Digitale Familie Die Wunscherfüllungsmaschine

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© Robert Beck/Getty Images

Der Tigerhai ist weg. Wie wir die Sofakissen auch drehen und wenden, der taschenlampengroße Plastikfisch hat sich in Luft aufgelöst. Der Vierjährige steht mit Tränen in den Augen vor mir und weigert sich, ohne den Hai ins Bett zu gehen. Seit Wochen trägt er das Ding mit sich herum, er wirkt, als habe man ihm ein Körperteil amputiert. Wir durchsuchen das Kinderzimmer, den Flur, die Küche – nichts. Ich versuche ihn zu trösten, dass sich der Hai schon wiederfindet. Er glaubt es mir nicht. Ich sage, dass er auf seine Sachen besser aufpassen muss. Auch nicht gerade hilfreich, wie ich schnell merke. Das Kind schaut mich aus feuchten Augen an und sagt: "Du sollst einen neuen Hai bestellen! Im Internet! Jetzt!"

Für einen Moment denkt mein panisches Vatergehirn ernsthaft darüber nach, ob es bei Amazon wohl so etwas wie eine Super-Sofort-Express-Lieferung gibt. Per Drohne, bitte ultraschnell. Später, das Kind hat sich von der Frau ins Zimmer bringen lassen, sitze ich am Rechner und denke nach. Darüber, welche Idee der Vierjährige von diesem Internet hat.

Am Morgen erst hatten wir eine Unterhaltung in einem Spielwarengeschäft. Wir wollten ein Geburtstagsgeschenk für seinen Kitafreund kaufen. Mein Sohn griff sich ein Lego-Auto aus dem Regal und sagte:

"Kannst du mir das kaufen?"

"Nein, das ist zu teuer, das kann ich dir nicht einfach so kaufen."

"Aber dann kannst du es mir bestellen, oder?"

Kaufen ist mühsam, bestellen geht einfach so, immer.

Ich habe den Eindruck, dass der Kleine das Internet als eine riesige Wunscherfüllungsmaschine sieht. Möchte man etwas haben, tippt man das Gesuchte einfach in den Eingabeschlitz von Google und wenig später schon klingelt es an der Tür. Was ja auch ziemlich genau das ist, was uns Internetfirmen seit 25 Jahren versprechen. Ich frage mich nur, ob das gut ist, dass Wünsche einfach so in Erfüllung gehen können. Wie vermittelt man als Vater den Wert von Dingen, wenn sie theoretisch immer per Klick verfügbar sind?

Marin Majica

Marin Majica und seine Partnerin hatten schon jeweils einen Sohn, als sie sich trafen. Sie bekamen zusammen noch einen dritten. Die Jungs sind heute 17, zehn und vier Jahre alt, tragen alle unterschiedliche Nachnamen, teilen jedoch das große Interesse an digitaler Technologie. Bei ZEITmagazin ONLINE schreibt Marin Majica monatlich die Kolumne Digitale Familie und berichtet aus dem Alltag einer digitalisierten Großstadtfamilie.

Natürlich hat mein vierjähriger Sohn noch keine tatsächliche Vorstellung von Geld. Wenn ihm ein Teil seines Playmobil-Piratenschiffes kaputtgegangen ist, will er das eben nachbestellen. Sofort. Es muss ihm auch ziemlich absurd vorkommen, dass ich manchmal abends nach der Arbeit nach Hause komme, Zwiebeln und Karotten schneide, mich dann an den Herd stelle und Nudeln mit Bolognese koche. Oder mir die Mühe mache und die drei Stockwerke zu unserem Lieblingsvietnamesen runterlaufe, um dann Reisgerichte für die ganze Familie wieder hochzutragen. Wo ich doch auf meinem Telefon eine App habe, in der wir nur ein paar Kästchen anklicken müssen, und nach einer halben Stunde steht ein Fahrradkurier mit einem lustigen rosafarbenen Rucksack vor unserer Tür und drückt uns drei dampfende Riesenpizzen in die Hand.

"Wir bestellen heute das Essen über dein Handy, Papa", sagt der Kleine jetzt häufiger. Er kocht eigentlich gerne mit uns, rührt selbst Pfannkuchenteig zusammen und so. Aber wenn wir bestellen, kann er mit mir Lego spielen, bis das Essen kommt. So lange man nichts von PayPal und erhöhten Preisen für die Lieferung weiß, liegen die Vorteile klar auf der Hand.

Ich ertappe mich dabei, dass ich manchmal genau so wie mein vierjähriger Sohn denke. Es hat schließlich auch für mich einen Wert, Dinge per Klick zu organisieren: Einfachheit. Ich kann mit ihm Lego spielen, bis das Essen kommt. Oder mit allen drei Jungs ein bisschen über den Tag plaudern, statt mit den Töpfen zu hantieren. Es ist auch einfacher, eine seltene Yu-Gi-Oh!-Karte für den Zehnjährigen bei eBay zu bestellen, statt in den Spezialladen fahren zu müssen. Oder ich erspare mir nervtötende Shoppingtouren, indem ich meine Schuhe und Hemden einfach im Netz bestelle, meine Größen und Lieblingsmodelle kenne ich ja. Da achte ich manchmal nicht mehr darauf, dass es im Internet manchmal etwas teurer wird.

Natürlich ist das mit der Einfachheit nicht immer so einfach wie in den großen digitalen Zukunftsvisionen. Unseren großen Söhnen erklären wir schon, dass wir Bücher mittlerweile wieder ausschließlich über den kleinen Buchladen in unserer Straße bestellen – weil wir gegen Monopolunternehmen sind. Und außerdem ist es praktisch, der Buchhändlerin eine E-Mail mit Links zu Titeln bei Amazon zu schicken und schon am nächsten Tag die Bücher abholen zu können, abends immer bis acht Uhr, ohne bei irgendwelchen Nachbarn klingeln zu müssen, weil der DHL-Bote das Paket dort wieder abgegeben hat.

Wir sprechen mit den Jungs auch über die Konditionen, unter denen Menschen bei Lieferdiensten wie Foodora, Deliveroo oder Lieferando beschäftigt werden. Beim Essen haben wir kürzlich durchgerechnet, wie viele Lieferungen so ein Fahrer wohl pro Stunde schafft und auf welchen Lohn er damit mutmaßlich kommt. Der Zehnjährige besteht seitdem darauf, den Kurieren immer mindestens zwei Euro Trinkgeld in die Hand zu drücken. Eine schöne Geste, finde ich. Aber natürlich auch ganz schön teuer, wenn die Pizzeria laut Google Maps nur acht Minuten entfernt ist.

Es bleibt kompliziert. Die Frau und ich besprechen, dass wir dem Kleinen, wenn er wieder seine Bestellungen bei uns aufgibt, jetzt immer sagen, er solle sich die Sachen zu Weihnachten oder zum Geburtstag wünschen. Warten müssen und warten können ist manchmal auch etwas Gutes, glauben wir. Der Vierjährige liegt neben ihr, er ist schließlich mit seinem T-Rex in der Hand eingeschlafen. Den Tigerhai habe ich aber doch noch bestellt, ich habe den gleichen für 3,95 Euro gefunden, bei eBay Kleinanzeigen. Ich weiß, der ist ihm wichtig.

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