Krawatte Für immer gebunden

Die Krawatte ist in Verruf geraten. Dabei ist sie das eleganteste Signal von Selbstgewissheit. Wenn man sie richtig trägt und nicht als Potenzbeweis am Hals hängen hat. Von

Am Ende wird die Krawatte auch diesen Mann überleben. Obwohl man, kaum vier Wochen nach Beginn der Amtszeit von Donald Trump als 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, bereits feststellen muss: Mit seinem sehr speziellen Geschmack diesbezüglich und seiner sehr speziellen Weise, in der er sie zu tragen pflegt, wie einen viel zu langen, viel zu breiten Latz bis übers Gemächt nämlich, hat Donald Trump bereits großen Schaden über die Krawatte gebracht. Er hat sie lächerlich gemacht, zum Gegenstand von Witzen und Karikaturen. Gemessen daran jedoch, was er sonst noch so anrichten kann, ist das eine Fehlleistung mit überschaubaren Konsequenzen. Ein nuklearer Winter auf Erden etwa würde die Mode durchaus empfindlicher stören, der ganze schöne Saisonwechsel wäre dahin, kein Frühjahr, kein Sommer mehr, ach, das wäre schon schade.

In gewisser Weise muss man Trump aber in seiner abschreckenden Vorbildfunktion dankbar sein: Rot glänzende Krawatten etwa sind nun endgültig untragbar geworden. Zu viele Leute könnten angesichts des Anblicks Symptome posttrumpatischen Stresses entwickeln. Hat man aber doch noch so ein Ding im Schrank hängen und lebt zufällig im Rheinland, könnte man das rote Tuch höchstens noch kommende Woche an Weiberfastnacht umbinden, um es sich gleich im Büro abschneiden zu lassen. Ein Helau auf männliche Kastrationsängste!

Die Gruppe der von roten Krawatten im Schrank betroffenen Männer dürfte allerdings klein sein und fast ausschließlich aus Berufspolitikern und Managern im reiferen Alter bestehen, die immer noch an die Überlieferungen des Berufsfachs Farbpsychologie glauben, glänzend rote Farbe um den Hals symbolisiere Tat- und Entschlusskraft, mithin Willen zur Macht. Selbst wenn da was dran sein sollte – es sieht bestenfalls langweilig aus, in Kombination mit dem meist anthrazitgrauen Anzug; schlimmstenfalls wirkt es aggressiv. Und unangenehm strategisch ausgesucht, denn keiner dieser besagten Männer würde den Farbton an einem anderen Kleidungsstück tragen.

Mit einem Binder mit monochromem Webmuster wie etwa diesem von Boss kann man kaum etwas falsch machen. Aus Seide sollte das Modell nach Möglichkeit schon sein.

Was sie andererseits damit immerhin zeigen, ist ein Verständnis der Krawatte als Schmuck. Die klassische Herrengarderobe lässt dem Mann, der sie als Berufsuniform zu tragen hat, ja keine großen Spielräume zur zweckfreien Dekoration seiner selbst. Und sie ganz wegzulassen und den Kragen zum Anzug aber mal richtig locker zu machen, ist erstens längst unoriginell, wenn selbst Vorstandsvorsitzende ihre Bilanzen schon mit offenem Hemdknopf vortragen, und gibt zweitens eine informelle Haltung vor, die vielen beruflichen Anlässen einfach nicht entspricht. Wenn mir mein Bankberater eröffnet, dass ich leider echt nicht kreditwürdig bin, dann will ich zumindest, dass er beim Überbringen dieser Nachricht vollständig angezogen ist; und ich selbst möchte ihm auch nicht ohne Krawatte gegenübertreten, denn so bleibt mir selbst im Moment der Ablehnung zumindest ein Rest an Würde erhalten.

Außer der Krawatte gibt es ansonsten nur die Uhr als männliches Selbstdekorationsobjekt. Die aber besitzt seit Erfindung des Handys als Zeitmesser keine wirkliche Funktion mehr und wurde konsequenterweise immer klobiger. Millimeter um Millimeter vergrößerten die Uhrenhersteller in den vergangenen Jahren ihre Herrenmodelle, heutige wirken meist nur mehr wie ein unschöner Klotz am Arm. Da bleibt dann doch nur die Krawatte, um ein Signal der zurückhaltenden Selbstgewissheit auszusenden. Nur weil man ein Mann ist, muss ja nicht alles Äußere an einem stellvertretend und symbolisch die vermeintliche Größe der eigenen Geschlechtsteile andeuten. Die Unterstellung allein ist zwar bereits eine Frechheit, und doch kann man ihr ja auch einfach aus dem Weg gehen.

Rot kann man schon noch tragen, aber nur, wenn der Faden so dezent eingewebt ist wie bei dieser Krawatte von Ermenegildo Zegna.

Die derzeit herrschende Krawattenmode kommt dem sogar sehr zupass. Die meisten Modelle messen an der breitesten Stelle zwischen sechs und acht Zentimeter, sind also schon aufgrund ihrer im historischen Vergleich mittleren Größe angenehm dezent. Zudem gibt es sehr viele mit Webmustern, die derart klein sind, dass ein Gegenüber sie auf den ersten Blick womöglich gar nicht bemerkt; erst auf den zweiten erkennt man die beruhigende Regelmäßigkeit des Musters, auch die mitunter gar nicht so dezente Farbe einzelner Fäden. Eine Krawatte wie die von Ermenegildo Zegna zum Beispiel kann auch mal ein kräftiges Rot enthalten, das man als solches in der Farbmischung des Musters aber nur wahrnimmt, wenn man unziemlich lange draufstarrt. Umgekehrt kann bei einer Krawatte wie der von Brioni ein eher neutraler, in diesem Fall heller Faden die kräftige Hauptfarbe innerhalb des Musters so heruntertönen, dass ein fast schon zu dezidiertes Blau leiser wirkt und extrem elegant. Und wenn einem selbst dieses zurückhaltende Farbspiel zu riskant erscheint, kann man einfach einen Binder mit monochromem Webmuster nehmen wie den von Boss.

Ein dezentes Blau wie bei diesem Modell von Brioni wirkt leise und elegant.

Mit diesen und ähnlichen Modellen signalisiert der Träger seine Seriosität, seine Kenntnis der modischen Konventionen, zugleich aber auch seine Bereitschaft, mit ihnen wenigstens ein bisschen zu spielen, bestenfalls mit hintergründigem, doppelbödigem Humor. Albern hingegen sind jedwede Motive, die schlimmstenfalls noch aufgedruckt sind, oder wilde Muster: Sollte man die für ironisch halten, ist man entweder Kabarettist oder müsste ernsthaft über einen Berufswechsel in dieses Fach nachdenken. Auch breite Diagonalstreifen sind nicht unproblematisch, denn sie zitieren zwangsläufig ihr historisches Vorbild, den britischen club tie. Der symbolisierte ursprünglich die Mitgliedschaft in einem Verein, oder dass man eine bestimmte Bildungseinrichtung besucht hat, ist aber heute so etwas wie die klassische Variante eines Souvenirshop-Sweatshirts, auf dem etwa groß das Wort Harvard aufgedruckt ist – und das würde man ja nicht mal ernsthaft anziehen, wenn man dort wirklich gerade studiert.

Will man aber auf Streifen partout nicht verzichten, sollte man zumindest die europäische Streifenrichtung der amerikanischen vorziehen: Krawattenstoff wird traditionell diagonal zugeschnitten, und die historischen Vorbildstreifen britischer club ties verlaufen stets von unten links nach oben rechts. Zur bloßen Unterscheidung drehten amerikanische Schneider die Streifen einst in die umgekehrte Richtung – doch dieser Linienverlauf von oben links nach unten rechts kann nicht nur bei Männern, die in der Öffentlichkeit stehen, gegen sie gewendet werden, als ein leicht erkennbares Symbol für Abstieg. Weswegen sich lustigerweise amerikanische Präsidenten, das galt für Obama ebenso, wie es für Trump jetzt gilt, niemals Krawatten mit amerikanischem Schnitt umbinden würden.

Der Krawattenknoten richtet sich am besten nach dem Hemdkragen. Hier wurde der einfache Windsor gebunden.

Solcherlei Gedanken muss man sich morgens beim Anziehen nie machen, wenn man zu einer Krawatte mit kleinem Webmuster greift. Aus hundert Prozent Seide sollte sie sein (so viel sollte man sich schon wert sein als Mann, und Wolle würde im Frühling und Sommer deplatziert wirken), und eher matt scheinend als glänzend. Welchen Knoten man bindet, hängt vor allem von der Kragenform des Hemdes ab: Je breiter die Spreizung des Kragens, desto dicker der Krawattenknoten; beides sollte schlicht in einem harmonischen Größenverhältnis zueinander stehen. Der einfache Windsorkragen ist der Standard, von dem man ausgehen kann; ist der Kragen sehr klein und die Krawatte sehr schmal, bindet man eher den einfachen Idiotenknoten; trägt man hingegen einen sehr weit gespreizten Haifischkragen, passt dazu ein etwas breiterer Binder und ein doppelter Windsor. Das ist alles eher Gefühls- als nur Geschmackssache, doch wer zwei halbwegs funktionierende Augen im Kopf hat als Mann, sollte das hinbekommen. Und bei etwaigen Problemen mit der Fingerfertigkeit gibt es heutzutage zum Glück YouTube-Tutorials.

Bei einem breiten Haifischkragen empfiehlt sich der doppelte Windsorknoten.

Der Knoten übrigens ist eine Sache, die Donald Trump seltsamerweise fast immer ganz gut hinbekommt. Das Binden einer Krawatte ist ja etwas, das man als Junge meist vom eigenen Vater beigebracht bekommt; bei manchen Männern ist es gar eine der wenigen Gelegenheiten, bei der es mal zu echter körperlicher Nähe kommt und zu einer geradewegs intimen, zärtlichen Handlung zwischen Vater und Sohn. Weil es für Jungen gar nicht so viele symbolische Wegmarken gibt, die ihnen signalisieren, dass sie bald ins Erwachsenenalter überwechseln, sollte man die Bedeutung, die das Erlernen eines Krawattenknotens besitzt, niemals unterschätzen. Ob der kleine Donnie das Binderbinden von seinem Übervater Fred gezeigt bekommen hat, lässt sich nicht ohne Weiteres ermitteln. Womöglich war es neben dem erklecklichen Erbe, das Fred Trump seinem Sohn vermacht hat, ja das nachhaltigste Geschenk. Was immer Donald Trump an Unfähigkeiten in den mutmaßlich kommenden vier Jahren der Welt noch offenbaren wird – einen einfachen Windsor, den kann er offenbar.

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