Andersrum ist auch nicht besser Sind wir nicht alle ein bisschen H?

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Wenn es wirklich Männer gäbe, die sich eine Fake-Freundin mieten, um auf Familienfeiern zu prunken: Ella wär ausgebucht. Sie ist witzig und warm, hat einen Doktor in Komparatistik, backt den besten Rotweinkuchen der nördlichen Hemisphäre, liebt Lipgloss und hat trotzdem nicht vergessen, wie man einen Hammer hält. Ella ist ein Traum. Finden alle. Nur ihre Eltern nicht.

Denn Ella ist lesbisch. Und das ist im Kanon einer gläubigen Baptistenfamilie im ländlichen Westen der USA der größtmögliche Alptraum. Zum inneren Ausgleich haben ihre Eltern Trump gewählt. Oder aus Rache an Ella. Sie hat wochenlang geheult. Denn auch wenn Trump bis heute noch kein Einreiseverbot für Homosexuelle verhängt hat, gibt ein Blick auf sein nahes Umfeld wenig Anlass zur Hoffnung, dass ausgerechnet unsere Randgruppe von seinem Irrsinn verschont bleibt. Niemöller, just saying.

Nun unterscheidet sich, soweit ich weiß, die Bibel, aus der Baptisten beten, nicht wesentlich von der, aus der Niemöller predigte. Und nur etwas von der, die Seehofer in der Nachttischschublade liegen hat. Inklusive der Gebote, die an vierter Stelle fordern: Ehre deinen Vater und deine Mutter. Was nicht drin steht ist: dass auch Eltern ihre Kinder ehren sollen. Vermutlich haben die diversen Götter das als selbstverständlich vorausgesetzt, von wegen Menschenverstand.

Funktioniert meistens auch, zumindest, bis die süßeste, tollste und schlauste Stupsnase einen eigenen Charakter ausbildet. Dann kommen selbst liebende Eltern durchaus mal an den Punkt, an dem sie den Spross nur noch scheiße finden. Aber ist das ein Grund, gleich eine Partei zu wählen, die das eigene Kind pathologisiert, und es als krank oder pervers oder fehlgeleitet definiert? Wahrscheinlich klingt der Beschützerinstinkt ab, wenn das Kind Schema F verlässt. #Regrettingparenthood? Pech gehabt. Man kann das eigene Kind schließlich nicht zurückgeben wie ein dysfunktionales Elektrogerät oder wechseln wie den Internetprovider, bloß weil es Martin Walser oder Helene Fischer vergöttert oder beide. Oder weil es eben lesbisch ist oder schwul oder trans.

Vielleicht sollten Eltern wie die von Ella die Welt mal mit einem anderem Blick betrachten. Denn an der Hand des eigenen queeren Kindes sieht die politische Weltlage gleich ganz anders aus – und sie ist selten schöner. Selbstmordrate bei queeren Teens? Vier- bis siebenmal höher. Anzahl von homofeindlichen Straftaten? In Deutschland 2016 um 20 Prozent gestiegen. Dazu 73 Länder auf der Welt, in denen das Kind kriminell ist, weil es liebt, wen es liebt und neun, in denen es dafür sogar ziemlich legal hingerichtet werden darf.

Wenn bei diesen Fakten der Beschützerinstinkt dann wieder anspringt: Bitte keinesfalls auf die Populisten hören, die poltern, dass die Muslime an den Hassverbrechen schuld wären. Sind sie nicht. Der Hass ist schuld an Hassverbrechen. Dagegen hilft es nicht, mitzuhassen, egal wen. Dagegen hilft Liebe. Wenn aber die Familien queerer Menschen populistische Parteien wählen, ist das keine Liebe, es ist Verrat. Egal ob in den USA, in Deutschland oder sonst wo.

Denn auch wenn die Wenigsten das immer präsent haben: Homosexuell oder queer zu sein war schon immer und ist per se politisch. Einfach, weil wir nicht der heterosexuellen Norm entsprechen. 2017 geht aber noch einen Schritt weiter – durch das Agieren Donald Trumps ist es plötzlich wieder ein Politikum, überhaupt eine Frau zu sein! Eine Erkenntnis, die 50 Prozent der Weltbevölkerung zusammenzucken ließ. Und marschieren. An geschätzten 600 Orten rund um den Globus, mit Pussy-Mützen und ohne.

Für Ella waren die Women's-Märsche kathartisch. Wegen des Empowerments, und auch, weil Männer mitliefen. Heteros, weil sie Frauen lieben, Schwule wegen Lady Gaga, Cher und Madonna. Und alle wegen Niemöller.

Allies nennen sie das in den USA, von Alliierte, vulgo Verbündete. Ist übrigens eine der möglichen Definitionen des "A" in der viel belächelten Alphabet-Suppe LGBTIQA. Aber ganz ehrlich: Es geht es schon lange nicht mehr darum, ob man L ist oder G oder B oder T oder I oder Q. Auch nicht um A. Es geht um Solidarität und um den einen Buchstaben, der alle anderen Wortketten überflüssig macht. Ganz handlich: H für Humans. Einfach Mensch.

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