Endlich Vintage! Nicht grübeln, was vielleicht noch kommt

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Neulich bin ich unversehens in meiner Vergangenheit gelandet. Ich traf Karin in einem Café, es war unsere erste Verabredung. Sie hatte das Lindner in Eppendorf vorgeschlagen, was einem Wiener Café so nahekommt, wie das in Hamburg möglich ist, jedenfalls ist das Lindner eine kastanienfarbene Wärmehöhle. Echt freundliche Kellner, offensichtlich Importe. Exquisite Torten. Da also saß Karin schon, als ich kam, die eleganteste Erscheinung im Raum, in ihrem seidenen Top mit dem maronenfarbenen geometrischem Muster, darauf die Brosche, hingeworfenes Gold, und über allem ihr feingeknittertes Gesicht mit dem weißen Haar – eine Schönheit.

Ich kenne Karin aus dieser Schmuck- und Kunstgalerie hinter der Börse, wo sich in Hamburg trifft, was mutige Auftritte schätzt, Damen in pernodfarbenen Pelzen zu orangefarbenen Culottes, so in der Art, also eher Downtown New York als Hamburg-Mitte, nur näher, und dort also ist auch Karin manchmal. Sie arbeitet in der Galerie, einige wenige Tage in der Woche, sie ist 74 Jahre alt und offensichtlich nicht ausgelastet mit den Enkelmädchen. "Entzückend!", sagt sie immer mit Schwung, wenn die Rede auf Enkel kommt. Aber sie liebt das Abtauchen in dieser Atmosphäre aus Schönheit und Verwegenheit, und warum nicht noch ein wenig Geld verdienen? Karin ist Goldschmiedin, der Avantgarde zugeneigt. Ich war erstaunt, dass sie das ehrwürdige Lindner vorgeschlagen hatte, sie sagte, sie wohne in der Nähe. Ich selber gehe ja nicht mehr ins Lindner, mit dem Lindner verbinden sich für mich schmerzlichste Erinnerungen.

 

Im Lindner traf ich mich vor über 20 Jahren regelmäßig mit meinem kleinen, damals vierjährigen Sohn, während sein Babybruder in der Notfallstation des nahen Krankenhauses einquartiert war. Da lag er, ein hochfiebernder Winzling an Schläuchen mit krebsrotem Kopf und matten winzigen Gliedern. Diagnose: keine. Tage am Abgrund. Der ältere Bruder wie gefroren, wahlweise wütend. Kaum saß ich bei Karin im Lindner, erfasste mich ein Tsunami von Erinnerungen an die Schrecken dieses Jahres, das damit endete, dass ich alleine mit den Kindern war und dann wegzog aus der Gegend. Es war das Jahr, in dem ich den Begriff annus horribilis kennenlernte, schon vier Jahre vor der Queen.

Ich nippte an dem herrlichen Darjeeling und versuchte, meine Erinnerungen, die aufwogenden Gefühle von Schmerz, Angst und Wut im Zaum zu behalten. Dann stellte ich fest, ich spürte gar nichts. Schmerz, Angst und Wut – weg. Wohin? Leichte Irritation. Karin hatte meine weitgestellten Augen bemerkt, ich erklärte dies und das. Und Karin sagte, auch sie sei damals, vor über zwanzig Jahren, plötzlich alleine gewesen mit ihren Kindern. Trennung 1988. Scheidung 1995. Der Absturz. Wir stellten fest, dass wir nur wenige Häuser voneinander entfernt, in derselben Straße, ein sehr ähnliches Leben geführt hatten. Irgendwas zwischen Schockstarre und Wassertreten über einem Schlund. Aber wir kannten uns nicht. Wir fanden heraus, dass wir sogar gemeinsame Bekannte hatten, aber uns einfach nie begegnet waren. Zwei so ähnliche Lebensläufe, wie ineinander gewunden, ohne Berührung. Beide einsam damals. Kleine nachdenkliche Stille.

Die schlimmsten Wunden heilt die Zeit, und nicht die Psychoanalyse

Karin hatte mit 26 geheiratet, einen aufstrebenden jungen Mann. Dann schnell zwei Kinder, im Sommer Tennis und Strand, im Winter zum Skifahren, alles tolle Urlaube. Die ganze Partie, sie habe es genossen, sagt Karin. Berufstätig sein? Wann denn? Aber dann: Auftritt der Geliebten und machtloses Zusehen. Der Mann lebt heute im Süden, mit einer Frau, die um die 40 Jahre jünger ist als er. Karin und ich kicherten ein wenig über jüngeren Ladys, und darüber, wie alt der Mann wohl sein muss, dass eine jüngere Frau damit rechnen kann, nicht mehr durch eine noch jüngere Frau ersetzt zu werden. Hatten wir gekichert? Aber ja!

Die schlimmsten Wunden, sagt der Buddhist, heilt die Zeit, und nicht die Psychoanalyse, dieses ewige Reden. Ein Wunder, das man vielleicht erst in dieser Vintage-Zone bemerkt. Man ist ja so im zeitgenössischen Diskurs gefangen, diesem vielen Reden über die Traumata der Kindheit, die Traumata der Moderne, die Überhitzung der Gegenwart, die qualvolle Beschleunigung des Lebens, das überforderte Selbst – und dann: naja. Es bleiben nicht mehr so viele Jahre, vielleicht zehn, höchstens zwanzig Jahre. Will man sich weiter fürchten und quälen?

Karin sagt, an diese letzte Strecke denke sie gar nicht. Sie denke aber viel und gerne an ihre Kindheit. Als Kriegskind war sie evakuiert, auf einem Landgut. Inmitten der schlechten Jahre erlebte die kleine Karin eine wilde Zeit mit Pferden und viel Natur. Jagd und Bälle. Kein Geld, aber das einprägsame Bild der Großmutter, die in einem Haus mit elf Zimmern gerade mal eines bewohnte. Zum Frühstück wurde weiß eingedeckt, auch wenn es nur ein einziges Hörnchen gab. So in der Art. Das Schöne dieser Zeit, sagt Karin, habe sich ihr eingeprägt. Es sei in ihr geblieben, in ihren kargen Jahren, in denen die Familie für sie und die Kinder die Miete aufbrachte. Was vielleicht auch helfe: dass man sich nicht fallenlässt, so wie die Großmutter es vorgelebt hatte.

Und heute? Wieder die Natur suchen. Wandern! Im Schwarzwald, in Thüringen, in der Pfalz. Als sie 60 wurde, habe sie sich das vorgenommen, sagt Karin. Außerdem wollte sie nicht darüber grübeln, was vielleicht noch kommt. Sie sagt: "Andere planen immer, ich lebe im Moment."  So was kann man von Karin lernen: nach vorne schauen, selbst im alten Lindner. Gefühlslage: freundlich.

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