Wir müssen reden Hilft jetzt nur Versöhnungssex?

© [M] SLIK PICTURES/Getty Images

ZEITmagazin ONLINE: Trennendes, sagt der Sexualforscher Gunter Schmidt, mache intensives sexuelles Erleben und das sporadische Gefühl der Verliebtheit wieder spürbar. Kann man sich also selbst beglückwünschen, wenn man über die Festtage Streit mit seinem Partner hatte?

Ulrich Clement: Schön wär's! Ob das Trennende erotisiert werden konnte, lässt sich erst im Nachhinein feststellen. Man kann es leider nicht planen, ob ein Streit so ausgeht.

ZEITmagazin ONLINE: Zu Beginn einer Beziehung hat man die Energie eines Streits eher mal ins Bett umgeleitet und sich dort versöhnt. Nach Jahren der Beziehung wird das seltener. Warum?

Clement: Das kann auch in einer langjährigen Beziehung noch funktionieren. Entscheidend ist, ob der Streit eine abwertende Note hat und implizit gesagt wird "Du bist falsch", oder ob der Streit eine echte Auseinandersetzung im wörtlichen Sinne ist, also eine Diskussion, in der man einander mitteilt, was einem gefällt oder nicht gefällt. Das ist ein entscheidender Unterschied!

ZEITmagazin ONLINE: Wenn ein Streit also eine Auseinandersetzung ist, kann eine Initialenergie entstehen, die auch zu Sex führen kann?

Clement: Sicher. Übrigens auch, wenn es in der Auseinandersetzung selbst um Sex geht. Sogar dann, wenn der eine dem anderen klar sagt, was er sexuell nicht möchte. Dann ist es zwar möglich, dass sich zunächst kein Sex ergibt. Aber diese Klärung kann unter Umständen wichtiger sein, als dass Sex stattfindet.

ZEITmagazin ONLINE: Und wenn es bei dem Streit um so etwas Banales wie das richtige Zubereiten von Mango-Chutney geht?

Clement: Dann kommt es darauf an, wie ernst er geführt wird. Es gibt ja auch den neckenden Streit. Da steckt viel Humor drin – und letztlich auch Wertschätzung für den Partner. Toxisch sind hingegen Streits, in denen ein Partner den anderen in seiner Gesamtheit abwertet.

ZEITmagazin ONLINE: Ändert sich die Art des Streitens im Laufe einer Beziehung auf typische Weise?

Clement: Am Anfang gehen viele offener miteinander um. Offener auch in Hinsicht auf das Ergebnis ihres Streitens. Wirklich schlimm sind Paare, die schon lange zusammen sind und mit der Zeit verbittert sind. Verbitterung entsteht erst über Jahre, wenn die Partner ihren offenen Umgang miteinander aufgegeben haben. Manche tun noch so, als würden sie streiten, aber im Grunde glaubt keiner von beiden mehr daran, dass sich irgendetwas verändert. Selbst die Mienen solcher Partner sind dann, wenn man sie beim Streiten beobachtet, versteinert.

ZEITmagazin ONLINE: Nun, immer wieder über die gleichen Dinge zu streiten, kann sehr schmerzhaft sein.

Clement: Ja, es gibt wunde Punkte. Aber wie der Ausdruck schon nahelegt: Da schmerzt etwas. An dieser Stelle ist man – um im Bild zu bleiben – eben noch empfindlich und nicht bereits völlig verschorft.

Kommentare

14 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren