Endlich Vintage! Harald, bist du es?

© Evening Standard/Getty Images

Alte Freunde. Je älter ich werde, umso wundervoller finde ich es, auf alte Freunde zu stoßen, also alt wie von früher und alt, weil jetzt nicht mehr jung, sie und ich. Okay, sentimentaler Quatsch. Aber sie nehmen einen auf eine Zeitreise mit. Das Telefon geht und da ist eine Stimme, die triggert – was? Erinnerungen an – Paul? Von vor 40 Jahren? Vor 45 Jahren? Paul, mit dem ich Ralleys fuhr? In der Zwölf? Oder Kärtchen von Sibylle, damals aus der Reihe hinter mir, diesmal ein Kassiber aus dem Ferienhaus an der Steilküste über Omaha Beach. Mail von Karl, einst Faschismus-AG. Und Harald natürlich, den die meisten als Martenstein kennen, den ich aber schon kannte, als die meisten ihn Harald nannten.

Als Harald und ich uns kannten, waren wir im schönen Süddeutschland. Er war mein Chef, ich seine Praktikantin. Ich wurde ihm zugeteilt und sollte auf ihn warten, in einem Großraumbüro auf einem Stuhl neben seinem Schreibtisch, der neben einer tragenden Betonsäule stand, auf der mein zukünftiger Chef seine Leserbriefe angetackert hatte. Viele waren an "Diese Rote Sau" adressiert. Inhaltlich waren es Anweisungen für Foltermethoden, wie sie später in Abu Ghraib zur Anwendung kamen. Der Schwabe neigt ja zum Übermaß, wenn er gereizt wird.

Ich muss sagen, ich hatte ein riesiges testesteronstrotzendes Borstenvieh erwartet, und war überrascht, als Harald Martenstein auftauchte, er war weder riesig noch borstig, hatte aber kugelrunde Äuglein hinter einer Goldrandbrille. In meiner Erinnerung sah er exakt aus wie John Lennon, nur in Miniatur und blond. Er war viel witziger als John, ich erinnere ich mich an die Kritik eines Theaterstücks, er rezensierte, wohl, um sich seine schon damals sprichwörtliche gute Laune zu erhalten, statt der offensichtlich nervtötenden Inszenierung einfach die perfekten Auftritte der Kulissenschieber. Schöne Zeiten, sagen wir, das, was ich davon so mitbekam, pünktlich um fünf wurde ja der Trollinger entkorkt.

Neulich traf ich Harald wieder, es war, glaube ich, auf der Buchmesse. Die letzte? Die Vorletzte? Es fließt jetzt ja schon ineinander. Hätte ihn fast nicht erkannt. Wenn man jemand lange nicht gesehen hat, ist es oft strange. Entweder die Leute sehen aus, wie man sich erinnert – das kann dann falsche Erwartungen wecken, oder sie sehen total anders aus, und man täuscht sich, weil sie noch immer die sind, die sie mal waren. Florian! Früher nie ohne Cabrio unterwegs war, also Mediziner, fährt heute brav mit der Bahn, man trifft sich zum Lunch und siehe da, er sieht aber exakt so aus wie mit 20. Rund und weich. Aber innerlich aus Stahl. Verstärkt mit fünf Stents! Herzinfarkt, Vorruhestand. Mein alter Freund Willi, von dessen Goldlocken meine Mutter noch Jahre nach unserer Trennung nicht ohne Bitterkeit schwärmte, tauchte auf mit kopfhautnaher Rasur und wirkte wie ein unter der Sonne des Empire gebräunter Engländer. Und Paul, mein erster Freund, ich sage nur, Lippen wie Mick Jagger! Erkannte ihn gar nicht auf dem Klassentreffen. Wo früher die Lippen waren, war jetzt Bart. Bis er lachte und gackerte, unter alle dem Haar steckte noch derselbe durchgeknallte Spott. Aber zurück zu Martenstein. 

Was soll ich sagen. Weniger Lennon, der die Haare ja kurz trug, bevor er erschossen wurde, und vorher unter dem Einfluss von Yoko Ono noch Feminist geworden war. Martenstein ist feminismusphob geworden, trägt das Haar jetzt lang und wurde nicht erschossen. Aber berühmt! Er erinnerte sich nicht gleich an mich, weil ich gerade Brille trug, hatte nämlich meine Linsen verlegt. Wir scherzten ein wenig über unsere Brillen, seine ein nobles Horn, meine Plastik und Pink, und lachten dann über seine blonden Zotteln und ich zeigte ihm meine grauen Strähnen. Was Frauen so tun, wenn sie älter werden und alte Freunde treffen und ein bisschen jammern. Harald erzählte stolz von seinem neuen Baby, was ältere Männer so tun, wenn sie ein neues Leben angefangen haben und stolz sind. Es ging also darum, wie viel es nachts schreit und wie sich das vergleicht mit dem ersten Baby, das jetzt so alt ist wie mein langer Sohn, der studiert. Ich regte an, die beiden sollten sich mal wieder treffen, so wie früher. Martenstein war ein wenig verwirrt, weil er dachte, der erwachsene Sohn (von mir) sollte das Baby (von ihm) treffen. Dann klärte sich alles auf und wir kicherten wie einst und es war wieder mal sehr schön.

Kommentare

12 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren