Endlich Vintage! Die Welt ohne Mayer

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Neulich ist es passiert. Es kam so plötzlich, so leise, so schnell daher, dass ich zuerst gar nicht merkte, dass es passiert war. Ich las diesen Artikel mit der Überschrift Vorsicht vor Wahlgeschenken. Was man halt so liest, wenn man vor dem Frühstück nicht geturnt hat, aber doch den Kreislauf bisschen in Schwung bringen will. Wie geht das besser als mit Sex, wahlweise Ärger? Es ging in diesem Artikelchen um so sexy Dinge wie "Lebensleistungsrente", was die Kollegen in dieser Zeitung schon warnend in Anführung gesetzt hatten, es ging um "Anpassung", um "Beitragsbemessungsgrenzen" et cetera, also um an mir seit Jahren erprobte Kreischauslöser, um dieses "Sag ich doch, aber wer hört schon auf mich?!" Dann der Satz. Da stand: "Der Anteil der Alten an der Bevölkerung erhöht sich bis 2037 von heute 34 auf 56 Prozent; bis 2060 verdoppelt er sich." 

WAS? Verdoppelt? 68 Prozent alte Leute? Auf der Straße? In der S-Bahn? Im Café? Schwimmbad? Park? Überall? Grau, grau, grau? 

Ich dachte, bevor ich überhaupt gemerkt hatte, dass ich es dachte: "Gut, dass ich dann nicht mehr da bin." 

Susanne Mayer

Susanne Mayer ist Kulturreporterin des ZEIT-Feuilletons. Jeden Monat erscheint dort ihre Männer!-Kolumne. Für das ZEITmagazin ONLINE berichtet sie von jenem seltsamen Kontinent, wo einem graue Haare wachsen – Endlich Vintage! Eine Kolumne über das Altern. Gerade ist ihr Buch Die Kunst, stilvoll älter zu werden beim Berlin Verlag erschienen. Hier finden Sie die Autorin auf Twitter.

Gemerkt? Ich hatte an die Zeit nach mir gedacht, freudig, einverstanden mit meinem Verschwinden. Ich hatte mir die Welt ohne Mayer vorgestellt. Es hatte mich fast glücklich gemacht. 

Ich will nicht ausschließen, dass es Leute gibt, die sich schon lange freudig vorstellen, wie schön eine Welt ohne Mayer wäre. Die mich morgens in die Firma wetzen sehen, und mit Genugtuung wahrnehmen, dass die Haare jetzt silbrig durchwebt sind und denken: Lange kann das nicht mehr dauern. Leute, die die Augen verdrehen, wenn ich darauf beharre, dass wirklich jeder Idiot sehen konnte, worauf es mit dem Brexit hinauslaufen würde oder mit Trump – oder hatte denn jemand darauf gesetzt, dass Leute ohne Hedgefond-Beteiligung, also die Abgehängten, ihr Wahlrecht abgeben? Nachbarn, die kurz vor Mitternacht hochschrecken, weil Mayer ihre Biotonne an ihrem Reihenhaus zur Straße rollert, weil sie mal wieder, also fast, die Abfuhrtermine durcheinander gebracht hat. Mädels meines Alters, die grün vor Neid werden, wenn ich meinen neuen schwarzen Hut mit dem schrägsitzenden, gedrechselten kleinen Schornstein ausführe und dann innerlich zischen: "Was die sich einbildet!" Ich gehe davon aus, dass es Leute gibt, die schon lange auf mein Reihenhaus, meinen Arbeitsplatz, meinen süßen Hund scharf sind. Also so als Gefühl. Aber: In echt? Froh über Ableben? 

Es fällt schwer, sich die eigene Abwesenheit vorstellen. Dass alle Kinder rechts und links morgens eifrig in den Weg runter mit wippendem Ranzen in Richtung Schule rennen werden, und ich bin nicht mehr da. Immer wenn jemand stirbt, brauche ich Tage, Wochen, manchmal leider Jahre, um zu verstehen, dass das jetzt für immer ist. Mir ist theoretisch klar, dass Katastrophen wie die Klimaerwärmung oder die Überflutung von Bangladesch und anderer tief gelegenen, schönen Erdregionen nach mir passieren werden. Über die drohenden katastrophalen demographischen Einbrüche habe ich vor einem Jahrzehnt selbst ein Buch geschrieben, im XXL-Wut-Sound, eine einzige Beschwörung, man möge das Leben doch bitte so gestalten, dass Leute sich ihre Kinderwünsche einfach erfüllen können, statt sie unerledigt vor sich herzuschieben. Ich habe dagegen gewettert, dass Millionen in den "Rückbau" der Städte gesteckt werden statt in die Umgestaltung von Autopisten in kindgerechte Tobe-, Spiel- und Rummrenn-Zonen.

Ich gehöre nicht zu den Leuten, die, wenn sie mal einen Knochen zwischen die Zähne kriegen, schnell wieder loslassen. "Susanne!" sagt dann gelegentlich meine Lieblingskollegin im süßesten Nanni-Ton: "Hör auf! Du wirst auch das Wetter nicht ändern!" Es ist das eine, das zu akzeptieren. Das andere ist dieses "Aus die Maus", das neulich auf der Todesanzeige einer Bekannten stand, die so alt war wie ich, als sie starb. Und sich vorzustellen, dass das schön ist, nicht mehr da zu sein. 

Also: Es war nur so ein Moment. Ich gehe nicht davon aus, dass mein alter Weltumkrempel-Elan jetzt implodiert ist. Aber ich gehe davon aus, dass es so ein kleiner Anfang ist. Von was auch immer.

Kommentare

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Bei mir ist das anders. Mich hat damals das Kinderbuch "Fridolin der Dachs" geprägt. Nach seiner Hypothese wurde die Welt nur geschaffen, um ihn herauszufordern und des Öfteren auch zu ärgern. Im Umkehrschluss: Wenn es ihn nicht mehr gibt, macht die Welt eigentlich auch keinen Sinn mehr. Sie wird überflüssig.
Im Lauf der Jahre habe ich mir Fridolins Philosophie zu eigen gemacht. Somit ist die Existenzberechtigung unseres Planeten auf vielleicht noch 30 oder 40 Jahre beschränkt. Den Sarkophag über das Tschernobyl-AKW auf 100 Jahre auszulegen, ist also deutlich über das Ziel hinaus geschossen. Wozu überhaupt AKWs, für meine Zeit reichen doch auch Öl und Gas? Aber darüber mögen andere sich Gedanken machen...