter vom Teller kratzen, den unsere Pädagogin Fine* für mich und die anderen elf essgestörten Mädchen in unserer WG vorbereitet und aufgetischt hatte. Gar nicht erst auf die Scheibe Graubrot schmieren, sondern daran vorbei, in die linke Hand, mit rechts schnell die Scheibe Putenbrust auf die Stulle legen. Anheben, reinbeißen, für eine Magersüchtige, die sonst 20 Minuten für ein Knäckebrot braucht, geradezu verschlingen. Schnell also, ehe Fine das Fehlen des Fettes bemerkt.

Ich war 16 Jahre alt als ich in die Wohngemeinschaft einzog. Mit 13 hatte ich einen Film gesehen, der von zwei Highschoolmädchen handelte, die sich gemeinsam mit Essen vollstopften und danach übergaben. Das ging ein paar Jahre gut, sie waren schön, beliebt, hatten Dates. Auch wenn der Film kein gutes Ende nahm, dachte ich: Toll, endlich habe ich einen Weg gefunden, wie ich nicht auf Essen verzichten muss, um schön zu sein. Ich tat es den beiden nach und verlor schon bald die ersten Kilos. Damals, mit 13, wog ich 73 Kilogramm bei 1,63 Meter Größe. Drei Jahre später hatte ich mich gewichtsmäßig fast halbiert.


Ein gemeinnütziger Verein hat die Wohngemeinschaft für Mädchen mit Bulimie und Anorexie gegründet. Auch wenn unsere Betreuer dort nicht alle unsere Schummeleien am Tisch mitbekamen, wir Mädchen sahen alles. Jeden Bissen Kohlenhydrate, jedes Gramm Fett, jeden Schluck Saft, den eine andere weniger zu sich nahm, als man selbst. Wenn wir eines taten, und zwar alle aus der WG, dann war das vergleichen. Ständig und mit jedem. Wir werteten uns selbst im Vergleich zu den anderen, andere im Vergleich zu uns. Da kam schnell Hochmut auf, Neid, Druck oder Traurigkeit. Wir konnten nicht anders, weil wir uns ohne äußere Parameter wie Kilogramm, Größen oder Kalorien gar nicht selbst einschätzen konnten. Das Ich, das wir meinten, wenn wir von uns selbst sprachen, das gab es immer nur im Vergleich zu den anderen.

Anorexie und Bulimie als beste Freundinnen

Weil die Toilettenräume nach dem Essen immer anderthalb Stunden verschlossen waren, kotzten wir Mädchen aus Wohngruppe I aus dem Fenster und in Blumenkübel. Wir nahmen Abführmittel. Und tranken, damit wir wenigsten etwas im Magen haben, drei bis vier Flaschen Cola Light am Tag. Besonders viel morgens, vor dem Wiegen. Wir nähten Blei aus Gardinenschnüren in unsere Unterwäsche. Alles, bloß damit die Ärzte und Pädagoginnen unserer Einrichtung nicht bemerkten, dass wir trotz der sechs Pflichtmahlzeiten am Tag weiter an Gewicht verloren. Das wäre mit Sportverbot bestraft worden. Damit, dass wir am Wochenende unsere Familien nicht besuchen durften. Oder, als letzte Maßnahme, mit einer Einweisung in die Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Natürlich bemerkten die Ärzte, Betreuer und Psychologen unsere Tricks. Aber obwohl die Regelungen für Essen, Sport, Ausgang und bezüglich unseres Gewichts strikt waren – der Sinn des Zusammenlebens in dieser Wohngemeinschaft bestand nicht darin, dass man uns für einigermaßen normalgewichtig hielt. Zumindest nicht, solange Gesundheit und Leben nicht akut in Gefahr waren. Am Wichtigsten war, dass wir aus dem Umfeld rauskamen, in dem wir krank geworden waren. Die Tabellen, Waagen und Kalorienrechner waren nur der Rahmen, den wir unseren eigentlich viel tiefer liegenden Problemen gegeben hatten. Körper und Gewicht lassen sich leichter kontrollieren als die Streitereien der Eltern. Mit den Gedanken immer ums Essen zu kreisen lenkt von Problemen ab. Und den Hunger lange aushalten zu können, suggeriert Stärke und Disziplin, wenn das Leben einen eigentlich überfordert.

Sonja Vukovic in der WG für magersüchtige Mädchen, 2003 © privat

Als ich mit 17 Jahren und 46 Kilogramm in die Kinder- und Jugendpsychiatrie eines Universitätsklinikums eingewiesen und zwangsernährt wurde, gab es da ein Mädchen, das hatte jahrelang ausschließlich Schokolade gegessen. Flüssig, cremig und fest, dunkel und milchig, als Keks, auf dem Brot oder als Bonbon. Aber eben nur: Schokolade. Sonst nichts. Sie wog 36 Kilogramm bei 1,72 Meter Größe. Ihre Organe versagten langsam. Und auf dem Rücken wuchs ihr Lanugohaar, ein Flaum, den zum Beispiel Föten und Krebskranke haben, Menschen, die ihren Wärmehaushalt nicht selbst regulieren können. Menschen wie sie waren für mich längst kein Anblick mehr, der mich schockierte. In der WG waren immer neue Mädchen ein- und wieder ausgezogen, die ähnlich aussahen oder sich auf andere Weise verletzten, indem sie ihre Haare ausrissen, sich am ganzen Körper schnitten oder mit heißen Bügeleisen absichtlich verbrannten. 

Ich hatte längst verstanden: Keine noch so drastischen Konsequenzen können Betroffene, denen schwere körperliche Schäden, Infektionskrankheiten oder Organversagen völlig egal sind, von ihrer Sucht abbringen. Liebe, Geborgenheit und Respekt schon, aber das habe ich erst später verstanden.  

Ich war high, weil der Kreislauf kollabierte

In der Klinik nannten wir die Anorexie und die Bulimie unsere "besten Freundinnen". Was für eine Fehleinschätzung das war, weiß ich heute. Die Aussage suggeriert, dass die Krankheit losgelöst von Derjenigen existiert, die sie in Wahrheit ganz und gar einnimmt. Was wir meinten war: Wir brauchen sie. Fast alle von uns hatten irgendetwas erlebt, das unter der Essstörung verborgen lag: Manche waren von den Eltern als Erfüllung derer Träume überhöht oder überfordert, andere vernachlässigt worden. Manche wurden missbraucht. Andere von Gleichaltrigen gemobbt.

In meiner Familie erlebte ich Sucht und Co-Abhängigkeit. Mein Vater ist Alkoholiker, meine Mutter litt an Depressionen und Panikattacken. Ich wurde früh mit großer Wut und rauschhaftem Temperament einerseits, andererseits mit Aufopferung, Demut und Selbstzweifeln konfrontiert. In der Kombination wurde ich ein Kind, das ständig das Gefühl hatte, nicht zu genügen.

Die Magersucht wurde zu meinem Schutzschild. Sie betäubte, was verborgen bleiben musste, solange ich noch nicht in der Lage war, mich dem zu stellen, was sie ausgelöst hatte. Oft hatte ich das Gefühl, sie verleihe mir Flügel, dabei war ich bloß high, weil mein Kreislauf ständig kollabierte. Und sie gab mir das absurde Versprechen, wenn ich nur dünn genug bin, gut genug, dass ich irgendwann geliebt werde. Erst viele Jahre später fand ich in mir selbst eine von Erwartungen unabhängige Liebe.

Meine Kranken- und Heilungsgeschichte zog sich über 13 Jahre hin. Heute bin ich 31 Jahre alt, gesund, verheiratet, Mutter einer kleinen Tochter und habe mittlerweile ein gutes Verhältnis zu meinen Eltern, die auch viel richtig gemacht haben. Wenn man mich fragt, was mir geholfen hat, dann sind es die Menschen, die an mich geglaubt haben, als ich es selbst nicht konnte. Die mir aber auch ihre Grenzen aufgezeigt haben. Mein Mann etwa hat mir immer klar gemacht, wann es ihm zu viel wurde, und ist so nicht in eine Co-Abhängigkeit geraten. Und: Ich wollte unbedingt gesund werden. Das ist ein schwieriger Punkt, der von Betroffenen und Angehörigen viel Empathie verlangt. Sucht ist eine Krankheit und keine Entscheidung.

Wenn ich zurückblicke, hat mir die Zeit in dieser WG für essgestörte Mädchen das Leben gerettet. Nicht direkt damals, als ich dort wohnte. Ich kann keinen genauen Moment benennen, der alles änderte. Aber ich habe dort Zuspruch erfahren, als ich mich selbst am meisten hasste. Geborgenheit bekommen, wenn ich verloren war und an mir selbst verzweifelte. Ich war unter meinesgleichen und konnte mich so besser öffnen, schämte mich weniger. Aber vor allem hatte ich das Gefühl, dass man mich nicht ablehnt, bewertet und aussortiert, nur, weil ich Erwartungen, Vorgaben oder Ansprüche nicht erfülle. Wenn ich etwa die sechs Mahlzeiten nicht schaffte, hat mich meine Therapeutin nicht beschimpft, sondern in den Arm genommen und mir Mut gemacht, dass es vielleicht am nächsten Tag klappt. Sie zeigte sich nicht enttäuscht, als sie feststellte, dass ich die Regeln, die sie für den Alltag aufgestellt hatte, nicht befolgte. Sie gab mir zu verstehen, dass sie anerkannte, dass es mir noch schlechter gehen muss, damit ich endlich den Mut aufbringen konnte, zu sagen: Ich bin krank.

*Namen wurde geändert


Sonja Vukovic hat die Geschichte ihrer Krankheit und Heilung in dem Buch "Gegessen" (Bastei Lübbe) aufgeschrieben.


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