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"Tatort"-Kritikerspiegel Keine Angst vor großen Hunden

Nicht nur ein brutaler Mord auf offener Straße macht Kommissar Faber im neuen "Tatort" aus Dortmund zu schaffen. Gegen ihn läuft zusätzlich ein Disziplinarverfahren.

In Dortmund wird ein Motorradfahrer bei voller Fahrt von einem Wagen erfasst, es folgt ein Schusswechsel, bei dem mehrere Menschen sterben. Kommissar Faber (Jörg Hartmann) und seine Kollegin Bönisch (Anna Schudt) müssen ermitteln. Gleichzeitig steht Faber selbst im Zentrum einer Untersuchung – wegen Altlasten und seiner außergewöhnlichen Ermittlungsmethoden.

1. Worüber werden am Montag alle reden?

Christian Buß: Über den Schnauzer des von Jürgen Maurer wirklich großartig gespielten Rockerbosses. Erinnert der jetzt mehr an den verstorbenen Motörhead-Chef Lemmy Kilmister oder an den Hells Angels-Boss Frank Hanebuth?

Lars-Christian Daniels: So mancher Zuschauer dürfte am Montag noch nachdenklich die Stirn runzeln. Wer sich nicht mehr an den Dortmunder Tatort "Kollaps" von 2015 erinnert oder damals lieber Rosamunde Pilcher geschaut hat, wird das Disziplinarverfahren gegen Hauptkommissar Faber kaum in Gänze verstehen.

Jürn Kruse: Warum kann Jörg Hartmann als Hauptkommissar Faber den Dortmunder Tatort nicht alleine bespielen? Eine Art Shaft des Ruhrpotts, nur böser, kaputter und genialer.

Kirstin Lopau: "Unser Team ist im Arsch. Pulverisiert könnte man auch sagen." Die Tatort-Familie wird sich wahrscheinlich uneins darüber sein, ob Faber nun ein cleverer, trauriger Mensch mit Hang zur Egozentrik, aber trotz allem ein echter Sympath – oder eben doch das Arschloch ist, das die Menschen gegeneinander ausspielt, um zu gewinnen.

Felix Stephan: Über Fabers Schreibtischbegrünung: Faber braucht keine Freunde. Er hat einen Kaktus.


2. Was haben Sie aus diesem Tatort gelernt?

Christian Buß: So ein Ermittlerteam ist nichts anderes als eine Rockergang, ein Bündnis mit eigenen Machtstrukturen und Schweigetechniken, ein bedenklich geschlossenes System.

Lars-Christian Daniels: Keine Angst vor großen Hunden! Schon gar nicht vor Francis, dem treuen Vierbeiner von Rockerpräsident Thomas Vollmer (Jürgen Maurer). Einfach ein saftiges Steak einstecken und gut ist's.

Jürn Kruse: Die Dienstaufsicht arbeitet ordentlich und gründlich. Das lässt einen doch beruhigt schlafen.

Kirstin Lopau: Die "Bullen spielen doch nur noch die Pausenclowns, damit unsere Politiker so tun können, als hätten sie die organisierte Kriminalität noch irgendwie im Griff". Aber vor allem haben wir gelernt, dass Faber nur so tut, als wäre ihm alles egal. Zu sehen in meinen beiden Lieblingsszenen dieser Folge: Beim Pizzaessen auf dem Revier möchte er eigentlich Kollegin Bönischs Hand nehmen, weil sie zu ihm hält, obwohl die Dienstaufsicht im Haus ist und er einen Fehler gemacht hat. Stattdessen greift er unbeholfen das nächste Pizzastück. Und am Ende im Auto kehrt Faber seine hoch emotionale Seite nach außen, als er merkt, dass er seinen letzten Fehler nicht so einfach beseitigen kann. Hat es sich ausgefabert? Bitte nicht!

Felix Stephan: Wie die italienische Mafia in Deutschland ihr Geld wäscht und sich niemand beschwert, weil alle was davon haben.


3. Welche Frage bleibt offen?

Christian Buß: Wie kann man diese entfesselte Selbstzerfleischung im Dortmunder Revier eigentlich noch steigern?

Lars-Christian Daniels: "Das wird jetzt weh tun!" - Ob Fabers Nasenbein das wohl schadlos übersteht?

Jürn Kruse: Wie viel haben Faber und Kossik gesoffen? Und warum verträgt Faber das so gut? Hat nicht Kossik, sondern er ein Alkoholproblem?

Kirstin Lopau: Wird das Team auseinanderbrechen?

Felix Stephan: Wie halten die vier Dortmunder Ermittler einander überhaupt noch aus? Unentwegt sagen sie die verletzendsten Dinge zueinander.


4. Welche Rolle hätte man besser besetzen sollen? Und mit wem?

Christian Buß: Der Rockervizechef ist ein bisschen überzeichnet. Andererseits: Die realen Hells Angels- und Bandidos-Gecken sind ja selber oft wandelnde Klischees.

Lars-Christian Daniels: Ich war noch nie ein Fan von Oberkommissar Kossik und trug es deswegen mit Fassung, als Schauspieler Stefan Konarske im August seinen Ausstieg aus dem Dortmunder Tatort bekannt gab. Dass er nun seinen bisher besten Auftritt hinlegt, lässt mich wieder zweifeln. Könnte ihn nicht vielleicht der wunderbare Milan Peschel beerben? Der stiehlt als überkorrekter Kollege von der Dienstaufsicht nämlich einmal mehr jede Szene, in der er auftritt. Köstlich!

Jürn Kruse: Also wenn man Oberkommissarin Nora Dalay noch ein paar mehr Momente des wahllosen Aufbrausens ins Drehbuch schreibt, könnte man sie eigentlich auch gleich mit einem Kindergartenkind besetzen. Dem würde ich die Launen sogar abkaufen.

Kirstin Lopau: Zunächst dachte ich, der Herr von der Dienstaufsicht sei zu überzeichnet dargestellt. Im Nachhinein war er aber ein würdiger Gegner für Faber.

Felix Stephan: Ich würde wohl die Rolle des internen Ermittlers, der von Milan Peschel gespielt wird, gleich noch einmal mit Milan Peschel besetzen. Nur, um sicherzugehen.


5. Von welcher Szene werden Sie träumen?

Christian Buß: Von der Szene, in der Kommissar Kossik verkatert bei seinem Chef Faber im Bett aufwacht und der ihn zärtlich umsorgt, als hätten die beiden eine Liebesnacht verbracht.

Lars-Christian Daniels: "Waffe runter! Sonst sorg' ich dafür, dass dich jeder hier noch fickt, bevor sie dich in den Phönixsee schmeißen", droht der Vizepräsident einer Rockerbande im Beisein von rund zwanzig Gleichgesinnten. Und was tut Hauptkommissarin Bönisch? Nimmt die Waffe runter. Gott sei Dank!

Jürn Kruse: Davon, dass Dortmund Ecken zu haben scheint, die verwahrloster sind als die New Yorker Bronx zu ihren schlimmsten Zeiten.

Kirstin Lopau: Vom emotionalen Faber. Und Koschick hat Recht: Es dreht sich immer alles nur um Faber!

Felix Stephan: Von den Befragungen, die Milan Peschel durchführt: sanft, geduldig, bürokratisch. Der blanke Horror.


6. Von 0 (super spannend) bis 10 (schon um halb neun eingeschlafen): Wie viele goldene Schlafmützen bekommt dieser Tatort? 

Christian Buß: Keine einzige Schlafmütze diesmal!

Lars-Christian Daniels: 4 Schlafmützen 😴😴😴😴

Jürn Kruse: 2 Schlafmützen. Ohne Faber wären es allerdings 9. 😴😴

Kirstin Lopau: 2 Schlafmützen. Dies ist und bleibt eines meiner Lieblingsteams. 😴😴

Felix Stephan: 1 Schlafmütze. Der Dortmunder Tatort macht nach wie vor vieles richtig: Die Dynamik zwischen den Figuren funktioniert, die Pottromantik kommt von innen, das Interesse der Autoren und der Schauspieler an ihren Figuren ist aufrichtig. 😴

Kommentare

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Unglaublich dass so etwas von unseren Gebührengeldern finanziert wird. Rockermilieu... Unglaublich innovativ. Das gab es ja erst in 100 anderen Tatort-Folgen. Ich hoffe die Motorräder und Lederjacken wurden wenigstens gekauft und werden wiederverwendet. Soziale Probleme der Ermittler. OMG. Zur Abwechslung könnte man auch mal einen Polizisten nehmen der keine privaten Probleme hat und ein glücklicher Mensch ist. Oder gibt es so etwas in Dortmund nicht?