© SR/Manuela Meyer

"Tatort"-Kritikerspiegel Darauf eine Lyonerpfanne!

Das Saarland ist sonderbar: Frauen erschießen die Mopeds ihrer Kinder, es gibt Wohnungen ohne Bad und Blind Dates mit Meerkatzen. Oder ist nur dieser "Tatort" seltsam?

Drei Schüler wollen ihrem toten Lehrer einen letzten Streich spielen. Doch auch dieser endet tödlich. Für Kommissar Jens Stellbrink (Devid Striesow) entpuppt sich dieser Fall als komplizierter als zunächst angenommen …


1. Worüber werden am Montag alle reden?

Christian Buß: Über die rabiate Mutter, die ihrem kriminellen Sohn zur Bestrafung mit dem Jagdgewehr das Moped in Flammen schießt. Leider die einzige anregende Szene im dieses Mal wieder schrecklich langweiligen Saar-Tatort.

Lars-Christian Daniels: Eigentlich sollte dieser Tatort ja an Neujahr laufen – vielleicht ist es trotzdem noch nicht zu spät für gute Vorsätze? Würde man jedenfalls den Machern der Stellbrink-Krimis für 2017 ein paar Tipps mit auf den Weg geben, könnte man ein ganzes Buch damit füllen.

Matthias Dell: Über die Leuchtenburg als mögliches Ausflugsziel.

Anne Fromm: "Dass der Striesow sich für so was hergibt …"

Jürn Kruse: "Ich bin für die Wahrheit zuständig, nicht für die Gerechtigkeit", sagt Kommissar Stellbrink (Devid Striesow). Wer am Montag über diesen Satz noch nachgrübelt und ihn für tiefsinnig hält, mag auch: Paulo Coelho, Sprüche wie "Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum" und Tattoos mit chinesischen Schriftzeichen.

Kirstin Lopau: Ob Meerkatze und Easy Rider wohl eine Zukunft gehabt hätten? Und wie ging das Date mit dem falschen Easy Rider wohl aus?


2. Was haben Sie aus diesem "Tatort" gelernt?

Christian Buß: "Das Leben ist keine Tour de France. Leistung ja, aber auf der Basis von Vertrauen und Toleranz." So ein Koch, der seinen Lehrling gegen allzu strenge Leistungsvorgaben verteidigt. In diesem Tatort gibt es Sprüche aus dem Pädagogenhandbuch en masse.

Lars-Christian Daniels: Jens Stellbrink hat einen Sohn, der gleich mal die jüngere Kollegin des Vaters angräbt und erwartungsgemäß nicht viel mit seinem Papa am Hut hat. Na klar, der Tatort heißt ja auch Söhne und Väter, thematisiert Familienkonflikte, und da darf der Kommissar natürlich nicht fehlen. So originell wie dieser Drehbuchkniff ist leider auch der Rest des Films.

Matthias Dell: Dass das mit der Komik nicht so leicht ist.

Anne Fromm: Warum Jan Böhmermann so gerne Saarland-Witze macht.

Jürn Kruse: Wenn Väter ihre (Stief-)Söhne schlecht behandeln – sie zum Beispiel schlagen oder verhätscheln oder erniedrigen – ist das schlecht. Wäre man so nicht draufgekommen. Aber dieses Problem dürfte mit der Ausstrahlung dieses Tatorts der Vergangenheit angehören.

Kirstin Lopau: "Familie ist die kleinste Terrorzelle" und "Auch Paranoiker haben Feinde". Wir lernen ferner, wie man einen Durchsuchungsbefehl mit einem "Bam" zustellt und wie man Austern richtig öffnet. Was uns aber besonders auffällt, ist, dass Stellbrink die meiste Zeit zu laut spricht.


3. Welche Frage bleibt offen?

Unsere Kritiker

Christian Buß ist Kulturredakteur bei Spiegel Online und schreibt dort regelmäßig über den Tatort.

Lars-Christian Daniels bespricht für sein Blog Wie war der Tatort? und das Onlinemagazin Filmstarts den Tatort und weitere TV- und Kinofilme.

Matthias Dell ist Tatort-Kritiker bei ZEIT ONLINE und teilt das Arbeitsethos von Gunter Gabriel: "Derjenige, der dem Schweiß den Rücken runterläuft“.

Anne Fromm ist Medienredakteurin der taz. Das Erste, was sie als Kind über den Tatort gelernt hat, war: Sonntags zwischen 20.15 Uhr und 21.45 Uhr niemals Oma anrufen.

Jürn Kruse ist Leiter des Gesellschafts- und Medienressorts bei der taz. Er guckt zu viel Tatort. Und zu viel Fußball. Und allgemein zu viel Fernsehen.

Kirstin Lopau ist ZEITmagazin-Leserin und eine der meinungsstarken Kommentatoren bei unseren sonntäglichen Tatort-Diskussionen bei Facebook.

Christian Buß: Wann läuft eigentlich der Vertrag von Devid Striesow beim Saar-Tatort aus?

Lars-Christian Daniels: Warum darf Staatsanwältin Nicole Dubois (Sandra Steinbach), die mittlerweile deutlich menschlicher wirkt als noch bei ihren ersten beiden Auftritten, nur noch wenige Sätze sprechen? Hier wird eine Figur, die bisher nicht funktioniert hat, auf dem Abstellgleis geparkt. Auf dem besten Weg dorthin ist auch Kollegin Lisa Marx (Elisabeth Brück), der Mia Emmrich (Sandra Maren Schneider) als Co-Ermittlerin von Stellbrink den Rang abgelaufen hat.

Matthias Dell: Wo hat Stellbrink für sein Blind Date plötzlich das richtige Motorrad her?

Anne Fromm: Wo in Stellbrinks Wohnung ist eigentlich das Klo?

Jürn Kruse: Was macht eigentlich Stellbrinks Kollegin Lisa Marx beruflich? An der Aufklärung dieses Falls war sie zumindest nicht beteiligt.

Kirstin Lopau: Gibt es in der Küche eines noblen Restaurants wirklich einen Thermomix?


4. Welche Rolle hätte man besser besetzen sollen? Und mit wem?

Christian Buß: Eigentlich alles und jeden. Außer die Mutter mit dem Jagdgewehr.

Lars-Christian Daniels: Die des Drehbuchautors. Die Sequenz, in der sich Stellbrink und Marx versehentlich zum Blind Date verabreden, hat man vor sage und schreibe neun Jahren im Tatort aus Münster schon besser gesehen, und selbst damals war sie schon kein Brüller. Die Stammzuschauer werden sich erinnern: Professor Boerne (Jan Josef Liefers) datete einst seine Assistentin "Alberich" (Christine Urspruch).

Matthias Dell: Welche Rollen?

Anne Fromm: Den Koch. Tim Mälzer hätte das Himbeerrezept in Altfranzösisch wahrscheinlich schmackhaft parat aus dem Ofen gezaubert.

Jürn Kruse: Puh, wo soll man da anfangen? Vielleicht sollten Deininger (Gregor Weber) und Kappl (Maximilian Brückner) wieder in Saarbrücken übernehmen. Brückner zeigte schließlich  im ARD-Krimi-Vierteiler Mörderisches Tal – Pregau wie es geht.

Kirstin Lopau: Thomas Schweiberer als Rudi Weller ist mir zu unterwürfig, zu sehr Pantoffelheld und zu sehr Modelleisenbahnschaffner mit Spritze für den Dampf aus dem Schornstein.


5. Von welcher Szene werden Sie träumen?

Christian Buß: Von keiner. Nach dem Zuschauen bei diesem Pennälerkrimi versinkt man in einen traumleeren Schlaf. Möglicherweise aber auch schon beim Zuschauen.

Lars-Christian Daniels: Stellbrink steht am Herd und kocht sich ein traditionelles saarländisches Gericht: Lyonerpfanne mit Kartoffelscheiben und Paprika. Allein beim Gedanken an den Geschmack dieser Kombination bekomme ich Alpträume.

Matthias Dell: Von der Leuchtenburg zu allen Tageszeiten.

Anne Fromm: Yolo mit der ARD: "Präteritum am Arsch!", "Vielleicht check ich aus", "Vancouver is echt: coolest place ever".

Jürn Kruse: Austern zum Mittag beim Spitzenkoch. Vielleicht sollte ich weniger mein Leben träumen und mehr meinen Traum leben.

Kirstin Lopau: Diese Schändung des Toten zu Beginn ist für meinen Geschmack doch sehr anschaulich und zu detailreich.


6. Von 0 (super spannend) bis 10 (schon um halb neun eingeschlafen): Wie viele goldene Schlafmützen bekommt dieser Tatort?

Christian Buß: 9 Schlafmützen 😴😴😴😴😴😴😴😴😴

Lars Christian Daniels: 7 Schlafmützen 😴😴😴😴😴😴😴

Matthias Dell: 8 Schlafmützen 😴😴😴😴😴😴😴😴

Anne Fromm: 10 Schlafmützen 😴😴😴😴😴😴😴😴😴😴

Jürn Kruse: 9 Schlafmützen (man schläft erst Viertel vor neun ein) 😴😴😴😴😴😴😴😴😴

Kirstin Lopau: 5 Schlafmützen 😴😴😴😴😴. Der Tatort ist zum Glück nicht mehr so grotesk klamaukig wie die ersten mit Stellbrink, aber es gibt noch viel Luft nach oben.

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