Wir müssen reden Wie frei darf die Liebe sein?

Polyamorie wird trotz der 68er als neue freie Liebe gefeiert. Der Sexologe Ulrich Clement über die Missionarsstellung, ideologische Polyamoristen und normale Fremdgänger. Von

ZEITmagazin ONLINE: Polyamorie, also die freie Liebe zwischen mehreren Menschen, wird seit geraumer Zeit als neuer Trend in Sexualbeziehungen fast schon gefeiert. Dabei gab es bereits vor einem halben Jahrhundert die 68er-Bewegung. Hatte diese nicht auch die freie Liebe propagiert?

Ulrich Clement: Der Impuls der 68er, frei zu sein und frei zu lieben, war sogar sehr massiv.

ZEITmagazin ONLINE: Worin unterscheiden sich dann die Vorstellungen von freier Liebe damals und heute?

Ulrich Clement

Prof. Dr. Ulrich Clement ist systemischer Paartherapeut und Sexualforscher. Sein Buch Think Love. Das indiskrete Fragebuch erschien 2015 bei Rogner & Bernhard, gerade hat er Dynamik des Begehrens im Carl-Auer Verlag veröffentlicht. In Heidelberg betreibt Ulrich Clement eine Privatpraxis für Coaching, Paar- und Sexualtherapie.

Clement: Die Dialektik ist eine andere. Damals ging es um Widerstand: Das Freiheitsstreben richtete sich gegen gesellschaftliche Repressionen, gegen konservative, auch religiös geprägte sexualfeindliche Normen wie beispielsweise das Tabu von vorehelichem Sex. Etwas, von dem man heute kaum mehr weiß, was es ist. Auch Homosexualität war indiskutabel. Es gab also eine klare Gegnerschaft zwischen der dominanten, repressiven Moral einerseits und dem rebellischen Impuls der 68er-Bewegung andererseits. Solche klaren Gegnerschaften bestehen heute nicht mehr. Unser gesellschaftlicher Hintergrund ist vielmehr pluralistisch. An die Stelle einer eindeutigen und dominanten Moral, die einem sagen würde, wie man zu leben hat – jedenfalls was die Sexualität betrifft – , ist eine moralische Vielfalt getreten, manche würden möglicherweise Beliebigkeit sagen. Die Schwierigkeit besteht heute darin, angesichts des vielen, was man darf, das zu finden, was man will.


ZEITmagazin ONLINE: Hat das Modell nicht etwas sehr Selbstreferenzielles? Schließlich erfordert es, dass ich mich quasi ständig intensiv mit meiner Beziehung auseinandersetze und über sie austausche.

Clement: Die Selbstreferenz ist keine freie Wahl. Sie ist eine Notwendigkeit geworden, weil von außen nichts mehr kommt.

ZEITmagazin ONLINE: Das Private ist nicht mehr politisch?

Clement: Im Gegensatz zur Zeit der 68er spielt der politische Impetus, das Nein zur mächtigen Norm, keine Rolle mehr. Polyamoristen müssen entscheiden, wozu sie Ja sagen wollen.

ZEITmagazin ONLINE: Polyamoristen sagen aber Nein zur Monogamie.

Clement: Dieses Nein ist aber nicht ideologisch aufgeladen. Es ist eher ein Nein im Sinne von "Das passt nicht zu unseren Gefühlen".

ZEITmagazin ONLINE: Waren die 68er in ihrem Eifern nach Freiheit am Ende doktrinärer? 

Clement: Dieser Dogmatismus sieht heute eindeutiger aus, als er damals war. Denn natürlich gab es private Fluchten und persönliche Ausreden, warum man es doch anders gehandhabt hat. Nur weil ideologisch ein Vorsatz gefasst wird, bedeutet dies ja noch nicht gleich, dass auch die Gefühle mitkommen. Es gab Eifersucht, genau wie heute, ebenso den romantischen Wunsch, mit jemandem allein zu sein oder jemanden nur für sich zu haben. Gerade Letzteres wurde damals besonders kritisch beäugt, weil das Verliebtsein in eine Person als Besitzanspruch diffamiert wurde, was natürlich eine tendenziöse Beschreibung war. Die erlebte und gelebte Freiheit hinkte dem, was propagiert wurde, weit hinterher. Das macht das Ideal der 68er jedoch nicht unbedingt falsch. Wenn man es positiv formuliert, ging es um das Erlangen von sexueller Selbstbestimmung – eine wertvolle und kulturell relevante Entwicklung, von der wir noch heute profitieren.

ZEITmagazin ONLINE: Aber haben von dieser sexuellen Selbstbestimmung nicht in erster Linie Männer profitiert? Letztlich sind die Bilder, die von der freien Liebe propagiert wurden und sich festgesetzt haben, solche wie die von Rainer Langhans und seinem Schwabinger Harem, wie die vom Pakt zwischen Jean-Paul Sartre und der angeblich mehr darunter leidenden Simone de Beauvoir und jene von Hugh Heffner und seinen Bunnys.

Clement: Das sind nun drei Beispiele von Männern, die für sehr unterschiedliche Werte angetreten sind. Heffner ist sicher kein Beispiel für sexuelle Selbstbestimmung, sondern eine Karikatur männlicher Eitelkeit. Aber zu den Frauen: In unmittelbarer politischer Nachbarschaft zu der sexuellen Selbstbestimmung der 68er entwickelte sich die Frauenbewegung. Frauen sind gegen Bevormundung angetreten und haben sich ihre Rechte erkämpft. Wenn man die Zeit unter dem Motto einer erstarkenden Selbstbestimmung betrachtet, galt dies auch für die Frauen.

ZEITmagazin ONLINE: Dennoch lieferten – und liefern noch immer – die Literatur und Filme Narrative und Bilder, in denen Frauen sehr oft als die großen Liebenden auftreten. Männerfiguren sind da freier: Sie können sich auf eine romantische Liebe einlassen oder eben nicht und sexuell auch anderweitig unterwegs sein, beziehungsweise sich überhaupt mit etwas ganz anderem als mit Liebe und Sex beschäftigen. Trotz Frauenbewegung, trotz sexueller Revolution wirkt es so, als wäre die Frau noch immer eng an das ideale Bild der Liebenden gebunden.

Clement: Diesen Unterschied in der ideellen Aufladung der Geschlechter gibt es tatsächlich – und wird bei der Polyamorie aufgehoben. Dort widersprechen gerade Konstellationen wie die zwischen einer Frau und zwei oder mehreren Männern den tradierten männlichen Beziehungsmustern.

ZEITmagazin ONLINE: Wird Polyamorie deshalb so gerne als weibliche freie Liebe gepriesen?

Clement: Ja. Wobei das nicht so eindeutig ist wie das Männerprivileg von 1968, von dem wir eben gesprochen haben, und auch nicht so eindeutig, wie es in dem Buch, auf das Sie vermutlich anspielen, The Ethical Slut, dargestellt wird. Mal ganz abgesehen davon, dass es diese Konstellationen auch schon früher gab, ergeben sich polyamoristische Beziehungen typischerweise aus einer Partnerschaft heraus. Sie entstehen also nicht unbedingt mehrheitlich aus der individuellen Entscheidung einer Frau, sondern vielmehr aus einem gemeinsamen Entschluss, die Beziehung zu verändern.

ZEITmagazin ONLINE: Gibt es konkrete Unterschiede in den Sexpraktiken der freien Liebe damals und heute?

Clement: Auf alle Fälle. Beispielsweise die Selbstbefriedigung. Unter dem Aspekt der körperlichen Selbstbestimmung war sie damals nicht mehr verpönt. Allerdings war Solosex für Frauen auch 1968 noch recht unüblich. Sie haben erst in den Jahren danach aufgeholt.

ZEITmagazin ONLINE: Während für Männer das Tabu schon damals fiel?

Clement: Oh ja, bis hin zu so lustigen Empfehlungen wie die des Soziologen Günter Amendt, sich mal zwischendurch zur Aufmunterung einen runterzuholen. Auf der anderen Seite darf man nicht vergessen, dass der klitorale Orgasmus gerade erst durch die wissenschaftlichen Arbeiten von Masters und Johnson entdeckt worden war.

ZEITmagazin ONLINE: Verstehe. Frauen hatten jetzt den Beleg dafür, dass Penetration beim Geschlechtsakt nicht das allein Seligmachende ist. Und? Haben auch die Männer etwas aus dieser Entdeckung gelernt?

Clement: Alice Schwarzer hat einmal gesagt: Ein Drittel hat es verstanden, ein Drittel täuscht es vor, und ein Drittel hat es bis heute nicht kapiert. Dennoch ist insgesamt die Aufmerksamkeit der Männer gegenüber der weiblichen Sexualität seitdem deutlich gewachsen.

ZEITmagazin ONLINE: Also ist es auch ein Verdienst der 68er, dass der weibliche Höhepunkt überhaupt ins männliche Blickfeld rückte?

Clement: So kann man das sehen. Wobei der Orgasmus – egal ob weiblich oder männlich – damals ideologisch hoch bewertet war. Er galt als Paradebeispiel für die große persönliche und damit politische Befreiung. Als etwas in jeder Hinsicht Grandioses und Grenzen Sprengendes. Sex zum Zwecke des Orgasmus wurde eine Skriptvorgabe der 68er. Diese Bedeutung hat der Orgasmus heute verloren. Man versucht sich vielmehr im Gegenteil von einer Orgasmusfixierung frei zu machen und mehr den gesamten Akt zu genießen, Stichwort Slowsex und Achtsamkeit.

ZEITmagazin ONLINE: Wurden die Menschen sexuell auch fantasievoller? In jener Zeit öffneten sich viele beispielsweise fernöstlichen Geistesströmungen. Hat sich das auf die sexuellen Praktiken ausgewirkt?

Clement: Es herrschte eine Gemengelage von vielen Einflüssen. Wie die sich dann im individuellen Einzelfall gemischt haben, war sehr unterschiedlich. Für manche waren fernöstliche Einflüsse stark. Wobei Tantrasex bei uns erst in jüngerer Zeit populär wurde.

ZEITmagazin ONLINE: War man experimentierfreudiger?

Clement: Als heute? Nein, keinesfalls. Heute loten deutlich mehr Menschen die Optionen der Sexualität aus. Es interessiert die Leute sehr, was es alles gibt. Damals ging es vor allem um die Vermeidung von Einengung und Vorherrschaften.

ZEITmagazin ONLINE: War damit auch die Missionarsstellung verpönt?

Clement: Ein schönes Beispiel, ja. Allein der Name hat ja einen ideologischen Unterton. Dass man der physischen Lage der Körper eine so große, quasi politische Bedeutung gegeben hat, wirkt heute ziemlich verrückt. Irgendwie muss man beim Sex schließlich liegen.

ZEITmagazin ONLINE: Polyamoristen gehen davon aus, dass männliches und weibliches Begehren identisch seien. Ist die Annahme korrekt?

Clement: Zur Zeit der 68er und danach herrschte die Vorstellung vor, Männer würden die Spaltung zwischen Geschlechtsakt und Liebe eher hinbekommen als Frauen. Oder dass Frauen die auch nicht wollen. Das ist mittlerweile nicht mehr die verbreitete Auffassung in der Sexualforschung. Man geht seit etwa zwei Jahrzehnten vielmehr davon aus, dass Frauen genauso zwischen Sex und Liebe unterscheiden können. Auch sie interessieren sich einerseits für Männer, mit denen sie verlässlich zusammenleben möchten, wie andererseits für Männer, mit denen sie punktuell Sex haben wollen. Gut möglich, dass Frauen auch früher schon diese Unterscheidung hinbekommen haben, dies aber erst in jüngerer Zeit auch wahrgenommen wird.

ZEITmagazin ONLINE: Wie passt das zu einer Statistik, die besagt, dass 88 Prozent der Frauen Treue für "sehr wichtig" halten – im Vergleich zu 72 Prozent der Männer?

Clement: So groß ist der Unterschied auch wieder nicht. Diese Zahlen gehen ja in dieselbe Richtung. Sie zeigen: Für die allermeisten ist Treue sehr wichtig, und zwar beiderlei Geschlechts.

ZEITmagazin ONLINE: Auf der anderen Seite sagen null Prozent der Frauen respektive ein Prozent der Männer, also quasi niemand, dass Treue "überhaupt nicht wichtig" sei. Ist Polyamorie oder freie Liebe doch nur ein Phantasma?

Clement: Hierzu muss man sich genau anschauen, wie Treue interpretiert wird. Geht es um den punktuellen sexuellen Seitensprung? Oder doch auch um die Lüge, den Verrat, den Loyalitätsbruch? Oder um ein wohlwollendes Bejahen einer nichtmonogamen Lebensform.

ZEITmagazin ONLINE: Das führt uns zurück zu der Aussage der Polyamoristen, dass Offenheit eine unabdingbare Voraussetzung für dieses Liebesmodell ist.

Clement: Sicher. Sonst sind es ja keine Polyamoristen, sondern normale Fremdgänger.

ZEITmagazin ONLINE: Wer heute Kommentare zu Texten über Polyamorie liest oder Auseinandersetzungen von vor fünfzig Jahren, dem fällt auf, wie tief gespalten die Lager der Verteidiger und der Kritiker der freien Liebe waren und noch immer sind. Das Liebesideal scheint hart umkämpft. Wie ist es denn nun: Wird man zur Polyamorie respektive zur Monogamie geboren? Ähnlich wie man homo- oder heterosexuell ist? Oder hat man eine Wahl?

Clement: Schwul, lesbisch, bisexuell oder hetero ist man in aller Regel sein Leben lang, auch wenn man natürlich experimentieren kann. Polyamorie betreiben viele hingegen nur eine bestimmte Zeit lang. Ich sehe das tatsächlich weniger als Typfrage, denn als Lebensphasenfrage.

ZEITmagazin ONLINE: Wie ist dann die Zahl zu interpretieren, dass jeder Zweite unter 40-Jährige in seiner Beziehung schon mal fremdgegangen ist? Belegt sie, dass wir von Natur aus eigentlich monogam sind, oder belegt sie vielmehr, dass wir von Natur aus polyamor sind?

Clement: Von Natur aus sind wir gar nichts. Die Natur lässt alle Möglichkeiten offen, die Kultur macht die Einschränkungen. Am Ende ist es eine individuelle Entscheidung.

ZEITmagazin ONLINE: Wenn es so individuell entscheidbar und wenig vorgegeben ist, warum ist die Utopie der romantischen Liebe dann so unglaublich stark und stabil? Gerade heiraten so viele Paare wie seit Langem nicht mehr – scheinbar wider jede Statistik und jede persönliche Erfahrung.

Clement: Weil diese Utopie das Widersprüchliche, das der Liebe eigen ist, das Auf und Ab der Gefühle, verdeutlicht. Die Vorstellung, ich bekäme von der einen Person alles und das für immer, schafft Klarheit – und ist eine nicht zu toppende Erlösungsfantasie! Weit mächtiger als jede Erfahrung.

ZEITmagazin ONLINE: Und die Polyamoristen sind schlauer?

Clement: Wieso sollten sie das sein? Sie pflegen ihre eigene Utopie. In einer unberechenbaren Welt – und derzeit erscheint sie vielen als besonders unberechenbar – wird es immer wichtiger, eine eigene Nische auszubauen, in der man sich engagieren kann. Für viele bedeutet das einen Rückzug ins Private. Ob monogamer Romantiker oder Polyamorist ist dabei dann egal: Man konzentriert sich ganz auf die Beziehung.

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