Sexuelle Aufklärung Das Problem mit dem Penis

Viele Geflüchtete haben in ihrer Heimat nie über Sex gesprochen. Das führt nicht nur im Bett zu Problemen. Nun lernen sie es bei dem "Fräulein, das immer über Sex redet". Von

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Diese Geschichte beginnt in einer kleinen deutschen Stadt. Ihr Zentrum ist der Marktplatz mit seinen restaurierten, alten Bürgerhäusern. Zwei Kirchtürme ragen hoch über der Stadt. Eine große Fabrik und zwei Gymnasien hat die kleine Stadt. Hinter den Fahrradständern küssen die Stufenschönsten schon immer die Mädchen. Und immer gehen die Jungs des Physik-Leistungskurses leer aus. Zum Trost bleibt ihnen der mögliche Nobelpreis.

Es gibt hier einen Heimatverein, ein Laientheater und eine Bläsergruppe. Die Menschen, die in der kleinen Stadt leben, sind so glücklich und so traurig wie Menschen in Deutschland überall sind. Als im Sommer 2015 Geflüchtete aus aller Welt kamen, zeigten sich die Bürger tatsächlich besorgt und halfen, wo sie konnten. Ihnen ist zu verdanken, dass aus Unterkünften Wohnungen wurden und aus den Fremden auch Nachbarn. Heute leben in der kleinen Stadt, in der auch ich wohne, 1.200 Geflüchtete, vor allem aus Syrien, Eritrea und dem Maghreb.

Nach der Kölner Silvesternacht rief der Bürgermeister diejenigen zusammen, die mit Flüchtlingen zu tun haben. "Wir wollen hier kein Köln" sagte der Bürgermeister. Alle nickten. Es wurde diskutiert, ob mehr Videokameras auf dem Marktplatz vor Übergriffen schützen würden oder ob ein privater Sicherheitsdienst nicht die Polizei unterstützen sollte. Mit nachdenklichen Mienen ging man auseinander. Kurz danach klingelte bei mir das Telefon. Es war die Ärztin der Stadt, die hier alle Frau Doktor nennen. "Kannst du dir vorstellen, bei mir in der Praxis eine Aufklärungssprechstunde für Flüchtlinge zu machen?"

Sophie Roznblatt

spricht seit Anfang 2016 in der kleinen Stadt über Sex. Sie arbeitet seit mehr als zehn Jahren in der Entwicklungszusammenarbeit mit Schwerpunkt Frauengesundheit in Indien und Afrika, promoviert derzeit in Irland und schreibt nebenbei Geschichten aus vielen Welten auf.

Seit diesem Anruf kommen einmal im Monat 20 Männer zwischen 16 und 36 in das helle Behandlungszimmer. "Herzlich willkommen", sage ich jedes Mal, "lassen Sie uns über Sex reden." Und jedes Mal starren 20 Männer auf den Fußboden und werden rot. Das kenne ich schon. So ist das überall, wo ich über Sex rede. 

Ich habe in Kenia laufen gelernt und da meine Mutter als Ärztin in verschiedenen Ländern arbeitete, viele Sprachen dazu. Auf den Straßen Algiers lernte ich Arabisch – und in neun Ländern, was Heimatlosigkeit ist. Als ich mich das erste Mal verliebte, lernte ich in aller Heimlichkeit küssen, aber vor allem, dass man mit Sexualität in verschiedenen Kulturen sehr unterschiedlich umgeht. Vor zehn Jahren beschloss ich, Sexualaufklärung zu meinem Thema zu machen. Damals habe ich vor dem Spiegel das Wort "Penis" in elf Sprachen geübt.

قضيب (qa’dib) – pénis, लिंग (limg) – firaha, pene – ஆண்குறி (ankuri) – عضو تناسل (uzu-i-tanasul) – آلت تناسلی مرد (ālat-e tanāsoli-e mard) – غینړ (g̠ẖīṟṟṉ) – azzakari – biliti


Seither bin ich nie wieder rot geworden. 

An dieser Stelle, verlässt die Geschichte für einen Moment die kleine, deutsche Stadt und führt weit über Europa hinaus, nach Indien. Vor zehn Jahren wollte ich wie viele 19-Jährige die Welt retten und so gründeten mein bester Freund und ich eine kleine Klinik in einem großen Slum von Neu-Delhi. Eine meiner ersten Patientinnen war eine Frau, Mutter von vier Kindern, die vor mir auf einem Plastikstuhl saß und sagte, sie habe ein Problem mit ihrem Penis. Ich glaubte, sie falsch verstanden zu haben und sagte: "Oh, Sie meinen ein Problem mit Ihrer Vagina, nicht?" Die Frau schüttelte den Kopf. "Was ist eine Vagina?" fragte sie mich und zeigte zwischen ihre Beine. "Ich habe ein Problem mit meinem Penis."

Ich verstand zum ersten Mal, dass es überall auf der Welt Menschen gibt, die ihre Körperteile, auch nachdem sie vier Kinder geboren haben, nicht benennen können. Ich beschloss, die Rettung der Welt ein wenig aufzuschieben, und Sexualaufklärung, Verhütung und Familienplanung im Slum anzubieten.

Meine Kollegen damals verstanden das nicht. "Das bringt doch nichts", sagten sie und "Du wirst schon sehen, was du davon hast." Bevor ich also begann, fragte ich meine Großmutter um Rat. Sie, geboren 1922, hatte mich schließlich aufgeklärt. Ich war damals dreizehn und las Schillers Räuber. "Amalia für die Bande" heißt es dort und ich verstand das nicht. Meine Großmutter erklärte mir anhand deutscher Klassik, dass das, was die Räuber vorhatten, nichts anderes als eine Vergewaltigung war. Sie zog den Anatomieatlas aus dem Schrank und erklärte mir, was der Unterschied zwischen Penis und Hoden, Vagina und Klitoris ist. Sie sprach ernst und ohne rot zu werden über Sex, Verhütung und das Recht auf ein klares Ja, das ein lautes Nein mit einschließt.

"Man muss tun, was getan werden muss", sagte meine Großmutter auf meine Frage, ob ich Sexualkunde im Slum anbieten sollte. Also begann ich zuerst mit den Frauen dort über ihren Körper, Verhütung und Geburt zu sprechen. Die Männer warfen Steine nach mir und drohten damit, die kleine Klinik anzuzünden. Ich begann, Vorhängeschlösser an die Frauen zu verteilen, mit denen sie sich in ihren Hütten erstaunlich widerstandsfähig gegen marodierende Männer schützen konnten. Die Männer, ob nun resigniert oder neugierig geworden, kamen schließlich auch in Aufklärungskurse. Seit zehn Jahren bin ich in diesem indischen Slum als "das Fräulein, das immer über Sex redet" bekannt. Fremde Besucher finden mich immer unter diesem Namen – an einem Ort, der siebenmal so groß ist wie die kleine Stadt, in die diese Geschichte nun zurückkehrt.

Bevor ich hier begann, mit den Männern über Sex zu reden, montierte der Schlosser einen zweiten Briefkasten neben die Praxistür, einen Ort für alle Fragen zu Sex, Verhütung und Familienplanung, die die Flüchtlinge haben. Als ich den Briefkasten zum ersten Mal öffnete, fielen mir etliche gefaltete Zettel mit riesigen, gemalten Penissen entgegen. Wunderbar, dachte ich mir, etwas Besseres kann dir gar nicht passieren. Alle Penismythen auf einmal, wie ein Sechser im Lotto.

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Wenn wir alle im Kreis auf den bunten Stühlen sitzen, und die Männer verlegen auf den Boden starren, beantworte ich die Fragen aus dem anonymen Zettelkasten. Mein Arabisch ist das des Maghreb. Für die Männer aus Tunesien, Algerien und Marokko klinge ich unangenehm nach älterer Schwester. Für die Männer aus Syrien und dem Jemen nach der strengen Tante mit Damenbart. Ihnen ist klar, dass in diesem Raum nicht locker gelassen wird.

Bevor aber auch nur die erste Frage beantwortet wird, erkläre ich wieder und wieder die männliche wie die weibliche Anatomie. Penisbilder helfen enorm, denn man muss grundlegendes Wissen vermitteln. Aufklärung beginnt mit der korrekten Bezeichnung aller Körperteile. Es ist für viele Männer, nicht nur für Flüchtlinge, ein Schock, aber vor allem ein befreiender Moment, ihre Geschlechtsorgane richtig benennen zu können. Das mütterliche "Schniedelwutz" und das kumpelhafte "Fickkanone", das es in allen Sprachen gibt, ist nämlich mehr als hinderlich, um Wünsche und Bedürfnisse zu formulieren.

Anhand der Penisbilder lässt sich erklären, dass anders als von vielen Männern angenommen, der Penis kein Knochen ist und auch im erigierten Zustand niemals zwei Meter misst. Von dort aus ist es nur noch ein kleiner Schritt zu der Einsicht, dass ein Penis niemals stahlhart wird, auch wenn dieser Mythos nur schwer weich zu kriegen ist. Auf einem großen weißen Blatt, das in der Mitte des Raumes liegt, zeichne ich den Umriss eines Frauenkörpers. Ich lasse jeden Mann einzeichnen, wo er die Vagina vermutet. Fast alle Männer markieren sie auf der Höhe des Bauchnabels. 

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Manchmal hilft einem bei der Aufklärung auch der Zufall. Ein Mann in der Runde bekommt zufällig heftiges Nasenbluten – und schon lässt sich Menstruation nicht mehr als etwas Unsauberes und Unheimliches verklären, sondern wird zu einer sich monatlich wiederholenden Körperfunktion. Der Mann, der mit einem Tampon in der Nase vor mir sitzt, ist begeistert von dessen Saugkraft.

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