Adventskalender Countdown der Nerven

Schon wieder Ende November? Für Eltern wird die 24 jetzt zu einer Zahl des Schreckens. Adventskalender wollen gebastelt und befüllt werden. Protokoll einer Albtraumnacht Von

24. So viele Stunden hat ein Tag, auch wenn es sich für die meisten Eltern nach viel weniger oder wahlweise viel mehr anfühlt. Und genauso viele Säckchen, Päckchen, Schächtelchen oder Tütchen müssen jedes Jahr Ende November befüllt werden, wenn man sich nicht dazu durchringen kann, einen vorgefertigen Adventskalender für die Kleinen zu kaufen. 24 Schritte zum Nervenzusammenbruch.

20.30 Uhr. Die Kinder schlafen. Endlich. Jetzt keine Zeit verlieren. Alles da? Stoff, Faden, Nähmaschine, Schere, Tupfer, Pinzette. Ich habe dreieinhalb Stunden Zeit und 24 Säckchen wollen genäht werden. Sportlich, aber nicht unmöglich. Meine Oma war eine Meisterin an der Nähmaschine und damals in der Schule war ich ja auch nicht sooo schlecht.

21.05 Uhr. Endlich geschafft, den Oberfaden durch eine mir völlig unverständliche Reihenfolge von Ösen und Schlaufen zu fädeln. Kurze Überlegung, ob das Projekt Adventskalender mit einer Nähmaschine vom Discounter wirklich so geschmeidig laufen wird. Nicht die Nerven verlieren.

Adventskalender sind immer ein Last-Minute-Projekt. Es trifft einen jedes Jahr überraschend. Man hat gerade erst die Zeitverschiebung und die Herbsterkältungen überstanden. Wenn man dann anfängt, sich auf den ersten Glühwein zu freuen, fällt es einem wie Sandmännchenstaub von den Augen: Man muss wieder basteln.

Natürlich darf man nicht den Fehler machen und auf Elternblogs, Instagram-Accounts und DIY-Portalen nach Inspiration suchen, wo weichgezeichnete Eltern mit verträumtem Blick wunderschöne Zahlen auf handgeschöpfte Säckchen stempeln. Ohne Stempel geht derzeit nämlich nichts im Kinder-Deko-Land. Unsere Stempel überwintern in einer Kiste mit drei Vorhängeschlössern. Jeder, der schon mal ein Stempelkissen mit einem dreijährigen Kind alleine im Zimmer gelassen hat, weiß warum.

21.30 Uhr. Bloß nicht abschweifen. Konzentration! Das erste Säckchen ist fertig umnäht. Doch die Saumkante wartet noch. Es bis Mitternacht zu schaffen, wird unrealistisch. Egal. Früher ging's ja auch mit nur drei Stunden Schlaf. Haben wir nicht noch Glühwein vom Vorjahr? 

Es gibt wohl keinen Gegenstand, der unsere emotionale Grundprogrammierung so berührt wie der Adventskalender. Meine Mutter steckte mir noch ewig Bildchenkalender mit ins Vorweihnachtspaket. Als sie damit aufhörte, wurde mir klar: Nun bin ich erwachsen.

Ich könnte auch einfach einen Teller Couscous mit der Pinzette essen

22.10 Uhr. Verdammt. Alle fünf Minuten verwickeln sich Unter- und der Oberfaden dieser mickrigen Maschine in einen gordischen Knoten. Ich bin kurz davor, das Ding samt Ergebnis an die Wand zu werfen. Geht aber nicht. Die Kinder schlafen. Zum Glück geht es hier wirklich nur um die Verpackung. Der Inhalt ist egal. Ich kenne wirklich niemanden, dem es gelingt, 24 hochwertige, pädagogisch wertvolle und nachhaltige Kinderkleinigkeiten für möglichst wenig Geld zusammenzubekommen.

22.30 Uhr. Ich müsste das hier nicht tun. Ich könnte auch einfach einen Teller Couscous mit der Pinzette essen. Aber Leiden gehört zur Adventszeit, das weiß ich als ehemalige Katholikin.

22.50 Uhr. Gottverdammte Scheiße. Schon wieder ist der Faden gerissen. Ich knalle mein Premiumgeschenk, den Flummi mit der fluoreszierenden Krake, gegen die Wand. Einmal reicht nicht. Noch mal. Shit. Das kleine Kind schreit.

23.20 Uhr. Kurz mit eingeschlafen. Von Albtraum aufgeschreckt. Kleine Strickwichtelmännchen beugten sich mit toten Augen über das Kinderbett und starrten mich an. Ich habe die leichte Ahnung, dass die Strickwichtel in den Päckchen nicht so gut ankommen werden. Sind ja eigentlich auch als Weihnachtsbaumdeko gedacht. Zwei Fliegen mit einer Klappe, so muss man denken im Advent.  

Wo ist eigentlich der verdammte Flummi hin?

0.00 Uhr. Noch 13 Päckchen. Hätte ich nur den guten alten Klorollen-Klassiker gemacht. Den Kalender für Bastelidioten. Niveau: blutige Anfänger. Einfach 24 Klorollen mit grünem Krepp umwickeln und das Ganze zu einer Tanne zusammenkleben. Man muss nur während der Magen-Darm-Phase darauf achten, die Klorollen aufzuheben. Jetzt ist es eh zu spät. Ich packe die ersten Sachen ein, weil ich den Faden nicht mehr sehen kann: Kreisel, Puzzle, Conni-Buch. (Kleiner Tipp: Die schrecklichen Conni-Pixi-Bücher nur fürs Wochenende einplanen. Sonst kommt man noch viel später in die Kita, als man es eh schon tut.) In jeder Familie gibt es Kisten für Lego, für Puzzle oder für Kuscheltiere. Und eine allein für den nutzlosen Kram aus allen Adventskalendern. Wo ist eigentlich der verdammte Flummi hin?

2.00 Uhr. Ich bin müde. Wirklich sehr müde. Noch sieben Päckchen bis zur Erlösung. Schaue parallel irgendeine Folge von The Young Pope, in der Jude Law vom Papstbalkon hinunterwettert. Dann steche ich mir in den Finger. 

2.45 Uhr. Mal kurz in die Mails gucken, was morgen so ansteht. Die Kollegin schreibt, sie muss noch 72 Kleinigkeiten besorgen. Sie hat drei Kinder. Und einen Adventskalender für die Schulklasse muss sie auch noch basteln. Das macht 96 Päckchen in sechs Tagen. Wenn man im Alter von zwei Jahren mit dem Kalendern anfängt und das Ganze bis zur Volljährigkeit durchzieht, kommt man bei drei Kindern auf eine Summe von 1.224 Päckchen. Schreib ich ihr gleich mal.

2.57 Uhr. Das große Kind hat schlecht geträumt. Ich sehe mich unter einer Riesenlawine kleiner Gummibälle, Strickwichtel und Conni-Bücher begraben. Wie man drei Fliegen mit einer Klappe schlägt? Indem man durchsetzt, dass sich das kleine und das große Kind einen Kalender teilen. Die weißen Päckchen mit roten Punkten für sie, die roten mit weißen Punkten für ihn. Man muss das mal so sehen: Sie lernen spielend teilen. Vielleicht.

3.30 Uhr. Endspurt. Noch zwei Päckchen. Müdigkeit war gestern, das ist wie beim Joggen. Nach dem Tiefpunkt kommt der Lauf.

4.10 Uhr. Wo ist dieser verdammte Flummi? Und wieso sind noch zwei Säckchen leer? Hab ich mich beim Einkaufen verzählt?

4.20 Uhr. Auf leisen Sohlen die Adventskalenderkiste durchforstet. Zwei Top-Ersatzgeschenke gefunden. Merkt keiner.

4.25 Uhr. Hallelujah. Noch zweieinhalb Stunden Schlaf.

4.27 Uhr. Das große Kind hat wieder schlecht geträumt. Dieses Mal von rumpelnden Monstern im Kinderzimmer. Außerdem ist ihm aufgefallen, dass es einen schlechten Deal gemacht hat: "Mama, ich will meinen Adventskalender doch nicht teilen. Ich will meinen eiheiheigenen."

4.28 Uhr. Morgen kaufe ich eine richtige Nähmaschine. Und drei Schokoladenkalender. Meinen esse ich sofort.

Kommentare

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Ja, und zum Leben reicht Wasser und Brot. Bzw Bier und Fertigpizza. Mit der Einstellung braucht man sich für gar nichts zu engagieren. Der Nachteil ist, dass man dann auch nichts hat.

Ich, jedenfalls, habe herzlich gelacht und eigene Fehlplanungen in Bezug auf meine drei Jungs reflektiert. Journalistisch angedickt ist sie sicher auch und ich habe mich jedes Mal gefragt wie meine Mutter das so einfach und wunderschön gemacht hat. Sie hat mir dann jeweils gesagt, dass es in einigen Jahren ungefähr gleich (schlimm) war.

Was bleibt sind solch lustige Anekdoten die (vermutlich journalistisch ergänzt) sogar die Miesepeter und ewigen Nörgler zum Schreiben bewegen. Vielen Dank!