"Tatort"-Kritikerspiegel Von wegen Kaffeetasse!

Im neuen "Tatort" wird der Leiter der LKA-Spezialeinheit Cyber-Crime ermordet. Und weil Borowski seine Maus erst suchen muss, übernimmt Ex-Hackerin Brandt das Kommando.

Ein Mord beim LKA – und dann auch mit Internet. Borowski (Axel Milberg) wird das langsam zu bunt. Zum Glück hat er noch seine Kollegin Sarah Brandt (Sibel Kekilli), die einst Hackerin war und sich ein bisschen besser im Netz auskennt als der Herr im Hause. Die Spuren führen die beiden in die dunkelschwarzen Ecken des Netzes. Hilfe bekommen sie dabei von zwei sehr jungen, sehr nerdigen Cyber-Crime-Fachangestellten, die beinahe jedem Klischee entsprechen, das man sich nur vorstellen kann. Dieser Tatortist übrigens der letzte für Sibel Kekilli. Sie widmet sich im Anschluss ihrer internationalen Karriere.

1. Worüber werden am Montag alle reden?

Christian Buß: Über junge, Pizza mampfende Brillenträger im IT-Keller des Landeskriminalamtes. Sind das nicht die Trottel aus der britischen Comedyserie The IT-Crowd?

Lars-Christian Daniels: War das noch ein Tatort oder schon großes Kino? Im handwerklich herausragenden TV-Debüt von Er ist wieder da-Regisseur David Wnendt trifft der Thriller auf die Komödie, der Krimi auf den Horror – und die Kieler Kommissare auf einen kaltblütigen Killer, der sich im Darknet versteckt. Das Ergebnis: der bisher spannendste Tatort des Jahres!

Matthias Dell: Über die Dunkelheit zum Schluss. Man sieht doch gar nüscht.

Kirstin Lopau: Schon wieder ein Tatort zum Thema Darknet, Cyberspace und "Neuland"... Gibt es keine anderen Themen mehr außer Computer, Flüchtlinge und Kriege? Der letzte Bremer Tatort war anscheinend eine löbliche Ausnahme. Langsam wird's echt langweilig.


2. Was haben Sie aus diesem Tatort gelernt?

Christian Buß: Nichts, was wir nicht schon aus den vielen anderen Tatorten über Darknet und Artificial Intelligence gelernt hätten.

Lars-Christian Daniels: In Sachen Cyber-Crime ist man beim schleswig-holsteinischen LKA gnadenlos unterbesetzt: Eine ganze Halle stünde für Personal bereit, doch zwei Nerds an zwei Schreibtischen (auf denen der Pizza-Button für die nächste Nachtschicht natürlich nicht fehlen darf) haben sie ganz für sich allein.

Matthias Dell: Dass es Vorteile haben kann, Sprinkleranlagen nicht ans Netz anzuschließen.

Kirstin Lopau: In jedem Kieler Tatort wird "Finde den Wolf" gespielt. Computerspezialisten scheinen immer totale Nerds zu sein, auch wenn sie Polizisten sind. Das Dezernat Cyber-Crime besteht aus zwei Computerspezialisten. Borowski polarisiert nicht nur bei den Zuschauern: Er ist zwar "der beste Polizist in ganz Kiel", aber auch "alt und frustriert" und "aufgeblasen, eingebildet, überschätzt". Jedes Büro sollte einen Hot-Button mit direktem Draht zum nächsten Pizzaservice haben. Und: Hier wird auch dem letzten Zuschauer, der das mit dem Darknet und dem ganzen Neuland immer noch nicht verstanden hat, mit Hilfe einer Animation erklärt, worum es geht. Gähn.


3. Welche Frage bleibt offen?

Christian Buß: Was ist jetzt so schlimm am Tatort, Sibel Kekilli? Die Schauspielerin verlässt mit dieser Folge die Krimiserie, um sich ihrer internationalen Karriere zu widmen.

Lars-Christian Daniels: Die Beziehung von Borowski und seiner digitalen Sprachassistentin Sabine, deren rote Lampe verdächtig an den "HAL 9000" aus Stanley Kubricks Sci-Fi-Meisterwerk 2001 - Odyssee im Weltraum erinnert, geht schon nach dem ersten Streit in die Brüche. Ob es jemals eine Nachfolgerin geben wird? 

Matthias Dell: Warum schmeißt Boro einen Notizzettel weg, auf dem etwas steht?

Kirstin Lopau: Wieso haben Beamte nicht mehr als drei Paar Schuhe? Und wo gibt es den Kaffeebecher des Computerspezialisten, der seiner Aufschrift "Super Size" alle Ehre macht? Den brauch ich dringend.


4. Welche Rolle hätte man besser besetzen sollen? Und mit wem?

Christian Buß: Nichts gegen Sibel Kekilli, aber als Spielpartnerin des schöngeistigen, zerknirschten, gelegentlich auch bösartigen Axel Milberg wirkte sie manchmal etwas blass. Durch ihren Abgang wird Platz geschaffen, der wunderbar mit Maren Eggert gefüllt werden könnte. Eggerts Kieler Psychologin Frieda Jung war einfach einer der besten Tatort-Sidekicks aller Zeiten.

Lars-Christian Daniels: Angesichts der vielen großartigen, oft bis ins Karikatureske überzeichneten Nebenfiguren sollte die Frage besser lauten: Welcher Rolle hätte man noch mehr Zeit geben sollen? Ich entscheide mich für die übergewichtige Hostelwirtin Rosi (mutig: Svenja Hermuth), die in diesem Tatort leider eine Schokopraline zu viel futtert. Nackt.

Matthias Dell: Die von Sabine. Mit Siri. Oder Alexa?

Kirstin Lopau: Die beiden Computernerds. Ich wäre für ein totschickes, ganz normales Team aus Frau und Mann, das sich einfach gut mit Computern auskennt. Ach ja, und Sabine? Über Sabine müssen wir uns nun wirklich nicht unterhalten, oder? Die war einfach lächerlich.


5. Von welcher Szene werden Sie träumen?

Christian Buß: Von dem Buzzer, mit dem sich die Nerds im IT-Keller ihre Pizza direkt beim Lieferservice ordern. Sagt eine Menge aus: ein Paranoia-Schocker übers Darknet, der am Ende Kinderträume hervorruft. Kann also nicht sehr böse sein.

Lars-Christian Daniels: Von den vielen, vielen, vielen Maden. Und ihrer Ursache.

Matthias Dell: Dem finalen Durchs-dunkle-Haus-Tappen im Wissen um die Bärenfalle.

Kirstin Lopau: Von schrecklichen Tierfallen.


6. Von 0 (super spannend) bis 10 (schon um halb neun eingeschlafen): Wie viele goldene Schlafmützen bekommt dieser Tatort?

Christian Buß: 5 Schlafmützen. 😴😴😴😴😴

Lars-Christian Daniels: 1 Schlafmütze. 😴

Matthias Dell: 3 Schlafmützen. 😴😴

Kirstin Lopau: Langweilige Umsetzung des neuen Lieblingsthemas beim Tatort. 7 Schlafmützen. 😴😴😴😴😴😴😴

Kommentare

22 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Vorab mal ein Kompliment an die Bildredaktion - ist doch immer beziehungsreich, wenn sich die Assoziationen aufdrängen sollen. Investigativer Schöngeist mit Funzel auf der Suche nach dem Neuland-Topf - Borowski als Darmol-Männchen und die "Dunkle Materie" (Fl. Werner über die "Geschichte der Sch..."). Und für die älteren Semester hier im Forum, die sich am liebsten darüber aufregen, daß die ARD schon wieder tatortet, als sei sie mit dem Bömmel jeflatscht. Stichwort "Bömmel": "Wo simmer denn dran? Aha, heute krieje mer de Dampfmaschin. Also, wat is en Dampfmaschin? Da stelle mer uns janz dumm. Und da sage mer so: En Dampfmaschin, dat is ene jroße schwarze Raum, der hat hinten un vorn e Loch. Dat eine Loch, dat is de Feuerung. Und dat andere Loch, dat krieje mer später" (H. Spoerl, Feuerzangenbowle). Un wat krieje mer noch? Achja, dat Verzellche mit dem verschwundenen Sarah-Brandt-Schuh: "Wenn ich de Saujung krieg, de mich de Schuh verstoche hat!" Kriegt er beide wieder - oder gibt es doch die Franziska-Lösung (à la WDR)?! För de nächste Saujung wieder mit Frieda Jung?