© NDR/Christine Schroeder

"Tatort"-Kritikerspiegel Niemand will schuld sein

Kommissar Borowski muss in diesem "Tatort" aus Kiel einen Mord aufklären, der ihn bis zum IS führt. Leider plagen ihn zusätzlich Lustlosigkeit und viele Klischees.

Eine junge Frau (Mala Emde) bezichtigt ihren Bruder des Mordes an einer Schulkameradin. Im neuen Tatort aus Kiel muss Kommissar Borowski (Axel Milberg) gemeinsam mit Kollegin Brandt (Sibel Kekilli) einer offensichtlichen Spur nachgehen, die sich später als Wegweiser zum IS entpuppt.

1. Worüber werden am Montag alle reden?

Christian Buß: Wieder einmal: War das jetzt eine Burka oder ein Niqab, mit der die junge Konvertitin durch Kiels Einkaufsstraßen gerannt ist? Für die Islamdebatte der letzten Jahre, die dieser Tatort aufgreift, ist theologisches Know-how gefragt.

Lars-Christian Daniels: Wie groß ist die Gefahr wirklich, die von radikalisierten Muslimen in Deutschland ausgeht? Sollte die an den Tatort anknüpfende Talkrunde bei Anne Will noch Fragen offen lassen (und davon ist auszugehen), ist am Montag für Gesprächsstoff gesorgt.

Jürn Kruse: Ist Kiel jetzt eine "sichere Stadt", wie 2009 ein vermeintlicher Islamist in einem Drohvideo behauptete, oder nicht? Die Verwirrung ist groß. Und soll man jetzt nach diesem Tatort beruhigt sein, dass der Staatsschutz die Moscheen in Deutschland so genau im Blick hat, oder beunruhigt, dass dort trotzdem so viel rekrutiert wird?

Kirstin Lopau: "Die Welt ist zynisch", sagt Borowski und er hat so Recht.

Carolin Ströbele: Dass sich Mädchen in Kiel mit Telefonsex über Wasser halten und Drogen nehmen müssen, um ihr Leben als Alleinerziehende zu meistern. Und dass es da auch kein Wunder ist, wenn sie sich irgendwann ein Kopftuch anziehen und einen IS-Kämpfer heiraten wollen.


2. Was haben Sie aus diesem Tatort gelernt?

Christian Buß: Wer seine Welt durch den Schlitz des Niqab wahrnimmt, empfindet diese als feindselig. Achso, das haben wir ja gar nicht durch den Tatort gelernt, sondern durch die etlichen Reportagen im Privatfernsehen, in denen im Laufe der Burka-Hysterie der letzten Monate immer wieder junge Frauen im Vollverschleierungsselbstversuch durch die Straßen getrieben wurden. Der Tatort geht da leider nicht viel weiter.

Lars-Christian Daniels: Anrufe bei sündhaft teuren Sex-Hotlines kann man auch ganz bequem über das Diensthandy erledigen. Zumindest dann, wenn man Hauptkommissar bei der Kieler Kripo ist.

Jürn Kruse: "Liebe Mama, ich kann mit alldem hier nichts anfangen. Alles ist zu haben und nichts ist von Wert", sagt die sich radikalisierende Julia. Das geht mir häufig genauso – und dann kauf ich doch was bei Amazon.

Kirstin Lopau: Übertriebener Glaube macht traurig. Zumindest haben die Frauen im Film ständig Tränen in den Augen. Außerdem scheint das Kommissariat sehr groß zu sein, denn es hat noch Platz, um ein Flüchtlingsheim unterzubringen (da haben wir ihn, den Gegenwartsbezug). Und: Borowski überkommt die Sehnsucht nach Schweden, wenn er im Stena-Terminal steht, von wo aus die Fähre nach Götebord abgeht: "Ach, hier packt mich immer das Fernweh." Kenn ich.

Carolin Ströbele: Dass es offensichtlich möglich ist, alles an Rassismus, Ressentiments und Stereotypen zum Thema Islamismus in nur einen einzigen Tatort zu packen.


3. Welche Frage bleibt offen?

Christian Buß: Hat Axel Milberg eigentlich noch Lust auf den Borowski? Er agiert diesmal schon sehr desinteressiert.

Lars-Christian Daniels: Über Sarah Brandt erfahren wir, dass sie nach dem Tod ihrer Mutter allein mit ihrem Vater und ihren Brüdern aufwachsen musste ("Die haben sich einen Scheiß um mich gekümmert!"). Ob denn nun alles gut sei, seit sie der bei der Polizei arbeite, möchte die junge Muslimin Julia von ihr wissen. Die Frage bleibt unbeantwortet.

Jürn Kruse: Was wird aus dem Herrn in der (mitten im Polizeipräsidium errichteten) Flüchtlingsunterkunft, der sich als einziger den Islamisten in der Moschee entgegenstellt? Und hat der Staatsschutz wirklich so geile Schauspieler und Kulissen im Einsatz?

Kirstin Lopau: Was wird aus dem Kind der ersten Toten? Wird der IS-Kontakt trotzdem preisgegeben, auch wenn die Operation scheitert? Warum ist Borowski umgezogen, seine erste Wohnung war doch so schön?

Carolin Ströbele: Gar keine. Es wird auch keine gestellt.


4. Welche Rolle hätte man besser besetzen sollen? Und mit wem?

Christian Buß: Klar, wir sehen den Silberbart immer mal wieder gern. Aber wie Jürgen Prochnow als Verfassungsschutz-Grandseigneur in die Handlung schwebt, wirkt schon sehr abgehoben.

Lars-Christian Daniels: Der deutsche Hollywood-Export Jürgen Prochnow erledigt als skrupelloser Staatsschutz-Kollege Kesting einen soliden Job. Angesichts seiner eindimensionalen Rolle und der jüngsten Diskussion um die offenbar erheblich unterschiedlichen Gagen im Tatort darf aber zumindest die Frage gestellt werden, ob nicht auch ein bisschen weniger Prominenz ausgereicht hätte.

Jürn Kruse: Sarah Brandt (Sibel Kekilli). Was macht eigentlich die Frieda-Jung-Darstellerin Maren Eggert?

Kirstin Lopau: Die islamischen Glaubensbrüder in der Moschee, die für den IS angeworben werden sollen, sehen aus wie Dschihadisten aus dem Klischee-Bilderbuch. Ob das realistisch ist?

Carolin Ströbele: Die von Axel Milberg als Borowski. Der sieht aus, als würde er am liebsten aus diesem Tatort fliehen. Was man gut nachvollziehen kann.


5. Von welcher Szene werden Sie träumen?

Christian Buß: Bei allem Zweifel an diesem etwas aufdringlichen Themen-Krimi: Die Schlussszene, die wir hier eigentlich nicht verraten dürfen, hat es in sich.

Lars-Christian Daniels: Die Kamera hält für den Bruchteil einer Sekunde auf die entstellte Leiche – selbst Brandt kann kaum hinsehen. Wer im richtigen Moment die Pause-Taste drückt, dürfte deutlich schwerer in den Schlaf finden als gewohnt.

Jürn Kruse: Ach, ich glaube, nach diesem Tatort kann ich ganz beruhigt schlafen. Ich wohne ja nicht in Kiel.

Kirstin Lopau: Von Borowskis Geschichte aus dem Irak, die er Julia erzählt.

Carolin Ströbele: Von der, in der ein Look-a-Like des deutschen Salafisten Pierre Vogel in der Kieler Moschee auftaucht.


6. Von 0 (super spannend) bis 10 (schon um halb neun eingeschlafen): Wie viele goldene Schlafmützen bekommt dieser Tatort?

Christian Buß: 5 Schlafmützen. 😴😴😴😴😴

Lars Christian Daniels: 4 Schlafmützen.😴😴😴😴

Jürn Kruse: 6 Schlafmützen. 😴😴😴😴😴😴

Kirstin Lopau: Spannend war er, der Kieler Tatort, aber irgendwie auch dröge wie Borowski, deshalb 3 Schlafmützen. 😴😴😴

Carolin Ströbele: Die Kategorie greift diesmal leider nicht. Der Tatort ist zwar so langweilig und ungereimt, dass er 10 Schlafmützen verdient. Gleichzeitig ärgert man sich die gesamten 90 Minuten derartig, dass an Einschlafen nicht zu denken ist. 

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