Wir müssen reden Mein Sex gehört mir

Sollte man sexuelle Fantasien mit dem Partner teilen? Und welche Geheimnisse darf man haben? Der Sexualtherapeut Ulrich Clement erklärt die Grenzen der Intimsphäre. Von

ZEITmagazin ONLINE: Offenheit in einer Paarbeziehung hat einen fabelhaften Ruf. Gilt dies auch für das Mitteilen von sexuellen Fantasien?

Ulrich Clement: Diesen fabelhaften Ruf würde ich gerne erst einmal relativieren. Offenheit hat einen Preis, denn sie kann dem Gegenüber Dinge zumuten, die das Gegenüber nicht haben oder hören will.

ZEITmagazin ONLINE: Warum gilt sie dennoch oft als Tugend?

Clement: Weil sie Transparenz schaffen kann. Wenn die von beiden Seiten gewünscht wird, ist Offenheit gut. Manchmal täte man aber besser daran, nicht alles ans Tageslicht befördern zu wollen. Details zum Beispiel, Einzelheiten, die nur quälen und nichts bringen. Dann ist Offenheit eher eine Zumutung als eine Tugend.

ZEITmagazin ONLINE: Auf diese Grenze gehen wir gleich noch näher ein. Aber zunächst wüsste ich doch gerne konkret: Bringt es zwei Menschen und ihren Sex weiter, über sexuelle Fantasien zu sprechen?

Clement: Das hängt von der Ausgangssituation ab. Wenn Partner große Hemmungen haben, über sexuelle Vorstellungen und Wünsche zu sprechen oder unzufrieden sind mit ihrem derzeitigen Sexualleben, dann ist es sicherlich ein Schritt nach vorne, wenn sie mal darüber reden. Das gilt auch für den Fall, wenn ein Partner das Gefühl hat, der gemeinsame Sex sei eingeschlafen.

ZEITmagazin ONLINE: Wenn zwei Menschen etwas gehemmt oder unzufrieden sind, ist so ein Gespräch nicht gerade einfach.

Clement: Warum sollten Gespräche zwischen Partnern immer einfach sein? Manchmal braucht es Mut, sich heiklen Fragen zuzuwenden, weil diese drängen. Das kann man mit entschlossenem Ernst tun oder auch mit List. Es gibt einen ebenso raffinierten wie charmanten Trick, sich an ein Thema heranzuwagen: Man tut so, als würde man von jemand anderem reden. Man erwähnt ein Gespräch zwischen Kollegen, einen Text, den man gelesen, oder einen Film, den man gesehen hat. Das lässt dem Gegenüber die Freiheit, sich einzubringen und nachzufragen: Was willst du mir damit sagen? Wollen wir das auch mal ausprobieren? Oder auch, das Thema mit einem "Na und" abzutun. Beim Erzählen einer Fantasie geht es ja nicht darum, darüber zu staunen, was es alles gibt, sondern darum, dass etwas Verborgenes begehrt wird oder zumindest fasziniert und womöglich gerne mal ausprobiert werden möchte – vielleicht so etwas wie Sex mit einer Prise Angstlust.

ZEITmagazin ONLINE: Birgt andererseits das Aussprechen einer sexuellen Fantasie nicht auch ein Risiko? Macht nicht gerade den Reiz einer sexuellen Fantasie aus, dass sie eben nur Fantasie ist?

Clement: Das ist ein wichtiger Aspekt. Die Sexualforscherin Nancy Friday hat ihr Buch über sexuelle Fantasien My Secret Garden betitelt. Dieses Bild von einem geheimen Garten trifft es ziemlich schön: Dort blüht etwas und ich kultiviere etwas, aber ich sage nicht, dass es ihn gibt, und schon gar nicht, was darin stattfindet.

ZEITmagazin ONLINE: Die Existenz dieses geheimen Gartens könnte den Partner ängstigen.

Clement: Das muss nicht sein. Das Wissen darum, dass der Partner einen solchen Garten hat, lässt sich auch als Zeichen für dessen Reichtum sehen, an dem man dann indirekt auch selbst Anteil haben kann.

ZEITmagazin ONLINE: Weil man ab und zu Blumen aus diesem Garten geschenkt bekommt?

Clement: Ein hübsches Bild. Warum sollte man diesen Garten also vermessen wollen?

ZEITmagazin ONLINE: Wir haben gerade schon gesagt, dass Offenheit auch Grenzen hat. Wo liegen die?

Clement: Der Erzähler muss abwägen, was und wieviel er sagen möchte und wie er es sagen will, also ob dramatisch, beiläufig oder sachlich. Aber Offenheit ist immer Kommunikation zwischen zwei Partnern. Auf der anderen Seite gibt es den Zuhörer. Der muss entscheiden, was er überhaupt hören will. Bekommt er etwas erzählt, was er gerne wissen möchte, womöglich schon lange gerne wissen wollte? Oder wird ihm etwas erzählt, was ihm zu viel ist? Wenn man Offenheit ernst nimmt, müsste man den Adressaten fragen, ob ihn das zu Erzählende überhaupt interessiert.

ZEITmagazin ONLINE: Dahinter steckt natürlich die Frage, warum jemand etwas erzählen möchte.

Clement: Es gibt hauptsächlich zwei Motivationen, aus denen heraus der Wunsch entsteht, etwas von sich preiszugeben. Zum einen, weil jemand etwas mitteilen möchte, was zu ihm gehört und Teil von ihm ist. Oder aber, jemand erzählt etwas mit dem Wunsch, der andere möge daraufhin etwas mit ihm machen. Offenheit kann auch ein Appell sein. Dann geht es nicht nur um den Wunsch, der andere möge einen verstehen, sondern auch darum, er möge aktiv werden.

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