Kommissar Reto Flückiger (Stefan Gubser, li.) und seine Kollegin Liz Ritschard (Delia Mayer) verhören Mike Zumbrunn (Lukas Kubik). © ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler

"Tatort"-Kritikerspiegel Todesengel sind jetzt auch auf Snapchat

Trotz Jesus, bipolarer Störung und Prophetenkaraoke wird dieser "Tatort" einen langsamen Tod sterben. Da hilft man gerne! Wenigstens gibt es auch Sex, Ekstase und Evelyn.

Eine Deutsche reist in die Schweiz, um dort mithilfe der Sterbehilfeorganisation Transitus ihr Leben zu beenden. Ihr Sohn behauptet wiederum, sie hätte sich nicht freiwillig zur Sterbehilfe begeben. Die religiöse Organisation Pro Vita kämpft vehement gegen Sterbehilfe und scheint zu allem bereit. Bei den Ermittlungen der Kommissare Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) geht es wahrhaftig um Leben und Tod.

1. Worüber werden am Montag alle reden?

Doris Akrap: Über den Kroatienkrimi von vergangener Woche. Und ob der in dieser Woche besser wird.

Christian Buß: Allenfalls über das undurchsichtige Liebesleben des Kommissars Flückiger. Was auch etwas über die leider bescheidene Wirkungsmacht dieses Tatort aussagt: Statt über den Aufreger Sterbehilfe, der hier lauwarm verhandelt wird, denkt man mehr über die diffusen Amouren des Ermittlers nach. Oje.

Lars-Christian Daniels: Über das Thema Sterbehilfe wohl kaum – das nämlich ist in der Krimireihe ein alter Hut. Wir erinnern uns: Im herausragenden Tatort Außer Gefecht geriet Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) 2006 im Münchner Olympiaturm in die Fänge eines eiskalten Serienkillers (Jörg Schüttauf), der zahlreiche Patienten auf dem Gewissen hatte. 2008 war es dann die Ludwigshafener Kollegin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts), die in der oft überschätzten Sterbehilfefolge Der glückliche Tod von einer todkranken 17-Jährigen emotional an ihre Grenzen gebracht wurde.

Kirstin Lopau: Würde ich oder würde ich nicht in die Schweiz fahren, um mir beim Sterben helfen zu lassen? Man sollte auch in Deutschland viel mehr über das Thema Sterbebegleitung sprechen.

Carolin Ströbele: Todesengel, Sterbehelfer und ein Selfieselbstmord am Sonntagabend. Da kann der Wochenstart nur heiter ausfallen.

Unsere Kritiker

Doris Akrap ist Redakteurin der taz.am Wochenende. Sie hasst den Tatort. Guckt ihn aber trotzdem manchmal, weil Tatort wie Chipsessen ist - ein Mal mit dem Zeug angefangen, kann man nicht mehr aufhören.

Christian Buß ist Kulturredakteur bei Spiegel Online und schreibt dort regelmäßig über den Tatort.

Lars-Christian Daniels bespricht für sein Blog Wie war der Tatort? und das Onlinemagazin Filmstarts den Tatort und weitere TV- und Kinofilme.

Kirstin Lopau ist ZEITmagazin-Leserin und eine der meinungsstarken Kommentatoren bei unseren sonntäglichen Tatort-Diskussionen bei Facebook.

Carolin Ströbele ist Kulturredakteurin bei ZEIT ONLINE, sie analysiert seit 2003 alle Leitmotive im Tatort und erkennt die Kommissare allein an ihren Kaffeetassen.


2. Was haben Sie aus diesem Tatort gelernt?

Doris Akrap: Wenn man sich wünscht, dass die Dekodialoge aufhören, denen man nicht mal den Job als Staubfänger zutraut, wenn man sich wünscht, dass ausnahmslos alle Figuren Besuch von der Sterbehilfe bekommen, und wenn man sich wünscht, einem Livekonzert von Rondo Veneziano beizuwohnen statt die sepiafarbenen Klänge aus dem Fernsehen weiter zu ertragen, dann guckt man gerade einen Sterbehilfekrimi.

Christian Buß: Wer in der Schweiz Sterbebegleitung in Anspruch nimmt, wird dabei gefilmt – aus juristischen Gründen, damit bewiesen werden kann, dass das tödliche Medikament selbst eingenommen wurde. Der Tod und die Kamera: der intimste Moment des Daseins, medial gespiegelt.

Lars-Christian Daniels: Zwei Dinge: Sterbehilfe und Sterbebegleitung sind nicht dasselbe. Und: Ein Bügeleisen lässt sich nicht nur zum Bügeln verwenden. 

Kirstin Lopau: Man muss dafür gemacht sein, als Sterbebegleiter tätig zu sein. Und sehr tapfer als Angehöriger, den Sterbewilligen zu begleiten.

Carolin Ströbele: Dass auch Todesengel auf Snapchat sein wollen.


3. Welche Frage bleibt offen?

Doris Akrap: Warum muss sich ein bipolar Gestörter in Prophetenkaraoke versuchen? Was würde Carrie Mathison aus Homeland dazu sagen?

Christian Buß: Was denken eigentlich die Verantwortlichen zum Thema Sterbehilfe bzw. Sterbebegleitung? Wie in einer Talkshow werden alle Pros und Contras durchgespielt, die Haltung der Filmemacher aber bleibt diffus.

Lars-Christian Daniels: Ist Flückigers neue Flamme Evelyn, die der Zuschauer weiterhin nicht zu Gesicht bekommt, tatsächlich die frühere Mitschülerin von Kollegin Ritschard? "Das war vielleicht eine dumme Kuh, so eine, die immer gepetzt hat", erinnert sich die Kollegin. Man möchte es dem verliebten Kommissar nicht wünschen.

Kirstin Lopau: Wer ist eigentlich Evelyn?

Carolin Ströbele: Wer ist die Freundin von Kommissar Reto Flückiger? Aber: Eigentlich interessiert es mich nicht wirklich.


4. Welche Rolle hätte man besser besetzen sollen? Und mit wem?

Doris Akrap: Den Theologiestudenten. Mit Margot Käßmann. Die hätte sich vor dem Sex noch ordentlich einen angesoffen.

Christian Buß: Die Rolle des Lebensschützers, der mit religiösem Furor gegen die Sterbehilfe wettert, ist doch ein sehr plumpes Klischee. Da hätte man gerne eine subtilere Stimme gehört. Ein beliebiger Talkshowgast aus einer beliebigen Talkshow zum Thema hätte das überzeugender hinbekommen als dieser ölige Pro-Life-Jesus.

Lars-Christian Daniels: Der obdachlose Martin Aichinger (Martin Butzke) ist die mit Abstand anstrengendste Figur des Krimis. Immerhin: Wer bei diesem lange Zeit schleppenden Tatort friedlich wegdöst, dürfte angesichts seiner unfreiwillig amüsanten Brüllattacken und des sprunghaft ansteigenden Geräuschpegels regelmäßig wieder aufschrecken. Ob Lars Eidinger das besser hinbekommen hätte? Auch er wäre wohl nur Gefangener des durchwachsenen Drehbuchs gewesen.

Kirstin Lopau: Den psychisch kranken Martin Aichinger finde ich arg überzeichnet. Den hätte ich mir ein bisschen weniger irre gewünscht, vielleicht gespielt von Florian David Fitz. Der war selbst mit Tourette noch so charmant.

Carolin Ströbele: Die des randalierenden, psychisch kranken Sterbehilfegegners Martin Aichinger. Strähniges blondes Haar, wirrer Blick: die Rolle war eigentlich für Lars Eidinger geschrieben. 


5. Von welcher Szene werden Sie träumen?

Doris Akrap: Von der Szene vor der Sexszene, in der der Theologiestudent "Ekstase" sagt.

Christian Buß: Wie hier eine Sterbehelferin von der Schönheit der Sterbehilfe spricht, das ist schon verstörend.

Lars-Christian Daniels: Ganz klar vom Bügeleisen. Krönende Pointe des spannenden Showdowns, der zumindest ein Stück weit für die vielen Längen der behäbigen ersten Krimistunde entschädigt.

Kirstin Lopau: Die Überführung des Mörders ist sehr gut. Überhaupt finde ich die Wendung im Plot sehr gelungen. Bis dahin plätscherte dieser Tatort etwas vor sich hin. "Und irgendwann, wenn Sie ganz allein sind, werden Sie sich an mich erinnern", sagt der Mörder zur Kommissarin und wird wahrscheinlich Recht behalten.

Carolin Ströbele: Von keiner. Dieser Tatort entlässt den Zuschauer in bleiernen Tiefschlaf.


6. Von 0 (super spannend) bis 10 (schon um halb neun eingeschlafen): Wie viele goldene Schlafmützen bekommt dieser Tatort?

Doris Akrap:  Zehn Schlafmützen. Bei der ersten Figur, die sich freiwillig für immer schlafen legt, sollte man sich am besten gleich mit schlafen legen. Kurz vorm Sex wieder aufwachen: Schweizer Geheimrezept für Tatorte, die sich weigern, die Freitoderklärung zu unterschreiben. 😴😴😴😴😴😴😴😴😴😴

Christian Buß: Fünf Schlafmützen. 😴😴😴😴😴

Lars-Christian Daniels: Fünf Schlafmützen. 😴😴😴😴😴

Kirstin Lopau: Bis zur Wendung etwa 20 Minuten vor Schluss sieben Schlafmützen, dann aber wacht man mit Karacho wieder auf. Insgesamt also fünf Schlafmützen. 😴😴😴😴😴

Carolin Ströbele: Zwölf von zehn Schlafmützen. 😴😴😴😴😴😴😴😴😴😴😴😴

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