Digitale Familie Der Junge mit dem 15-Zoll-Grinsen

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Mein elfjähriger Sohn hat einen neuen Computer. Es ist sein erster eigener Rechner, der Freund meiner Ex-Frau hat ihm den geschenkt. Es ist zwar ein älteres Modell, aber gründlich rundüberholt, mit neuer Festplatte und zusätzlichem Speicher, schönes Teil. Mein Sohn macht damit nun, was fast alle Computerbesitzer mit ihrem neuen Spielzeug tun: Er installiert den ganzen Tag Software und gibt an.

"Papa, wie viele Gigabyte hast du eigentlich?" fragt er mich plötzlich, während wir telefonieren. 280 oder 300, weiß nicht genau, antworte ich. "Ich habe 500 ...", sagt das Kind und lacht durchs Telefon. "Und findest du nicht, dass dein 13-Zoll-Bildschirm ein bisschen klein ist?" Er verbringt die Winterferien bei seinen Großeltern in Kassel, aber ich sehe sein breites 15-Zoll-Grinsen sehr deutlich vor mir. Der Rechner scheint ganz neue Seiten an ihm hervorzubringen, auch fiese.

Ich freue mich natürlich für ihn. Und auch für mich. Wenn er nun einen eigenen Computer hat, kann ich zum Beispiel endlich den Wildwuchs an Dateiordnern löschen, mit dem er meinen Schreibtisch zugemüllt hat. Es sind ja nicht nur stinkende Kindersocken, mit denen man es als digitaler Vater so zu tun bekommt. Die Ordner meines Sohnes haben eher kryptische Namen und enthalten Erweiterungen, sogenannte Mods, für das Spiel Minecraft. Er kann damit in dem Spiel auf Drachen reiten, Atombomben bauen oder einen unendlich großen Rucksack mit sich herumtragen, wenn ich das richtig verstanden habe. Ich bin da irgendwann ausgestiegen.

Marin Majica

Marin Majica und seine Partnerin hatten schon jeweils einen Sohn, als sie sich trafen. Sie bekamen zusammen noch einen dritten. Die Jungs sind heute 18, elf und vier Jahre alt, tragen alle unterschiedliche Nachnamen, teilen jedoch das große Interesse an digitaler Technologie. Bei ZEITmagazin ONLINE schreibt Marin Majica monatlich die Kolumne Digitale Familie und berichtet aus dem Alltag einer digitalisierten Großstadtfamilie.

Die Internetseiten, von denen er die Mods runterlädt, sehen bedenklich nach Viren und Spamangeboten aus. Ich habe aus reiner Vaterliebe alle Augen zugedrückt und weil das Ganze ein bisschen abenteuerlich und irgendwie nach Hackertum für Einsteiger aussah. Ich finde das Klötzchen-Bauspiel Minecraftzwar großartig und habe mir dem Kind zuliebe auch diverse YouTube-Videos angesehen, in denen erklärt wird, wie diese Zusatzfunktionen installiert werden. Aber das war ungefähr so verständlich wie ein Grundkurs in Nuklearphysik. Ich kann gut damit leben, dass er das nun mit sich allein ausmacht. Und mit seinem neuen Computer.

Wenn die Kleinen die Maschinen für sich entdecken, vor denen wir Erwachsenen mehr oder weniger den ganzen Tag sitzen, verbindet man als Elternteil damit natürlich bestimmte Hoffnungen. Dass ihnen die Computer neue Horizonte und Möglichkeiten eröffnen zum Beispiel. Dass sie damit nicht nur zocken, sondern sich fürs Programmieren begeistern und in der nächsten Schulprojektwoche eine kleine künstliche Intelligenz zusammencoden, aus der dann das nächste Facebook entsteht, so etwas in der Art. Da hätten wir doch alle etwas davon.

Diesen Erwartungen werden ein klein wenig relativiert, wenn ich mich an meinen eigenen ersten Computer erinnere. Das war ein Commodore C-64. Ich war 13 oder 14 und Mark Zuckerberg noch im Kindergarten. Aber ich hatte größte Ambitionen. Leider konnte ich ein bestimmtes wichtiges Zeichen aus dem Handbuch für die Programmiersprache Basic nicht auf der Tastatur finden – eine Art inverses Herz? Es ist lange her. Auf jeden Fall hatte sich die Sache mit dem Programmieren schnell erledigt und meine Begeisterung galt mehr Spielen wie Summer Games. Der Informatikkurs in Turbo Pascal in der Schule war ganz interessant, aber was sollte man Anfang der neunziger Jahre schon Cooles programmieren außer Textaufgaben aus dem Matheunterricht? Es gab damals ja noch nicht einmal das Internet, an Apps wie Pokémon Go war nicht zu denken. Erinnert sich jemand?

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