Literaturnobelpreis Warum Bob Dylan schweigt

© Stephen Maturen/Getty Images

Bob Dylan sagt kein Wort zu seinem Literaturnobelpreis. Er geht noch nicht einmal ans Telefon. Aus den digitalen Echokammern dringt umgehend das Urteil: Eine Frechheit! Es gibt viele Menschen, die mit ungehemmtem Redefluss einiges zur Umweltverschmutzung und globalen Klimaerwärmung beitragen. Darüber könnte man sich wohl echauffieren. Aber dass einer nichts sagt, war kein Skandal mehr, seit Großvater den Dackel fragte, wer die Wurst vom Tisch geklaut habe. Undankbarer Hund!

The person formerly known as Bob Dylan bekommt 2004 die Ehrendoktorwürde der britischen University of St. Andrews verliehen. © David Cheskin / dpa

Für beleidigte Leberwürste gibt es in Deutschland sogar eine eigene Partei, sie nennt sich Alternative für Dauerfleisch. Diese hat nun angekündigt, sicherlich in der Angst, dass ihr jemand bei der bevorstehenden Bundestagswahl die wortreich erstrittene Sülze vom Brot nimmt, mit Textrobotern in den Kampf zu ziehen. Diese Bots sollen in den sozialen Medien Stimmung machen und noch mehr Leberwürste in der Weltsicht bestärken, dass das Ende nicht mehr abzuwenden ist, wenn der Darm erst mal ein Loch hat.

Was hat das nun mit Bob Dylan zu tun? Da wir beim ZEITmagazin Online gewohnt sind, Informationen zu scannen und miteinander zu verknüpfen, wie es nur die intelligentesten Bots können, sind wir dem Grund seines Schweigens ein gutes Stück näher gekommen.

Zunächst die Indizien: Ein großer Teil der Faszination, die Bob Dylan seit 55 Jahren auf sein Publikum ausübt, liegt in seiner Wandelbarkeit, den vielen Schaffensphasen und Alter Egos. Die Musik und Lyrik speisen sich aus den Stilen seiner Vorgänger und Vorbilder, zusammen ergeben sie ein überbordendes Pastiche aus bereits bestehenden Informationen. Hinzu kommt seine geradezu enervierende Unkonventionalität: Nie macht er, was von ihm erwartet wird, als sei er von einem aleatorischen Prinzip getrieben. Und freilich, das weiß nun mittlerweile jeder, heißt er gar nicht Bob Dylan sondern Robert Zimmerman.

US-Präsident Barack Obama verleiht 2012 einer Person, die aussieht wie Bob Dylan, die Medal of Freedom. © Jim Lo Scalzo

Bruce Springsteen sagte 1988, Elvis habe den Körper befreit, Dylan den Geist. Das war der erste klausulierte Verrat eines Geheimnisses, das wir nun lüften können. Unsere exklusiven Recherchen erlauben uns  – sogar ohne die Familien- und Einkommensverhältnisse eventueller römischer literarisch begabter Verwandter Zimmermans offen zu legen – eine spektakuläre Enthüllung: Bob Dylan selbst ist nur eine Kunstfigur, nämlich das menschliche Alter Ego eines Roboters, der seit 1961 Text und Musik komponiert. Zimmerman trägt die Werke lediglich öffentlich vor. Ob und wie er gegenüber dem Publikum Stellung nimmt, liegt nicht in seiner Hand, sondern bestimmt die Maschine. Mal bereitet sie eine 30-minütige Rede vor wie 2015 beim MusiCares-Preis, mal lässt sie ihn schweigen, wie 2012 in Gegenwart von Barack Obama bei der Verleihung der Medal of Freedom. Ein Muster ist erkennbar: Je gewichtiger die Auszeichnung, desto wortkarger. Dass der Maschine zur allerhöchsten Auszeichnung in der literarischen Welt nichts mehr einfällt, folgt nur dem Algorithmus.

Eine Weltsensation der Geistesgeschichte ist endlich aufgedeckt: Der Literaturnobelpreis 2016 geht an Bot Dylan.

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