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"Tatort"-Kritikerspiegel Gegen die Schweinekapitalisten

Klara Blums letzter Fall ist so krude wie aktuell: Es geht um Rechtspopulismus, Rückentattoos, Nazis, Horrorclowns und Alterseinsamkeit. Bloß Trump wurde vergessen.

Ein Mann treibt tot in einer Barke auf dem Bodensee, die Ermittlungen an einem Giftmord führen in eine Textilfabrik nach Bangladesch und eine WG älterer Damen erobert das kranke Herz von Kommissarin Klara Blum (Eva Mattes), die zusammen mit Perlmann (Sebastian Bezzel) an ihrem letzten Fall ermittelt. Unsere Kritiker haben sich den letzten Konschtanzer Tatort schon mal angeschaut.


1. Worüber werden am Montag alle reden?

Doris Akrap: Ob dieser Tatort neben Deutschnationalen, Rassisten, Behinderten, Flüchtlingen, der Textilindustrie in Bangladesch, Alterseinsamkeit, Altersherzschwäche, Altlinken, Altnazis, Armut und Artensterben nicht auch noch Hass im Internet, den IS, den Klimawandel, Homophobie, Hundekrankheiten und den neuen US-Präsidenten hätte thematisieren müssen.

Christian Buß: Die gibt's noch! So schreien die älteren unter den Tatort-Zuschauern (und das sind ja die meisten) auf, wenn hier betont lässig die Fassbinder-Aktricen Hanna Schygulla, Irm Hermann und Margit Carstensen zu Selbstgedrehten über Schweinekapitalisten herziehen.

Lars-Christian Daniels: War es wirklich die richtige Entscheidung, Klara Blum und Kai Perlmann in Rente zu schicken und stattdessen einen neuen Tatort im Schwarzwald zu installieren? Nach dem vielgelobten Tatort Rebecca aus dem vergangenen Januar und diesem fast poetisch anmutenden, herrlich überhöhten Abschiedsfall darf man getrost Zweifel anmelden.

Matthias Dell: Wo man diesen tollen Clownsriesentelefonhörer herbekommt.

Kirstin Lopau: Darüber, dass Abschiede, wenn sie so würdig sind wie dieser letzte Tatort mit Klara Blum und Perlmann, furchtbar sind. Wären nur die letzten Tatorte mit den beiden genauso sphärisch, seltsam und großartig zugleich gewesen, hätten wir uns niemals verabschieden müssen.


2. Was haben Sie aus diesem Tatort gelernt?

Doris Akrap: Dass ich am Ende der Tage lieber mit verrückten, altlinken, "Völker, hört die Signale" singenden Omas in einem Boot sitzen will und auf gar keinen Fall mit Tatort-Drehbuchautoren.

Christian Buß: Die kleinblütige Bergminze ist eine sehr widerständige Pflanze.

Lars-Christian Daniels: Auch gute vierzig Jahre nachdem Eva Mattes, Hanna Schygulla, Margit Carstensen und Irm Hermann unter Regie von Rainer Werner Fassbinder den Neuen Deutschen Film mitgeprägt haben, ist es noch immer eine einzige Freude, den Damen beim Spielen zuzusehen.

Matthias Dell: Dass es die kleinblütige Bergminze überhaupt gibt.

Kirstin Lopau: Von Hanna Schygulla als Catharina kann man einiges lernen: "Ohne diese Unvernunft, die uns glücklich macht, wär das Leben doch nichts als eine abgeschmackte Abfolge von Bedürfnissen." Oder: "Das Leben ist flüchtig, flatterhaft, empfindlich. Eine ganz schöne Zicke ist das Leben. Aber es ist auch die Schönste auf dem Ball." Außerdem lernen wir, dass sich Klara Blum gern und schnell verliebt, dass ein uralter Papagei, gefüttert mit Naziparolen in der damaligen Zeit, diese nach dem Untergang des Reiches nicht mehr ablegt.


3. Welche Frage bleibt offen?

Doris Akrap: Hat irgendjemand den Drehbuchautor noch mal gesehen oder haben ihn die verrückten, altlinken "Völker, hört die Signale" singenden Omas schon über den Jordan geschickt?

Christian Buß: Was wird eigentlich aus Perlmann? Nur weil die Chefin in Rente geht, muss er ja nicht in den Vorruhestand.

Lars-Christian Daniels: Ob man den Schweizer Kollegen Matteo Lüthi (Roland Koch) vielleicht schon viel eher allein mit Perlmann hätte losschicken sollen, statt ihn wie im Tatort Chatêau Mort bei Rotwein und Kerzenlicht mit Blum anbandeln zu lassen? Einer steileren Spannungskurve wäre das sicherlich dienlich gewesen.

Matthias Dell: Findet Perlmann ein neues Zuhause?

Kirstin Lopau: Was macht Michael Steinbrecher jetzt eigentlich, wenn er nicht gerade als schlechter Moderator im Tatort auftritt?


4. Welche Rolle hätte man besser besetzen sollen? Und mit wem?

Doris Akrap: Keine. Aber das gehäkelte Hakenkreuz hätte eine Rolle verdient.

Christian Buß: Von Matthias Habich, der als Textilmillionär im Harlekin-Kostüm behinderte Kinder bespaßt. Da bekommt das Wort Horrorclown eine neue Dimension.

Lars-Christian Daniels: Assistentin Annika "Beckchen" Beck (Justine Hauer), die nie über die ewige Rolle als kaffeekochende Aktenheldin mit bemühtem süddeutschen Zungenschlag hinausgekommen ist, hätte ich auch in diesem Tatort nicht vermisst. Wenn man sie denn schon vor Jahren vor die Tür gesetzt hätte.

Matthias Dell: Die von Michael Steinbrecher. Mit einem Schauspieler.

Kirstin Lopau: Die Rüschenbluse der "deutschnationalen" Tochter muss unbedingt zurück ins 19. Jahrhundert. Ich bitte dringend um Umbesetzung! Und bitte keine Clowns mehr im Tatort, auch nicht, wenn sie wie dieses Mal für einen guten Zweck auftreten.


5. Von welcher Szene werden Sie träumen?

Doris Akrap: Wie ich mit Hanna Schygulla auf der Gartenbank sitze, mit ihr ein Päckchen Zigaretten aufrauche und über das Leben, dieses kleine Luder, plaudere.

Christian Buß: Haha, gute Frage. Vier Fassbinder-Aktricen in einem Film. Wenn man sich da beschwert, wird man doch sofort von der Cineasten-Polizei abgeführt.

Lars-Christian Daniels: Anna Krist (Julia Jäger), die Witwe eines ermordeten Rechtspopulisten, gibt sich zu den Klängen von Sinéad O'Connors Troy ganz ihrer Trauer hin und entblättert dabei ein riesiges Rückentattoo: Da kann Francis Dolarhyde (Ralph Fiennes) aus dem Psychothriller Roter Drache einpacken. Auch der blutige Showdown an einem üppig gedeckten Esstisch weckt sofort Assoziationen an die Hannibal-Lecter-Filme.

Matthias Dell: Von dem Croissant-in-den-Mund-steck-Trick, mit dem der Schweizer Kommissar Mattheo Lüthi seine Geliebte weckt. Der Horror.

Kirstin Lopau: Von Perlmanns traurigen Augen in der letzten Szene. Und von einer wunderbaren WG mit den drei weisen Damen und Klara Blum.


6. Von 0 (super spannend) bis 10 (schon um halb neun eingeschlafen): Wie viele goldene Schlafmützen bekommt dieser "Tatort"?

Doris Akrap: 0 Schlafmützen. Weil man immer auf Hanna Schygullas nächsten Auftritt wartet.

Christian Buß: 3 Schlafmützen 😴😴😴

Lars-Christian Daniels: 3 Schlafmützen. 😴😴😴

Matthias Dell: 3 Schlafmützen, auch wenn spannend vielleicht die falsche Kategorie ist. 😴😴😴

Kirstin Lopau: 1 Schlafmütze. Dieser Tatort ist anders als die vorherigen vom Bodensee und das ist gut. Ich werde die beiden vermissen. Tschüss, Klara, tschüss, Perlmann! 😴

Kommentare

14 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Die Zusammenfassung des Krimis zeigt wunderbar, wie relevant die Tatorte sind, wie passgenau sie die gesellschaftliche Realität widerspiegeln und wie unverzichtbar sie für die Erziehung derjenigen sind, die ansonsten vom Bertelmann-Fernsehen sozialisiert werden.
Dem Chor der Kritiker, die behaupten, die verantwortlichen Intendanten der öffentlich-rechtlichen Sender sollten sich schämen, fast 60% der Sendekapazität für seichte Kriminalfilmchen zu vergeuden, sei entgegnet, dass unsere Welt nun einmal schlecht ist, da können die Sender nicht nur Liebesfilme abstrahlen.
Was ich mir für die zukünftigen Tatortstaffeln der nächsten Dezennien wünsche, wäre ein Ermittlerquintett, da könnte man dann sowohl Ermittler aus dem großstädtischen Raum wie etwa Bielefeld, Braunschweig und Gütersloh als auch welche aus dem dörflichen Milieu zusammenführen, ohne dass die vielen Fans aus den ruralen Gebieten sich benachteiligt fühlen.
Wir sollten stolz auf die kritischen Qualitäten unseres staatlichen TVs sein.