Andersrum ist auch nicht besser Homo AfDensis

© Ina Fassbender/AFP/Getty Images
Warum lässt sich eine Frau, die offen lesbisch lebt, zur Spitzenkandidatin der rechtskonservativen AfD wählen? Homonationalismus ist nicht nur dort ein Problem. Von

In westlichen Demokratien sind Vorzeigehomos das, was die Mattlackierung für den Autofanatiker ist: Ein Trend, an dem man nicht vorbeikommt. 2017 sollte man zumindest einen schwulen Friseur haben, eine lesbische Steuerberaterin oder "many fabulous gay friends", wie sie der US-Präsident Donald Trump für sich im Wahlkampf reklamiert hat. Dass diese Freundschaft nicht von größter Akzeptanz geprägt war, zeigte sich nach der Wahl, als das Handeln seiner Regierung sich gegen LGBTQ-Rechte richtete. Weshalb man sich in Deutschland nach dem AfD-Parteitag nun fragen darf, wie viel Akzeptanz in der Wahl einer offen lesbisch lebenden Frau zur Kospitzenkandidatin einer rechtspopulistischen Partei steckt?

Dr. Alice Weidel: vorzeigeblond, vorzeigedeutsch, vorzeigeerfolgreich, vorzeigelesbisch? Ups. Immerhin zieht sie mit ihrer Lebensgefährtin zwei Kinder groß. Auch angesichts dessen ist Weidels Kampf für eine Partei, aus der heraus Homosexuelle in der Vergangenheit als "degenerierte Spezies" diffamiert wurden, schwer zu verstehen. Es gibt keine richtige Partei in der falschen.

Trotzdem steht Weidel nun an der Seite des bekennenden Cordjacketträgers Alexander Gauland, für den Gender Mainstreaming selbstredend Unsinn ist, als neues weibliches Vorzeigeobjekt an der AfD-Spitze. Die Partei ist von diesem Pinkwashing natürlich begeistert. Denn eine Spitzenkandidatin wie Alice Weidel suggeriert Toleranz und spricht die schwullesbische Wählergemeinschaft an, die ohnehin in den letzten Jahren vermehrt dazu neigt, rechts zu wählen.

Homonationalismus nennt sich das und basiert grob gesprochen auf der Annahme, dass der Islam unsere Frauen und unsere Homos hasst. Wer also gegen den Islam ist, ist für Homosexuelle. Problem solved. Diese simple Argumentation, mit der die Rechtspopulisten beinahe überall werben, hilft offenbar schon geraume Zeit dabei, Wählerstimmen zu gewinnen. In den Niederlanden überzeugte Wilders' rechtspopulistische PVV im Jahr 2014 rund 21 Prozent der homosexuellen Wahlberechtigen, und laut einer Studie von 2016 wählten bei den Regionalwahlen 2015 in Paris etwa 32 Prozent der verheirateten Homopaare den Front National. Im Gegensatz zu 30 Prozent heterosexueller Ehepaare. Geschlechtergerechtigkeit sollte sich irgendwie anders anfühlen.

Oder muss man die Wahl von Weidel auch einfach mal positiv sehen? Wenn man angepasst lebt, nicht barbusig auf dem CSD tanzt, eine Gleichstellung der Lebenspartnerschaft für überflüssig hält und möglichst normativ aussieht, kann man es durchaus an die Spitze einer Partei bringen, die nichtnormative Lebensweisen im Parteiprogramm ausdrücklich ablehnt, unauffälliges Lesbischsein aber duldet. So viel Toleranz muss man erst mal aushalten.

Was bei der AfD passiert, ist in etwa so, als würden sich die Grünen mit der Atomkraftlobby verbünden, als wolle die SPD alle Gewerkschaften abschaffen oder als würde die CSU eine Obergrenze für den Weißbierausschank einführen.

Dieser Absurdität zum Trotz funktioniert der Homonationalismus auch in Deutschland ganz gut. "Ich bin nicht die einzige homosexuelle Politikerin in der AfD", sagte Weidel jüngst der niederländischen Tageszeitung Volkskrant. Womit sie mit hoher Wahrscheinlichkeit Recht hat. Statistisch gesehen müsste von den 25.000 Mitgliedern der Partei etwa ein Zehntel, also 2.500, homosexuell sein. Mirko Welsch, der ehemalige Bundessprecher der "Homosexuellen in der AfD", hat übrigens im März die Partei verlassen, weil sie ihm zu rechts geworden war. In einem Interview zweifelte er den gesunden Menschenverstand Homosexueller an, die sich noch immer zur Partei bekennen. Über homosexuelle Spitzenkandidatinnen sagte er nichts.

Kommentare

366 Kommentare Seite 1 von 27 Kommentieren