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"Tatort"-Kritikerspiegel Überraschung!

Im neuen "Tatort" hat Kommissar Murot keine Lust auf seinen Geburtstag, bekommt aber trotzdem ein großes Geschenk. Von einem Serienmörder. Unsere Kritiker sind entzückt.

Zum Geburtstag muss sich Kommissar Felix Murot (Ulrich Tukur) in Wiesbaden mit Arthur Steinmetz (Jens Harzer) herumschlagen, der bereits mehrere junge Frauen umgebracht hat. Murot und seine Kollegin Wächter (Barbara Philipp) locken den Täter in eine Falle, doch nachzuweisen sind ihm die Morde nicht. Dafür hat der Täter jedoch eine Überraschung für Kommissar Murot in petto.

1. Worüber werden am Montag alle reden?

Doris Akrap: Über Donald Trumps letzten Tweet.

Christian Buß: Dieser himmlisch schöne Song, mit dem der Mörder seine Opfer in den Tod schickt. Er trägt den Titel Fourth of July und stammt von Sufjan Stevens.

Lars-Christian Daniels: Die Frage sollte eher lauten: Wie viele Menschen werden überhaupt noch einschalten, um am Montag über diesen Tatort reden zu können? Wie von Ulrich Tukur vorab prognostiziert, brach nach dem köstlich-selbstironischen Film-im-Film-Tatort "Wer bin ich?" im vergangenen Dezember ein gewaltiger Shitstorm über den Hessischen Rundfunk herein. Der geht seinen experimentellen Weg in Wiesbaden unbeirrt weiter – und das ist auch gut so.

Matthias Dell: Kann man sich mit aufgeschnittenen Pulsadern in die Wanne legen und doch nicht sterben müssen?

Kirstin Lopau: Ist Arthur Steinmetz nun ein Mörder oder ein Erlöser? Ein leiser Murot-Tatort ist das diesmal, aber ein umso intensiverer.


2. Was haben Sie aus diesem "Tatort" gelernt?

Doris Akrap:We're all gonna die.

Christian Buß: Alles über Murot und seine Kindheit. Dabei hätten wir doch gedacht, dass wir nach all den Selbstbespiegelungen und Selbstdemontagen von Ulrich Tukurs Ausnahmekommissar schon alles über diesen wüssten.

Lars-Christian Daniels: Es gibt Schlimmeres als Zahnschmerzen: lebenslange Zahnschmerzen.

Matthias Dell: Dass es selbst für einen Geschmackshuber wie Murot auch mal das Separatorenfleisch einer Imbissbuden-Wienerwurst tut.

Kirstin Lopau: "Können Sie mir sagen, warum alle das Leben so wahnsinnig ernst nehmen? Wenn man bedenkt, dass jeder Mensch die meiste Zeit tot und nicht lebendig verbringt, dann ist doch das Leben eigentlich nicht mehr als ..." *schnippt* Irgendwie ist diese Argumentation von Artur Steinmetz sogar schlüssig. Außerdem können diejenigen, die es nicht glauben wollen, erneut lernen, dass Depressionen eine Geißel sind und keiner davor gefeit ist – selbst ein Murot nicht.


3. Welche Frage bleibt offen?

Unsere Kritiker

Doris Akrap ist Redakteurin der taz.am Wochenende. Sie hasst den Tatort. Guckt ihn aber trotzdem manchmal, weil Tatort wie Chipsessen ist - ein Mal mit dem Zeug angefangen, kann man nicht mehr aufhören.

Christian Buß ist Kulturredakteur bei Spiegel Online und schreibt dort regelmäßig über den Tatort.

Lars-Christian Daniels bespricht für sein Blog Wie war der Tatort? und das Onlinemagazin Filmstarts den Tatort und weitere TV- und Kinofilme.

Matthias Dell ist Tatort-Kritiker bei ZEIT ONLINE und teilt das Arbeitsethos von Gunter Gabriel: "Derjenige, der dem Schweiß den Rücken runterläuft“.

Kirstin Lopau ist ZEITmagazin-Leserin und eine der meinungsstarken Kommentatoren bei unseren sonntäglichen Tatort-Diskussionen bei Facebook.

Doris Akrap: Ob der Chef für sein Asia-Essen die Stäbchen gegen eine Gabel tauschen kann.

Christian Buß: Was könnte nach diesem Krimimeisterwerk denn noch kommen? Hatten wir aber auch schon bei den beiden vorherigen Tukur-Tatorten gedacht. Zwei weitere sind in Planung, wir sind schon jetzt gespannt.

Lars-Christian Daniels: Was ist zwischen Wächter und ihrer Tochter vorgefallen, dass diese hinter dem Rücken ihrer Mutter "irgendwelchen Gurus hinterherreist"?

Matthias Dell: Kann man sich mit aufgeschnittenen Pulsadern in die Wanne legen und doch nicht sterben müssen?

Kirstin Lopau: Warum wusste Murot nicht, dass seine Kollegin Wächter eine Tochter hat?


4. Welche Rolle hätte man besser besetzen sollen? Und mit wem?

Doris Akrap: Die des Mörders. Ersatzlos. Die ganze Geschichte hätte weder Tote noch Mörder gebraucht.

Christian Buß: Nichts und niemanden. Hier stimmt die Besetzung bis zur Leiche (die dann doch keine Leiche ist).

Lars-Christian Daniels: Die Parallelen zu David Finchers Meisterwerk Se7en sind nicht zu übersehen – als Todesengel mit vermeintlichen Erlöserqualitäten hätte daher auch Oscar-Preisträger Kevin Spacey hervorragend funktioniert. Da der aber vermutlich eh zu beschäftigt für ein Tatort-Gastspiel ist, kann ich mit Jens Harzer, der in der Rolle des Serienmörders einen bravourösen Job abliefert, wunderbar leben.

Matthias Dell: Keine.

Kirstin Lopau: Wirklich keine. Ein brillantes Katz- und Mausspiel ist das zwischen Steinmetz und Murot, das unterhält, verunsichert und verängstigt. Ganz großes Kino!


5. Von welcher Szene werden Sie träumen?

Doris Akrap: Als dem Mörder plötzlich Blut aus der Nase läuft. Kurz gedacht, dass ich nicht Tatort gucke, sondern Stranger Things. Und der Mörder ist nicht Apotheker, sondern die Figur Eleven und ein Medium aus der Paralleldimension.

Christian Buß: Von den Monologen des Mörders, der seine Taten als großes humanistisches Projekt verkauft.

Lars-Christian Daniels: Gleich drei verschiedene Szenen spielen in drei verschiedenen Badewannen: Jede einzelne davon ist großartig. 

Matthias Dell: Von dem flugs weggeworfenen Handy im Park-Mülleimer. Müssen da nicht noch Daten gelöscht werden? Kann das nicht noch jemand verwenden? Gehörte es nicht in den Sondermüll?

Kirstin Lopau: Von dieser Badewanne auf einer Empore mitten im Raum. Gott, hätte ich die gern.


6. Von 0 (super spannend) bis 10 (schon um halb neun eingeschlafen): Wie viele goldene Schlafmützen bekommt dieser "Tatort"?

Doris Akrap: 2 Schlafmützen. Eigentlich sogar 0. Aber wegen Ulrich Tukur. Den will man immer angucken. 😴😴

Christian Buß: Keine Schlafmützen.

Lars Christian Daniels: 1 Schlafmütze. Winziger Hänger im Mittelteil, ansonsten einmal mehr ein Spitzen-Tatort aus Wiesbaden. 😴

Matthias Dell: 3 Schlafmützen. 😴😴😴

Kirstin Lopau: Keine Schlafmützen. Clever, eindringlich und äußerst spannend. Ein perfekter Tatort.

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