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Kinder im Netz Was machen die da?

Wenn Kinder am Handy oder Computer hängen, ahnen Eltern schnell Böses. Dabei ist der Nachwuchs oft überraschend kreativ. Wie diese sechs Kinder. Von und

Wann ist man eigentlich alt genug fürs Internet? Diese Frage sorgt unter Eltern immer wieder für Aufregung. Und im Dialog mit dem eigenen Nachwuchs für Zerwürfnisse. Es gibt viele Theorien dazu, ab wann Kinder mit dem Netz in Kontakt kommen sollten, wie viel Computerzeit genug ist und ob ein Kind sein eigenes Smartphone braucht. Fest steht: Es lohnt sich, wenn Eltern und Kinder sich einigen, denn letztere werden mit technischer Hilfe zu Filmprofis, Maskenbildnern oder Literatur-Rezensenten. Wir haben sechs Kinder bis 14 Jahre gefragt, was sie eigentlich mit ihren Computern oder Handys anstellen.

Der Drohnen-Pilot (11 Jahre)

Mein Papa und ich machen Freestyle oder Race, beim Race fliegt man nach Zeit und man muss immer durch so Törchen durch. Beim Freestyle kann man Splits oder Rolls machen und Loopings, das ist wie in der Achterbahn. Wir fliegen auch in Gebäude rein und wieder raus. Oder ganz dicht an einem alten Schornstein hoch und wieder runter, das macht tierisch Spaß. Dazu suchen Papa und ich alte Russenkasernen oder Flugplätze außerhalb von Berlin.

Papa und ich fliegen ungefähr einmal die Woche, im Winter geht das wegen dem Wetter nicht immer. Weil man immer mit dem Auto irgendwo hinfahren muss, kann ich noch nicht alleine fliegen gehen. Außerdem wäre es auch zu teuer für mich: Drohne, Akku, Fernsteuerung, Brille, Kamera und so weiter. Seit kurzem werden wir jetzt auch gesponsert, weil wir auf Instagram und YouTube schon ziemlich bekannt sind. Wenn wir crashen, bekommen wir neues Material von der Firma.

Das mit den Drohnen mache ich schon eine ganze Weile. Vorher bin ich mit Papa Heli geflogen, also mit so einem ferngesteuerten Helikopter. Aber die Drohnen sind viel besser, die sind wendiger und man hat so eine spezielle Brille auf, da sind Monitore drin und die zeigen das Bild von der Kamera, die vorne an der Drohne dran ist. Das sieht aus, als wenn du selber da drin sitzt. Ganz wichtig ist unser kleiner Koffer, wo die Akkus drin sind, den haben wir immer dabei. Da setzen wir uns drauf, denn wenn man steht, und die Brille aufhat, kommt man leicht aus dem Gleichgewicht und dann fällt man schon mal um.

Papa und ich haben mehrere Drohnen, die wir selber zusammengebaut haben. Wir kaufen das Chassis und den Motor und das Oberteil und dann löten wir das zusammen. Mit unseren Drohnen kann man circa einen Kilometer weit fliegen, so weit reicht der Sender.

Fliegen fand ich schon immer toll. Als ich kleiner war habe ich immer mit meinem Playmobil-Flugzeug gespielt. Aber Pilot will ich nicht werden. Weil wenn du mit einer Drohne abstürzt, dann kannst du die wieder zusammenbauen. Wenn du mit einem echten Flugzeug abstürzt, dann war's das. 

Die Literatur-Kritikerin (14 Jahre)

Meine Name ist Hannah, ich bin 14 Jahre alt und wohne in Hamburg. Seit einem Jahr schreibe ich ein Blog, in dem ich Jugendbücher rezensiere und nach unterschiedlichen Kriterien bewerte. Außerdem bin ich sehr aktiv auf Instagram, tausche mich dort mit anderen Buchbloggern aus und mache Kooperationen. Das bedeutet eigentlich, dass wir uns gegenseitig unterstützen, Gewinnspiele zusammen machen, oder wir posten Bilder zu bestimmten Themen. 

Mit meinem Blog verdiene ich kein Geld, aber ich bekomme von den Verlagen Rezensionsexemplare. Das spart dann eigentlich Geld. Am Anfang musste ich die Bücher noch selbst anfragen, das war mühsam. Mittlerweile bekomme ich aber einfach so Bücher geschickt.

Das Blog habe ich seit einem Jahr, wir haben gerade den ersten Geburtstag gefeiert. Davor habe ich auch überlegt, was mit YouTube zu machen, ein Blog macht es einem aber einfacher, anonym zu bleiben. Das war auch meiner Mutter wichtig. Wir diskutieren schon häufiger mal, wenn sie etwas, das sich schreibe für zu privat hält. Sie verfolgt mein Blog und meinen Instagram-Account und wenn ihr etwas nicht passt, dann sagt sie es.

Das Blog habe ich selbst erstellt, das geht ja heutzutage sehr schnell, zum Beispiel mit Wordpress. Ich habe mich erst ein bisschen informiert, auch schon andere Blogs vorher gelesen und dann so irgendwie meinen Weg gefunden.

In der Woche lese ich zwei bis drei Bücher, also, wenn nichts dazwischen kommt wie Schule oder so. Wenn wir viele Arbeiten schreiben, lese ich auch mal nichts. Am Bloggen gefällt mir vor allem, dass ich mit anderen Leuten übers Lesen reden kann, die das genauso gut finden wie ich. Unter Jugendlichen ist das jetzt kein Hobby, über das man viel spricht. Auch bei meinen Freundinnen war ich am Anfang eher zurückhaltend und habe nicht sofort gesagt, dass ich das Blog mache. Jetzt wissen es meine engsten Freundinnen und finden das auch total gut. Sie fragen mich mittlerweile sogar immer, was sie lesen sollen.

Das Coolste war eigentlich die Buchmesse im Herbst, da war ich total geflasht. Ich hab so viele Autoren getroffen und andere Buchblogger, das hat einen Moment gedauert, bis ich verstanden habe, dass die jetzt wirklich vor mir stehen. Also die Leute, denen ich sonst nur im Internet begegnet bin. Das war total toll.

Der Make-Up-Artist (13 Jahre)

Ich hab angefangen, mich zu verkleiden, da war ich noch ganz klein. Das machen ja alle Kinder. Mit fünf Jahren habe ich dann mit Theaterschminke experimentiert und nicht mehr aufgehört. Das hat mir am meisten Spaß gemacht. Meine Eltern finden das nicht komisch, das ist eben mein Hobby. Andere Kinder wünschen sich irgendwelche Geräte oder so, ich wünsche mir eben Douglas-Gutscheine oder Make-up.

Durch große YouTuber, die ich selbst geschaut habe, bin ich dann auf die Idee gekommen, das auch mal auszuprobieren. DagiBee mochte ich früher richtig gern. Und dann hatte ich einfach Bock, das auch zu machen, weil ich das, was mich interessiert, mit anderen Leuten teilen wollte. Richtig bekannt wurde ich eigentlich erst, als ich ein Video mit Marvin gedreht habe, der schon viele Fans hatte. Davor haben meine Videos nicht einmal 50 Leute geschaut. Mittlerweile habe ich selbst 235.000 Abonnenten auf meinem Kanal.

Das Schnittprogramm habe ich mir selbst beigebracht, das ist echt nicht so schwer. Man muss es halt machen. Ich investiere schon einige Zeit in der Woche. Ein Video zu drehen, dauert mindestens ein bis zwei Stunden, das Schneiden auch. Und dann muss man das Video ja auch noch hochladen, das dauert so eine halbe Stunde. Ich probiere, einmal in der Woche ein Video zu bringen. Was ich genau drehe, entscheide ich relativ spontan. Mir kommen die besten Ideen, wenn der Druck da ist: Oh, heute ist Samstag und morgen muss ein neues Video erscheinen. Ich merke ja, dass den Leuten das gefällt und die will ich nicht enttäuschen.

Meine Eltern waren am Anfang skeptisch, haben mir aber vertraut. Mittlerweile unterstützen sie mich und sind auch mehr involviert. Sie verwalten zum Beispiel das Geld, das ich mit YouTube verdiene. Noch ist das aber nicht so viel. Falls ich mir mal etwas größeres wünsche, würden wir es von meinem Konto bezahlen. Papa sagt aber, nur wenn es nützlich ist. Meine Freunde und Bekannten finden meine YouTube-Videos auch ganz cool, manchmal sind auch Freunde von mir in meinen Videos zu sehen. Bisher bekomme ich auch eigentlich nur gute Reaktionen, also auch von Fremden und meinen Abonnenten, was blödes ist mir noch nicht passiert.

YouTube will ich nicht für immer machen, lieber will ich in drei Jahren auf eine Maskenbildnerschule gehen. Ob es YouTube dann überhaupt noch gibt, weiß ja eh niemand. 

Der Spielzeug-Tester (9 Jahre)

Ich heiße Jojo B., bin neun Jahre alt und wohne in Hamburg. Ich schreibe Artikel im Blog meines Papas, ich habe da eine Kolumne namens Elektrospielzeug. Meistens schreibe ich über Spielzeug und Produkte, die mir zugeschickt werden, zum Beispiel habe ich neulich über eine Carrerabahn geschrieben.

Jojo B. testet ein Tablet für Kinder

Ich weiß gar nicht mehr, wie lange ich das schon mache. Es fing mit einem Tablet für Kinder an, das bekam mein Vater zugeschickt und ich habe gesagt, ich möchte selbst drüber schreiben. Man kann mit dem Bloggen schon was erreichen, man kann damit berühmt werden und andere Kinder haben auch etwas davon, wenn sie das lesen. Weil sie dann zum Beispiel wissen, was sie sich zu Weihnachten wünschen können, wenn ich etwas gut bespreche.

Die Texte diktiere ich meinem Papa, weil ich mich mit der Tastatur noch nicht so gut auskenne. Der hilft mir manchmal auch bei den Formulierungen. Mein Papa bloggt schon lange, der kennt sich da aus. Mir gefällt das Bloggen, da bekomme ich auch sehr teure Sachen zugeschickt, die würde ich sonst nicht bekommen. Letztes Jahr wurde ich Newcomer des Jahres, da habe ich einen Pokal gewonnen. Meine Eltern finden das supergut, was ich da mache. Meine Freunde verstehen das aber nicht, die kennen Blogs nicht.

Die Regisseurinnen (13 und 8 Jahre)

Juli: Stina und ich haben so eine App, mit der wir Trailer produzieren. Die App heißt iMovie. Die Trailer sind zwischen eineinhalb und zwei Minuten lang. Den richtigen Film dazu gibt es gar nicht, wir tun aber so. Wir haben sogar eine eigene Firma gegründet, JUSTI-Film, der Name setzt sich aus unseren Namen zusammen. Aber das ist natürlich nicht ernst gemeint. Ich will später auch gar keine Regisseurin werden, wenn, dann Drehbuchschreiberin. Am meisten Spaß macht es mir nämlich, mir die Geschichten auszudenke, die ich dann mit meiner kleinen Schwester Stina verfilme.

Stina: Ich denke mir auch manchmal Geschichten aus. Meistens geht es um Pferde. Also um ein Mädchen, das in eine andere Stadt zieht und dort eine neue Freundin findet, und dann kaufen die sich zusammen ein Pferd. Das Mädchen, das umzieht, nenne ich Lilli und ihre Freundin heißt Helen.

Juli: Für einen neuen Trailer suchen wir uns zuerst eine Filmkategorie aus, auf die wir gerade Lust haben: Thriller, Familienfilm, Komödie oder Horror. Fantasy machen wir nie, weil man da Spezialeffekte braucht. Wenn wir uns für ein Genre entschieden haben, denke ich mir eine Story dazu aus und erzähle sie Stina. Der nächste Schritt ist, dass wir uns die einzelnen Szenen genauer überlegen, bevor wir sie mit dem Handy filmen. Eine Einstellung ist ungefähr fünf Sekunden lang, für einen Trailer brauchen wir circa 20, die schneiden wir dann mit der App zusammen. Mal filme ich, mal filmt Stina, so dass wir auch beide zu sehen sind. Ich glaube, es wäre witzig, mal einen 90-Minuten Film zu drehen, andererseits aber auch zu aufwendig.

Stina: Das macht dann vielleicht gar keinen Spaß mehr. Ich will ja später auch nicht beim Film arbeiten, ich will Reitlehrerin werden oder Geländereiterin. Ich gehe auch einmal in der Woche reiten, jeden Montag auf Bella. Es ist aber leider nicht mein eigenes Pony.

Juli: Immer wenn ein neuer Trailer fertig ist, zeigen wir den unseren Eltern. Auf YouTube stellen wir den nicht, wir haben die nur auf dem Handy gespeichert. Uns geht es ja nicht darum, dass das jeder sehen kann. Es macht einfach Spaß, sich was auszudenken, das zu filmen und zu schneiden.

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Die Jugend aber auch viele Erwachsene leben in einer anderen Welt. Die Frage ist, wie ihr Leben dadurch verändert wird oder besser noch, was ihnen verloren geht. Der Nutzen dieser digitalen Abwesenheit liegt bei den Betreibern der Netzwerke. Sie werden gar nicht mehr das Verhalten der User in Klicks messen wollen, sie werden es beherrschen. Wachheit und Schlaf gleichen sich an um Kommerz und politischer Macht mehr Einfluss zu geben. Der Präsident der deutschen Sporthilfe Wilhelm Gäb hat es heute morgen im DLF auf den Punkt gebracht. Es ist schwer gegen die Interessen von Wirtschaft und Politik anzugehen. Auch hier ging es um Doping.

Wenn es denn Musterkids wären. Ein 13jähriger dreht Drohnenfilme, bei Crash kommt sofort Ersatz von der Industrie, sein Vater findet nichts dabei, wenn er unter der Sinnesverwirrung durch die VR-Brille umfällt. Eine 14jährige rezensiert erotisch aufgeladene Groschenromane und freute sich, dass die Rezensionsexemplare helfen, Geld zu sparen. Über den 13jährigen Make-Up Artisten schweige ich mal.