Digitale Familie Papa, der Whatsapp-Sheriff

Ich lehne an meinem Auto und habe mir gerade eine Zigarette angezündet, als mein Handy klingelt. "Papa, du bist ja immer noch in Kreuzberg." Es ist mein Sohn, ich fühle mich doppelt ertappt. Wegen der Zigarette – er hasst es, wenn ich rauche – und weil er weiß, dass ich nicht längst auf dem Heimweg bin. Ich habe die Frau durch die Stadt zu einem Termin gefahren und den Elfjährigen mit seinem vier Jahre alten Bruder allein gelassen. Die beiden kommen für eine Stunde gut alleine klar. Die fünf Minuten Pause kann ich mir gönnen, dachte ich. Jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen. Bis mir einfällt: "Woher weißt du überhaupt, wo ich bin?" Ich höre ein Lachen: "Die Freunde-App, Papa. Du erinnerst dich?"

Ja, ich erinnere mich. Das ist sie, die postwendende Rache für die elterliche Überwachung. Mein Sohn und ich haben uns vor ein paar Monaten in dieser App verknüpft, die Apple auf jedem iPhone mitliefert. Die "Freunde" können dann sehen, wo sich die Telefone der anderen gerade befinden. Und spionieren. Ich hatte das als Experiment gesehen und die App nie wieder geöffnet. Ehrenwort. Höchstens zweimal. Aber wir lernen mal wieder: Eine Funktion, die zur Verfügung steht, wird auch genutzt. Im Zweifel gegen einen.

Angemeldet habe ich mich in der App überhaupt nur, weil mir meine Ex-Frau erzählte, dass sie da regelmäßig reinschaut, um zu checken, ob unser Sohn auch wirklich in der Schule, bei seinem Freund oder in der Tram nach Hause ist. Das gebe ihr einfach das Gefühl von Sicherheit. Ich war zunächst irritiert. Sogar ein wenig empört. Berlin ist eine große Stadt, dachte ich damals, und das Kind ist schon so viel alleine unterwegs, schaden kann es ja nicht. In jedem von uns steckt wohl ein kleiner CSU-Innenpolitiker. "Dann kann ich dich auch immer finden", meinte mein Sohn nur und klickte auf "Zustimmen". Als ich der Frau davon erzählte und im Spaß vorschlug, wir könnten unsere Telefone doch auch verknüpfen, konnte sie darüber nicht lachen. "Du spinnst doch."

"Schon krass, was da abgeht"

Als Journalist habe ich über die NSA-Überwachung geschrieben. Ich bin ein Befürworter der informationellen Selbstbestimmung und intuitiv gegen jede Form von Überwachung, ob gesellschaftlich oder privat. Dann aber fragt beim Elternabend plötzlich eine Mutter: "Kontrolliert ihr eigentlich manchmal, was die sich da über die WhatsApp-Klassengruppe schreiben? Sollte man, oder?" Wir stehen in einer kleinen Gruppe vor dem Restaurant, wo die Eltern zum Erfahrungsaustausch zusammengekommen sind. Eine andere Mutter erzählt, dass ihre Tochter aus einer WhatsApp-Gruppe von Mädchen herausgemobbt wurde. Eine Mitschülerin hatte verbreitet, das Mädchen lasse ihre Mutter mitlesen. "Habe ich natürlich nicht gemacht. Aber es ist schon krass, was da abgeht."

Wir haben in der Familie darüber bisher nicht gesprochen und das Prinzip gelten lassen: Er wird sich melden, wenn es ein Problem gibt. Der Elternabend geht mir aber nicht aus dem Kopf. Als ich meinen Sohn ein paar Tage später von einer Geburtstagsfeier abhole, frage ich die Eltern, wie das bei ihren Kindern so ist. "Natürlich habe ich da reingeguckt", erzählt mir ein Vater und wirft mir einen verschwörerischen Blick zu, der wohl bedeuten soll: Musst du machen, geht nicht anders. "Alles okay bei denen", sagt der Vater.

Im Auto spreche ich meinen Sohn darauf an. Klar sei er in der Gruppe angemeldet, in der Klassengruppe und in zwei weiteren Chats. "Aber ich gucke da nie rein." Die Benachrichtigungen habe er abgestellt, "da kommen 100 Nachrichten am Tag". – "Und was schreiben die anderen so?", frage ich vorsichtig nach, ich möchte ja nicht nach Verhör klingen. "Alles Mögliche. Willst du mal gucken?" fragt er und hält mir das Handy hin. Ja. Nein. Vielleicht?

Heimlich hinterherfahren

Die meisten Nachrichten sind harmlos. Es geht um Computerspiele, die Deutschstunde und Hausaufgaben. Was sich Sechstklässler eben so schreiben. Beim Durchscrollen dann fällt mir auf, dass der Tonfall mitunter ganz schön ruppig wird, selbst für Schulhof-Maßstäbe. Und manchmal sogar heftig beleidigend. Vor allem ein Schüler scheint keinerlei Hemmschwelle zu haben, ich bin etwas geschockt. Bis ich lese, dass sich gleich mehrere Schüler gegen den Pöbler zu Wort gemeldet und schließlich gemeinsam beschlossen haben, ihn zu sperren. Gelungene Selbstverwaltung.

Wo also verläuft auch hier die Grenze zwischen elterlicher Fürsorgepflicht und übertriebener Kontrolle? Ich muss daran denken, dass meine Frau ihrem heute 17-jährigen Sohn damals, als er anfing, alleine mit dem Rad zur Schule zu fahren, heimlich hinterhergefahren ist. Jeden Morgen, ein paar Wochen lang, bis sie das Gefühl hatte, er kann das. "Als ich ihm Jahre später davon erzählt habe, fand er das ganz rührend", erzählt sie. Und dass ihre eigene Mutter ihr und einer Freundin auch die ersten Wochen auf dem Schulweg hinterhergegangen war, ohne dass die Mädchen davon wussten. Eine schöne Geschichte. Wo liegt der Unterschied zum Handy-Tracking?

Am nächsten Morgen hat mein Sohn eine Exkursion, die Klasse fährt ins Theater. Weil es ein Umweg für ihn wäre, zuerst zur Schule zu fahren, nimmt er direkt die S-Bahn in einen anderen Teil der Stadt. Allein. Ich bringe ihn zur Station, wir sprechen durch, wo er raus muss, dann steigt er ein. Ich hole mir einen Kaffee und gucke nicht aufs Handy. Wirklich nicht. Im Büro angekommen, schreibe ich nur eine kurze SMS. Ist alles gut gegangen? Die Antwort kommt schnell: "Ich bin eine Station zu weit gefahren und in die falsche Straße gelaufen. Bin jetzt aber da." Scheitern als Chance zur Selbstbehauptung, er hat es hinbekommen. "Viel Spaß im Theater", tippt ein sehr stolzer Vater in sein Handy.

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