© MDR/Frédéric Batier

"Polizeiruf 110"-Kritikerspiegel Schuld ist nur die Pseudologia phantastica

Eine Mutter wird erpresst, fällt aber knallhart ins Handlungsloch. Dabei könnte sie ihre Tochter um einen Finger breit retten. Ach Magdeburg, wo sind deine Kommissare?

Eine 23-jährige Verkäuferin wird in Magdeburg entführt, ihre Mutter soll 100.000 Euro Lösegeld zahlen. Doch wer fordert von einer alleinstehenden Altenpflegerin so viel Geld? Die Kommissare Doreen Brasch (Claudia Michelsen)undDirk Köhler (Matthias Matschke) müssen tiefer in die Familiengeschichte einsteigen, um den Fall zu lösen.


1. Worüber werden am Montag alle reden?

Christian Buß: Über die extrem dilettantischen Ermittler. Laufen rundum verkabelt und super unauffällig einer Mutter hinterher, deren Tochter entführt wurde, obwohl die Kidnapper doch gesagt haben: keine Polizei.

Lars-Christian Daniels: Über die dramatische Auflösung dieses doppelbödigen Polizeirufs, die alten Krimihasen aber allenfalls ein müdes Lächeln abringen dürfte.

Matthias Dell: Ob Pseudologia phantastica wirklich erblich ist.

Anne Fromm: Wann sie den Fernseher ausgemacht haben.

Kirstin Lopau: Nach wie vielen Minuten sie diesen Polizeiruf abgeschaltet haben.


2. Was haben Sie aus diesem "Polizeiruf" gelernt?

Christian Buß: In Magdeburg scheint immer die Sonne – auch wenn es handlungstechnisch mal ein bisschen trüb zugeht.

Lars-Christian Daniels: Glaube niemals deiner Mutter. Aber deiner Tochter erst recht nicht!

Matthias Dell: Polizeiarbeit hält fit.

Anne Fromm: Fake-News gibt's auch als offizielles Krankheitsbild: Pseudologia phantastica – der notorische Zwang zu lügen. Oha!

Kirstin Lopau: Nix.


3. Welche Frage bleibt offen?

Christian Buß: Sylvester Groth ist aus dem Magdeburger Polizeiruf schon ausgeschieden. Wann folgt ihm sein Nachfolger Matthias Matschke? Und vor allem: Wann folgt die sträflich unterforderte Claudia Michelsen, die hier mal wieder bei inhaltlich vollkommen unmotivierten Motorradfahrten Dampf ablässt?

Lars-Christian Daniels: Wie schafft es Kriminalrat Lemp (Felix Vörtler) nur, so seelenruhig zu bleiben, während sich Brasch und Köhler anbrüllen und mit Telefonen schmeißen?

Matthias Dell: Wovon lebt eigentlich Nachbar Breitkreiz?

Anne Fromm: Wann gibt's eigentlich mal wieder einen guten Sonntagabendkrimi?

Kirstin Lopau: Wann trennt sich das Team und wann bekommen wir was Besseres aus Magdeburg?


4. Welche Rolle hätte man besser besetzen sollen? Und mit wem?

Christian Buß: Ach, bei diesem Fiasko hilft auch keine bessere Besetzung. Christina Große spielt zum Beispiel als Mutter großartig, fällt aber ebenfalls knallhart ins Handlungsloch. 

Lars-Christian Daniels: Rüdiger Klink macht als Nachbar Roman Breitkreiz, der den ganzen Tag nur am Fenster hängt und mal kurz verdächtig sein darf, zwar einen soliden Job – wirklich gebraucht hat es diese Figur in diesem Polizeiruf aber nicht. Wenn schon ein arbeitsloser Trinker, dann doch bitte Olli Dittrich im Dittsche-Bademantel.

Matthias Dell: Welche Rollen?

Anne Fromm: Die Mutter, die in den Stunden des Wartens erstaunliche Gefühlsschwankungen hat: vom entspannten Apfelschneiden bis zum hysterischen Anfall. Nur wirkt das leider alles nicht sonderlich glaubhaft.

Kirstin Lopau: Alle. Keine der Figuren machte Lust darauf, sie kennenzulernen.


5. Von welcher Szene werden Sie träumen?

Christian Buß: Von der schlechtesten Geldübergabe, die man je in einem Krimi gesehen hat.

Lars-Christian Daniels: Zwei Entführer, ein Paket, ein abgeschnittener Finger – die Requisite hat dabei zwar allenfalls Dienst nach Vorschrift verrichtet, aber solch blutige Details bekommt man in einem Sonntagskrimi eher selten zu sehen.

Matthias Dell: Vom abgeschnittenen Finger.

Anne Fromm: Von der wesentlich besseren Entführungs-Finger-ab-Erpressungsszene in der ersten Folge von Black Mirror.

Kirstin Lopau: Also dieser abgetrennte Finger war nicht so lecker. Das Einzige, was schön anzusehen war in diesem Polizeiruf, war die Wohnung der Mutter der Entführten.


6. Von 0 (super spannend) bis 10 (schon um halb neun eingeschlafen): Wie viele goldene Schlafmützen bekommt dieser "Polizeiruf 110"?

Christian Buß: 8 Schlafmützen 😴😴😴😴😴😴😴😴

Lars-Christian Daniels: 3 Schlafmützen 😴😴😴

Matthias Dell: 7 Schlafmützen 😴😴😴😴😴😴😴

Anne Fromm: 9 Schlafmützen 😴😴😴😴😴😴😴😴😴

Kirstin Lopau: 9 Schlafmützen 😴😴😴😴😴😴😴😴😴. Unendliche Langeweile bis zum Schluss.

Kommentare

12 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Worüber werden am Montag alle reden
Über die extrem dilettantischen Ermittler.

Ich hätte zwei andere Dinge, über die die Medien mal nachdenke könnten:

1. Warum die häufig unterirdisch schlechten Sonntagskrimis solch einen medialen Raum bekommen. Man kann auch einfach nicht darüber berichten wie bei vieler anderer TV-Ware, die des Anschauens nicht lohnt.

2. Warum kaum einer in den Medien die Distanzlosigkeit beim Thema Krimi mehr bemerkt: Schauspieler sind keine Schauspieler mehr, die in die Rolle eines Diebes oder Betrügers(wenn es solch einfachen Dinge anstatt des üblichen TV-Massenmordes zur Abwechslung auch mal in Krimis geben würde) oder Ermiitlers agieren, nein, sie werden als "Ermitller" personifiziert. Ob sie ihre Rollen gut oder schlecht spielen, ob das Drehbuch stimmig ist, der Schnitt funktioniert, die Musik genial oder schlecht ist, spielt keine Rolle. Man stürzt sich auf dieses Genre des Filmes und beschreibt es aus der Perspektive eines fast real ausgeübten Verbrechens.

Stimmt! Ja gerade im Fernsehen und in der Schauspielkunst ist doch die Gelegenheit sich kreativ und fantasievoll auszutoben gegeben. Aber nein, alles muss so real wie möglich sein und nach einem sich stetig wiederholenden Prinzip ablaufen. Ich erwarte nicht reale Polizeiarbeit im Film zu sehen. Sonst ist das Fernsehen von Polizisten für Polizisten oder ist das etwa schon so?

Wenn man die Kritiken der Journalisten liest, könnte man zu dem Schluss kommen, die ca. 70% der prime time Sendezeit, die das ö/r - Fernsehen für Kriminalfilmchen aufwendet, seien völlig verplempert.
Da muss ich als Konsument inhaltsleerer Massenware widersprechen: Die Welt ist schlecht, ergo muss es zwangsläufig im TV auch andauernd um Mord und Totschlag gehen!

Man könnte noch etwas mehr Akzeptanz in die Dauerschleifen bringen, wenn die Ermittler zukünftig als genderneutrale Trios auftreten könnten - man will ja niemanden verprellen, und natürlich sollte der ländliche Raum präsenter sein - schließlich spielt sich das echte Leben nicht nur in Metropolen wie Magdeburg oder Wurzen ab.

Damit auch Journalisten, die das Filmchen ansehen, verstehen, was gerade passiert. ;-)
Ist wie das Reifenquietschen auf Sand- und Schotterstraßen und der Adlerschrei bei "Weites-Bergland-Szenen". Intellektuelle Herausforderungen sind weder bei den Machern noch bei den Konsumenten gefordert.
(Außerdem würden sonst Berufsnörgler behaupten, das das Filmchen unrealistisch wäre, weil niemand sein Auto absperre.)

Es gibt noch eine offene Flanke im Drehbuch:
Die Mutter der Entführten wusste dass erst das Lösegeld gezählt wird, bevor die Freilassung erfolgt. Trotzdessen gibt sie eine Tüte mit Papier als 100.000 in den Papierkorb ! ??
Sie nimmt doch damit offensichtlich den Tod ihrer Tochter billigend in Kauf, nur um die Story mit dem Erbe aufrecht zu halten ?
By the way
die schlechte Bewertung über diesen Polizeiruf vorher und auch nachher teile ich nicht.
Das Spannungsfeld war hoch und fast bis ganz zum Schluss noch vorhanden !