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William Gibson "Ich hoffe, wir sind nicht in negativen Utopien gefangen"

Keiner hat die Zukunft so vorhergesehen wie der US-Autor William Gibson. Zeit, mit ihm über ewiges Leben, Computer mit Charakter und Trumps Parallelwelt zu sprechen. Ein Interview von

Der Mann, der den Cyberspace erfunden hat, verbirgt seinen langen, dünnen, leicht gekrümmten Körper unter einem ultraweit geschnittenen Hightech-Parka aus experimentellen Verbundstoffen, der in Berlin speziell für ihn entworfen wurde. Die markante Figur, die an diesem strahlenden Dezembertag die Lobby eines Luxushotels in Vancouver betritt, könnte ein Händler für illegale Neuro-Implantate sein, ein Therapeut für depressive künstliche Intelligenzen, ein dunkler Oligarch mit ewigem Leben – und ist doch bloß der einflussreichste Futurist unserer Zeit: William Gibson, 68, wirkt wie ein Protagonist aus einem seiner Romane.

Seit er 1984 mit seinem ersten Buch Neuromancer Begriffe wie "Cyberspace" und "Matrix" geprägt und einen ganzen Zoo von Technologien, gesellschaftlichen Entwicklungen und Moden ersonnen hat, gilt er als der "Weise des Informationszeitalters" (Guardian) und als "dunkler Cyberpunk-Prophet" (Wall Street Journal) – "mit deutlich besserer Trefferquote als Nostradamus" (PBS). Das Internet, sich selbst erschaffende künstliche Intelligenz, autonome Autos, die Datenbrille Google Glass, Reality-TV – das alles und weit mehr fand sich in Gibsons Werken, Jahre oder Jahrzehnte bevor etwas davon Realität wurde.

Gibson betont stets, Science Fiction habe nichts mit jener Zukunft zu tun, die irgendwann Gegenwart wird. Jedenfalls war das so bis 2016. Die Niederschrift eines gerade entstehenden Werks hat er vorübergehend unterbrochen: Zu nahe kam die Wahl von Donald Trump seiner dunklen Fiktion der USA. Die gleiche bitterschwarze Version Amerikas findet sich bereits in seinem soeben auf Deutsch veröffentlichten Roman Peripherie, der deshalb wieder einmal als visionär gilt.


ZEITmagazin ONLINE: Mr. Gibson, angenommen, Sie erhalten – wie es in Ihrem neuen Roman Peripherie vorkommt – einen Anruf aus dem 22. Jahrhundert. Sie selbst sind dran. Was würden Sie sich fragen?

William Gibson: Was um alles in der Welt die mit meinem Körper angestellt haben, um mich so lange am Leben zu erhalten. Alle mir bekannten Technologien dafür sind ziemlich radikal: "War es das wirklich wert, Bill?"

ZEITmagazin ONLINE: Was würden Sie von sich selbst gern über die Zukunft wissen?

Gibson: An der echten Zukunft interessiert mich am meisten, was sie dort über uns denken. Die Sicht etwa, die die Menschen des viktorianischen Zeitalters im 19. Jahrhundert auf sich selbst hatten, hat überhaupt nichts mit unserem heutigen Blick auf sie zu tun. Die Viktorianer wären darüber erschrocken und am Boden zerstört. Alles, was wir heute über uns denken, dürfte in der Zukunft ebenso bizarr erscheinen. Wahrscheinlich werden sie sich dort wundern, wie ahnungslos wir gewesen sind, weil wir jahrhundertelang keinerlei wirklich fortschrittliche Technologien entwickelt haben. Und dass wir nicht verhindert haben, dass Tiger, Elefanten und viele andere Arten ausgestorben waren, bevor die Menschen der Zukunft überhaupt geboren wurden. Sie werden uns wahrscheinlich für selbstsüchtige Monster halten.

ZEITmagazin ONLINE: Nehmen wir an, Sie könnten sich selbst mithilfe des in Peripherie beschriebenen geheimnisvollen chinesischen Servers in den achtziger Jahren kontaktieren, als Sie gerade Ihren Weltbestseller Neuromancer schrieben. Gibt es etwas, was Sie sich gern sagen würden?

Gibson: "Hör auf zu rauchen!" Sonst hätte ich mir nichts zu sagen. Ich glaube, dass die meisten Menschen, die einen Anruf ihres zukünftigen Ichs bekommen, dieses Ich unerträglich penetrant, schrecklich alt und komplett drüsenlos finden.

ZEITmagazin ONLINE: So, als würde man mit seinen Eltern sprechen?

Gibson: Ja, nur viel schlimmer.

ZEITmagazin ONLINE: Kein aufmunterndes Wort? So was wie: "Folge deiner Vision! Du bist ein armer amerikanischer Schlucker im kanadischen Exil, aber du wirst berühmt!"

Gibson: Ich glaube, ich will diese Verantwortung nicht. Wenn Zeit funktioniert wie in meinem Buch beschrieben, würde diese Vergangenheit einen anderen Verlauf nehmen, weil ich Informationen aus der Zukunft übermittelt habe.

ZEITmagazin ONLINE: Das Konzept von Zeitreisen, das Sie in Peripherie benutzen, scheint von den vielen Science-Fiction-Varianten am besten mit aktuellen physikalischen Theorien vereinbar. Das bloße Übermitteln von Information in der Zeit könnte möglich sein, Transport von Materie eher nicht.

Gibson: Materie wird ohnehin überbewertet. Schon heute verschwimmt die Grenze zwischen Information und Physis. Wir werden irgendwann in einem anderen Körper sein können, als wäre es unser eigener. Dann müssen wir auch nicht mehr persönlich reisen, sei es von Ort zu Ort oder in der Zeit.

ZEITmagazin ONLINE: Ein Ansatz, der sich bereits in Ihrem ersten Buch findet und die Wachowski-Geschwister zu ihrem Film Matrix inspirierte. In Peripherie kommen Sie darauf zurück.

Gibson: Die Idee mit den Zeitreisen zwischen zwei Plots in der nahen und der fernen Zukunft kam mir ziemlich spät beim Schreiben. Ursprünglich dachte ich, dass es für die Protagonistin Flynne, die irgendwo in den USA auf dem Land lebt, schon wie eine Zeitreise sein würde, in die großen Städte zu fahren, etwa ins wohlhabende Miami Beach. Die Menschen dort wären von ihr sozioökonomisch und technologisch so weit entfernt, als lebten sie in einer anderen Zeit.

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