Waqas Farid/Desert Mannequin

Anum Bashir "Verschleierung ist kein Verbrechen"

Die arabische Frau: unterdrückt, ungebildet, kauflustig. Anum Bashir von "Desert Mannequin" aus Dubai bricht mit diesen Klischees. Sie erzählt von einer Welt im Aufbruch. Ein Interview von

ZEIT ONLINE: Liebe Frau Bashir, welche Klischees über die arabische Frau können Sie nicht mehr hören?

Anum Bashir: Diese ganze Diskussion über Frauen und ihre Rechte ist in meinen Augen ein Missverständnis. Sehr viele Frauen, mit denen ich in den letzten Jahren im Nahen Osten zu tun hatte, schreiben entweder gerade an ihrer Doktorarbeit oder gründen ihr eigenes Unternehmen. Ich habe eine Freundin, die ganz allein auf den Kilimandscharo gestiegen ist, um Geld für syrische Waisenkinder zu sammeln. Sie kommt aus dem Jemen, arbeitet als Restaurantkritikerin und beim Doha Film Institute. Neulich war ich bei den Arab Woman Awards eingeladen. Es war großartig, Frauen in diesem öffentlichen Rahmen geehrt zu sehen. Ich denke, dass das ein deutlicher Beweis dafür ist, wie weit es Frauen in dieser Region gebracht haben.

ZEIT ONLINE: Wie weit es Frauen in der arabischen Welt bringen können, hat auch damit zu tun, wie wohlhabend sie aufwachsen. Sie sind indisch-pakistanischer Abstammung und kommen aus Katar. Wie sind Sie groß geworden?

Bashir: Ich bin sehr konservativ erzogen worden und behütet aufgewachsen. In Katar habe ich eine Privatschule besucht, die von Ihrer Hoheit Scheicha Musa bint Nasser ins Leben gerufen wurde. Ich erinnere mich, mit 14 Jahren einmal morgens um sieben Uhr hundemüde in die Schule gekommen zu sein, als mich die Schulleiterin zur Seite nahm und sagte: "Sieh zu, dass du ordentlich aussiehst, um neun Uhr kommt Fidel Castro zu Besuch." Die Schule lud immer wieder einflussreiche Politiker aus aller Welt zu Vorträgen ein, um die Prinzen, die hier in den Unterricht gingen, mit der Welt der Politik vertraut zu machen. Ich hatte großes Glück, diese Schule besuchen zu dürfen, wobei mir klar war, dass das Leben dort wenig mit der Welt da draußen zu tun hatte. Das war auch der Grund dafür, dass ich nach meinem Abschluss in die USA ging: Ich wollte endlich einmal die echte Welt kennenlernen.

ZEIT ONLINE: Mittlerweile leben Sie in Dubai, eine der reichsten Städte der Welt. Fühlt sich das Leben dort auch manchmal fern der Realität an?

Bashir: Es ist definitiv eine Blase. Andererseits bin ich sehr froh, hier zu leben. Die Städte in den Vereinigten Arabischen Emiraten sind ganz neu entwickelt. Anders als London oder Berlin, die alte, etablierte Systeme haben, sind die Emirate eine vergleichsweise junge Region. Mit seiner lebhaften Unternehmerkultur ähnelt Dubai Singapur oder Hongkong. Es gibt hier viele erfolgreiche Leute unter 30 Jahren. Außerdem ist Dubai sehr international, ein Schmelztiegel, in dem verschiedene Nationalitäten zusammenkommen, was wiederum für Unternehmen ein Anreiz ist, sich hier niederzulassen.

ZEIT ONLINE: Haben Frauen die gleichen Chancen wie Männer?

Bashir: Absolut. Meine Altersgenossinnen sind alle sehr gut ausgebildet. Sie sind Mütter, Ehefrauen, Unternehmerinnen. Ich habe hier nie eine Frau getroffen, die gesagt hat, ihr Mann lasse sie nicht arbeiten oder verbiete ihr andere Sachen. Bevor ich nach Dubai gezogen bin, habe ich in Doha gelebt. Dort ist es genauso. Doha ist in manchen Belangen sogar noch fortschrittlicher, zum Beispiel, was die Zensur betrifft. Ich habe einen sehr guten Freund beim Fire-Station-Museum in Doha. Er ist politischer Karikaturist und betreibt ein Blog, auf dem er seine Cartoons veröffentlicht. Ich habe ihn mal gefragt, ob er jemals gemaßregelt wurde, schließlich werden die Medien in diesem Teil der Welt stark kontrolliert. Er meinte, er hätte nie Probleme gehabt. Und ich selbst bin ja auch ein lebender Beweis dafür: Als muslimische Frau, die über zehn Jahre in der Kunstwelt gearbeitet und eine staatliche Institution, nämlich die Museen von Katar, repräsentiert hat, durfte ich mein eigenes Blog gründen, mich anziehen, wie ich wollte, bewerben, was ich wollte, und Designer, die mir gefielen, unterstützen. Niemand hat mir je gesagt, ich dürfe dieses oder jenes nicht tun.

ZEIT ONLINE: Kennen Sie Frauen, die sich komplett verschleiern müssen? Würden Sie sagen, dass diese Frauen die gleichen Rechte haben wie ihre Ehemänner?

Bashir: Der Punkt ist, dass viele arabische Frauen die Verschleierung gar nicht als Verbrechen betrachten. Im Gegensatz zur älteren Generation ist es immer öfter ihre eigene Entscheidung. Wenn Sie jetzt nach Dubai kommen und eine Gruppe voll verschleierter Frauen in unserem Alter sehen, so ist es sehr wahrscheinlich, dass sie den Schleier freiwillig tragen.

ZEIT ONLINE: Hier im Westen wird die Verschleierung als frauenverachtend kritisiert.

Bashir: Wissen Sie, dieselben Frauen, die in Dubai einen Schleier tragen, spazieren in Paris in Couture durch die Straßen. Es ist wirklich eher eine kulturelle Sache. 90 Prozent der Freundinnen, mit denen ich aufgewachsen bin, tragen das traditionelle Gewand, die Abaja, und bedecken ihr Haar. Es gibt private Strände in Dubai, wo sie zu bestimmten Uhrzeiten ganz unter sich sind und dann im Badeanzug in der Sonne liegen. Ich bin in dieser Gesellschaft aufgewachsen, deshalb sehe ich kein Problem darin. Ich selbst kleide mich auch weniger körperbetont, und es ist zu 100 Prozent meine eigene Entscheidung.

ZEIT ONLINE: Konnten Sie je ein bestimmtes Kleidungsstück nicht tragen, weil Sie damit gegen Regeln verstoßen hätten?

Bashir: Natürlich gibt es gewisse Einschränkungen. Man kann hier nicht mit einem tiefen Dekolleté herumlaufen. Ich habe darin nie ein Problem gesehen, weil ich ohnehin nicht diese Art von Frau bin. Ich finde es schicker, weniger Haut zu zeigen. Übrigens kann man in Doha in Shorts herumlaufen. Sie sollten nicht zu kurz sein, einige Zentimeter über dem Knie sind in Ordnung. Diese Vorschriften sind einfach eine Form des Respekts vor der Gesellschaft. Ich sehe darin kein Problem, denn ich kenne es nicht anders. Viele Menschen finden es bizarr, dass es solche Dresscodes in der arabischen Welt gibt, aber sobald sie sich der Kultur nähern, können sie sie auch besser nachvollziehen.

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