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Niederlande Ein Königreich für einen Scherz

In den Niederlanden wird gewählt. Mit dem Rechtspopulisten Geert Wilders könnte der Spaß im lustigsten Land Europas bald vorbei sein. Wie konnte das passieren? Von

Gute Witze beginnen oft damit, dass jemand in eine Bar geht. In diesem Fall ist die Bar eine Eckkneipe im Amsterdamer Künstlerviertel Oude Pijp. Dort sitzt der niederländische Comedian und Kabarettist Raoul Heertje, ein Star der Szene, der viel zu erzählen hat, aber momentan ausnahmsweise keine Witze.

Heertje ist ein Klischeeholländer. Nett, lustig, locker, extrovertiert. Einer, der sicherlich seinen Teil dazu beigetragen hat, dass sich auch in Deutschland das Bild der weltoffenen, toleranten Niederlande verfestigen konnte. Frei nach dem Motto: Ein Land, das Sterbehilfe, Homo-Ehe und Marihuana erlaubt, kann so schlecht nicht sein. Eine gefühlte Wahrheit, die auch die Niederländer gerne pflegen. Wie das Video The Netherlands Second, das nach der Vereidigung von Donald Trump US-Präsidenten viral ging, mal wieder bewiesen hat. Es stammt von der Satireshow Zondag met Lubach und erklärt, warum die Niederlande das zweitbeste Land der Welt sind, wenn die USA doch das beste sein wollen. Das Video wurde 24 Millionen Mal angeschaut.

So mögen die Deutschen den westlichen Nachbarn. Solange es nicht um Fußball geht. Oder um Politik. Denn seit nunmehr elf Jahren zeigen die Niederlande noch eine andere, weniger schöne Seite. Seitdem sitzt der Rechtspopulist Geert Wilders mit seiner Partij voor de Vrijheid (PVV) in der Zweiten Kammer des Parlaments. Bei den Parlamentswahlen am 15. März könnte die Partei stärkste Kraft werden. Auch wenn die Zustimmungswerte der PVV seit Jahresbeginn zurückgehen, würde aktuell noch fast jeder Fünfte rechts wählen.

Die Niederländer sind also zugleich Humorweltmeister und humorlose Wähler mit Hang nach rechts. Wie passt das zusammen? Der niederländische Frohsinn und die ausschließende, diskriminierende politische Agenda der PVV?

In der Eckkneipe nippt Raoul Heertje nach dieser Frage erst mal an seinem Glas Weißwein. Man merkt, dass er seine Landsleute nicht schlecht machen will. Und erklärt, dass man zwei Dinge beherzigen muss, wenn man die niederländische Seele verstehen will. Erstens: "Im niederländischen Humor gilt ein ungeschriebenes Gesetz, das heißt 'Alles mag'." Also, alles ist erlaubt.

Im Gegensatz zum deutschen Tabu-Humor (Juden, Hitler, Rassismus) ist in den Niederlanden jeder noch so schlechte Scherz vom "Alles mag" gedeckt. Die freie Meinungsäußerung in Form von Humor wird in den Niederlanden gar als steigerbare Variable interpretiert: Je mehr eine Äußerung wehtut, desto größer ist die durch sie erwirkte Freiheit. Das weiß auch das niederländische Königshaus. Woche für Woche synchronisiert die Sendung Lucky TV öffentliche Auftritte des Königspaars Willem-Alexander und Maxima nach und lässt sie als spätpubertäres, kiffendes Pärchen Willy und Max auftreten.

In weniger als vier Wochen wählen die Niederländer ein neues Parlament. Der Rechtspopulist Geert Wilders könnte mit seiner Partei für die Freiheit stärkste Kraft werden. Wie denken die, die ihn unterstützen?

Die Beatrix-Persiflage von Sanne Wallis de Vries in der Comedy-Sendung Koefnoen ist so legendär, dass man sich fragen könnte, ob die echte Beatrix nicht eigentlich den übertrieben affektierten Den Haager Akzent von Wallis de Vries nachahmt.

Der Comedian Hans Teeuwen ging 2003 sogar so weit, sich auf der Bühne Analsex mit der Königin auszumalen.

"Kein Thema ist tabu", findet auch Heertje. "Wenn ihr Deutschen gute und stimmige Witze über Auschwitz auf Lager habt, dann müsst ihr sie erzählen! Auf meine Empfindlichkeit zu dem Thema solltet ihr keine Rücksicht nehmen." Heertje ist Jude.

Das zweite ungeschriebene Gesetz, das dem niederländischen Miteinander zugrunde liegt, ist das "Doe maar normaal, dan doe je al gek genoeg!". Was frei übersetzt bedeutet: "Benimm dich normal, das ist genau das richtige Maß an Verrücktheit!" Was genau normaal und gek, also verrückt, bedeuten, wird laufend öffentlich diskutiert.

Völlig normaal ist es zum Beispiel, dunkelhäutige Menschen neger zu nennen. In den USA, Großbritannien, Deutschland und in vielen anderen ehemaligen Kolonialherrenländern ist es als rassistisches Schimpfwort tabu. Nicht so in den Niederlanden. Erst 2015, zu einem Zeitpunkt also, als Tausende Menschen auf ihrem gefährlichen Weg in Richtung Europa auf dem Mittelmeer ertranken, kam in den Niederlanden der Begriff dobberneger auf, also "Planschneger".

Viel zu gek sind hingegen marokkanische Jugendliche, die an öffentlichen Plätzen rumhängen. Auch dafür gibt es ein Wort: hangjongeren, "Rumhängteenager".

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