Andersrum ist auch nicht besser Ich bin etwas, was du nicht siehst

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Wenn es sein muss, kann ich mich unsichtbar machen. Ziemlich oft genügt es schon, wenn ich dafür den Kopf schief lege und die Klappe halte. Und die Hand meiner Freundin loslasse natürlich. Und zack, sind Teile meiner Identität nicht mehr zu sehen. Gelegentlich kann das hilfreich sein. Bei Grenzkontrollen nach Russland zum Beispiel, wenn man durch Berlin-Marzahn laufen muss oder unbehelligt in einem sächsischen Dorf einen Kaffee trinken will. Scheiße fühlt es sich trotzdem an.

Das kann jeder Fußballfan bestätigen, dem man sämtliche Fan-Utensilien abnimmt, jeder Instagram-Junkie, dem man die Selfie-Kamera abklebt und jedes verliebte Paar, dessen Hände man voneinander trennt. Ohne derart wichtige Bestandteile der Identität wird jeder zu einem unsichtbaren Menschen in der Masse. So funktionieren wir: Was wir nicht sehen können, existiert nicht. Der Mensch 3.0 geht sogar noch weiter: Wenn mich niemand sieht, existiere ich nicht.

Solange ich mir also nicht alle Lesben-Klischees auf einmal aneigne oder mir "I love my girlfriend" auf mein T-Shirt drucken lasse, wird die Mehrzahl davon ausgehen, dass ich eine weiße, heterosexuelle Frau und damit Teil der Mehrheitsgesellschaft bin. Das kann, wie gesagt, nützlich sein. Vor allem aber ist das absichtliche Unsichtbarmachen für viele Homosexuelle und Queers eine Überlebensstrategie. Dass es darüber hinaus auch ein Privileg sein kann, wurde mir klar, als ich den Film Moonlight sah.

Der diesjährige Oscar-Gewinner erzählt vom Erwachsenwerden von Chiron, einem Jungen in einem, vorsichtig formuliert, perspektivarmen und dysfunktionalen Umfeld. Großartige Kamera, starke Bilder und die Abwesenheit von Worten – aber als Geschichte per se nicht bahnbrechend. Bahnbrechend wird sie, wenn man realisiert, dass der gesamte Cast ausschließlich aus schwarzen Schauspielerinnen und Schauspielern besteht. Bahnbrechend ist, dass Chiron zu einem schwulen Mann heranwächst. Einem schwarzen, schwulen Mann.

Und plötzlich ist der Großteil des durchschnittlichen deutschen Zuschauerraums unsichtbar. Weil keiner von ihnen ein Identifikationsobjekt geliefert bekommt, das den Nenner "weiß" teilt. Um wieder sichtbar zu werden, bedarf es einer kleinen Transferleistung: dem Nenner "Mensch". Bestenfalls wirft dieser Erkenntnisgewinn Fragen auf: Wie fühlt es sich zum Beispiel an, wenn große Teile des Ichs unsichtbar gemacht werden, weil sie einfach nicht stattfinden?

Wie schwarze schwule Männer im Kino zum Beispiel. Oder dicke sexy Frauen, die weder depressiv noch lustig sind. Pin-up-taugliche Lesben, die keine Männer ermorden und trotzdem nicht mit ihnen schlafen wollen. Glückliche, tanzende Menschen mit Behinderungen. Wie alle, die nicht weiß, nicht hetero, nicht körpernormiert sind.

Sichtbarkeit ist die Basis für Selbstakzeptanz. Das wurde gerade durch eine Studie der Harvard Universität belegt, die besagt, dass nach Einführung der Ehe für alle in den USA die Selbstmordrate von LGBTQ-Jugendlichen um 14 Prozent gesunken ist. Gesellschaftliche Akzeptanz rettet nachweislich Leben.

Ein guter Grund, öfter mal einen Schritt von dem eigenen Ego zurückzutreten und ein paar Schritte in anderen Schuhen zu laufen. Sich einen Tag im Rollstuhl durch die Stadt bewegen. Für einen Tag Hand in Hand mit einer gleichgeschlechtlichen Person über die Straße gehen. Ein paar Stunden Kopftuch tragen oder Kippa. Es funktioniert, wenngleich begrenzt.

Kein weißer Mensch kann in die Schuhe einer Person of Color schlüpfen, und kein weißer Mensch wird je erfahren, wie es sich anfühlt, schwarz zu sein. Was dennoch bleibt, um den Schmerz der Unsichtbarkeit verstehen zu lernen: hinsehen und zuhören. Schließlich ist Empathie eine der herausragenden menschlichen Fähigkeiten, und Empathie? Empathie geht immer.

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