Gesellschaftskritik Der freundlich ignorierte Preis

© Kevin Winter/Getty Images for AFI

Normalerweise haben Nobelpreisgewinner die Feier absagt, weil sie Hausarrest hatten und deswegen den Friedensnobelpreis nicht entgegennehmen konnten. Nun scheint es zu reichen, dass man sich für den Tag schon etwas anderes vorgenommen hat. Bob Dylan hat dem Nobelpreiskomitee mitgeteilt, dass er sich sehr über den ihm verliehenen Literaturnobelpreis freue, aber leider nicht zur Verleihung kommen könne, weil er andere Verpflichtungen habe. Das ist eben ein leidiges Problem mit diesen Nobelpreisen. Sie werden einem unvermittelt verliehen – und oft hat man sich an jenem Abend schon mit dem Schwager zum Fußballgucken verabredet, oder fest eingeplant, dass man sich die Füße manikürt. Man kann eben nicht immer sein ganzes Leben umwerfen, nur weil irgendeine Jury in Schweden einem eine Urkunde in die Hand drücken möchte.

Das Ritual des Preisnichtentgegennehmens gab es schon früher. Ein großartiger Preisverweigerer war der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki. Als ihm 2008 der Deutsche Fernsehpreis für sein Lebenswerk verliehen werden sollte, kann er auf die Bühne und beschwerte sich über den "Blödsinn", den er an jenem Abend habe mit ansehen müssen. Er zog ab ohne den Preis in die Hand zu nehmen. Preisverweigerungen waren dabei stets ein Spektakel, bei dem sich der Verweigerer eine maximale Aufmerksamkeit erhoffen konnte – und sich mit voller Kraft in die Pose des moralischen Anklägers warf. Für den Verleiher war dies ein Supergau.

Nun setzt sich eine noch schlimmere Schmähung durch: Der freundlich ignorierte Preis. Hätte Dylan sich mit Wut darüber aufgelassen, dass eine Nobelpreisjury sich anmaßte, seine Songtexte für die Literatur zu vereinnahmen, hätte dies wohl in einer Feuilleton-Debatte gemündet. Da Dylan aber einfach freundlich absagt, als hätte ihm eine mittelmäßige Männerzeitschrift einen "Man of the Year"-Award verleihen wollen, degradiert er die Jury vollends. Sie ist nicht einmal die Auseinandersetzung wert.

Dylan hat schon einem Nachmacher gefunden – im Rapper Frank Ocean. Es hatte Proteste gegeben, weil Ocean mit seinem Erfolgsalbum Blonde nicht für einen Grammy nominiert worden war. Schließlich klärte Ocean auf: Er war keineswegs ignoriert worden, sondern hatte absichtlich die erforderlichen Unterlagen nicht eingereicht. Er finde, das Nominierungssystem sei etwas dated. Als wollte er lieber keinen Grammy gewinnen.

Künftig wird das Award-Geschäft komplizierter werden. Denn wer immer einen Preis gewinnt, wird nur der Zweite sein. Die wahren Sieger sind immer die, die keine Unterlagen eingereicht haben, weil ihnen Preisebekommen einfach ein bisschen zu blöd ist.

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