Andersrum ist auch nicht besser Es gibt so viele Gayrüchte

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In diesem Jahr wird der Film Titanic 20 Jahre alt. Das sind 20 Jahre mit My heart will go on. Es sind aber auch 20 Jahre mit dem Gerücht, in Wahrheit sei der Hauptdarsteller Leonardo DiCaprio schwul. Immer wieder höre ich: Doch, bei ihm sei man sich ganz sicher. Und irgendjemand kennt immer irgendwen, der schon mal was mit ihm hatte. Ich glaube das nicht. Warum soll jemand ausschließlich Supermodels daten, wenn er nur eine Scheinfreundin braucht?

Wenn es um die sexuelle Orientierung männlicher Schauspieler geht, leben wir bereits seit Jahrzehnten im postfaktischen Zeitalter. Als junger Mann sah DiCaprio niedlich aus. Niedliche Männer müssen schwul sein, dachten die Menschen vor 20 Jahren – und sie denken es noch heute. Ich denke: Viele Millionen Jahre menschlicher Evolution – und dann solche unterkomplexe Annahmen.

Lange glaubte ich zu wissen, wer dahinter steckt, wenn behauptet wird, dass Prominente schwul sind. Erstens: heterosexuelle Männer. Sie wollen den gut aussehenden Star als Konkurrenten ausschalten. Zweitens: heterosexuelle Frauen. Sie behaupten, dass "alle hübschen Männer sowieso schwul sind" und trösten sich so darüber hinweg, dass der eigene Liebhaber ihren ästhetischen Erwartungen nicht entspricht. Und drittens: schwule Männer, die sich wünschen, ein schöner Promi teile ihre sexuelle Orientierung. So ist das bei mir.

Doch wahrscheinlich sind all diese Erklärungen falsch. Denn was ist dann mit Hitler? Immer wieder sagen Menschen über Hitler, er sei schwul gewesen. Ein ganzes Forschungsgebiet ist um seine Sexualität herum entstanden; wahrscheinlich gibt es bald sogar die erste Hitler-Gender-Professur.

Ich kann mir schwer vorstellen, dass die angebliche Homosexualität Hitlers dem Wunschtraum der Gays entstammt. Hitler entspricht nicht dem, was Schwule sexy finden, auch wenn inzwischen ausgefallene Bartformen tragbar sind. Das Gerücht wurde bestimmt auch nicht von Frauen in die Welt gesetzt, die für Hitler schwärmen. Wer dieses Gerücht verbreitet, versucht, zu diffamieren: entweder das Schwulsein oder Hitler. Das hängt vom Standpunkt ab.

Menschen sind besessen davon, etwas über die sexuelle Orientierung derjenigen zu erfahren, die sie aus den Medien kennen. Ich nehme mich da nicht aus. Aber vielleicht habe ich gerade eine Marktlücke entdeckt: Was fehlt, ist eine PR-Strategie gegen Gayrüchte.

Die einzige Möglichkeit, sich dagegen zu wappnen war bisher, in einem Film eine schwule Rolle anzunehmen. So viel Mut traut einem ungeouteten Schwulen niemand zu. Dass diese Taktik funktioniert, sieht man an James Franco. Er spielt fast ausschließlich homosexuelle Figuren. Niemand spekuliert, ob er insgeheim tatsächlich schwul sein könnte. Stellt ein Mann dagegen eine übertriebene Männlichkeit zur Schau, wie Putin mit freiem Oberkörper und betäubter Raubkatze, sagen die Leute: Bestimmt schwul! Er tut alles, um es zu verbergen.

Als PR-Stratege zum Vermeiden von Homo-Unterstellungen würde ich mir als Role Model einen Promi suchen, über den noch niemals jemand gesagt hat, er sei schwul. Vielleicht wäre Helmut Kohl geeignet. Es gibt einen Videoausschnitt aus den frühen neunziger Jahren, in dem Kohl mit tuntiger Empörung klarstellt, dass er sich nicht auf eine Sitzgelegenheit setzen möchte, die man für ihn bereitgestellt hat. Es ist ein Sofa. Kohl nennt das Sofa einen "entsetzlichen Stuhl". Weder diese ausdrucksstark geäußerte, ästhetische Empfindlichkeit noch eine gewisse Tuntigkeit haben je zu dem Gerücht geführt, Kohl stehe auf Männer. Im Jahr 2013 war er sogar einmal Trauzeuge auf einer Schwulenhochzeit. Die Homo-Gerüchte blieben aus.

Wer nicht als schwul gelten will, der muss also wie Helmut Kohl sein. Es wird derzeit oft über die Deutschen gesagt, sie wollten die Gesellschaft der achtziger Jahre zurück. Mit dem Vorbild Kohl ist man dafür gut gerüstet.

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