Endlich Vintage! Küssen, vögeln und jetzt das?

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Was haben wir nicht alles von den Franzosen gelernt! Sie hat doch gerade erst angefangen, unsere deutsch-französische Freundschaft, es kann doch noch nicht zu Ende sein? Von
Quelle: ZEIT ONLINE, rtr, spo

In der letzten Woche habe ich vier Mal erzählt, wie ich Rock 'n' Roll lernte. Ich schäme mich. Vier Mal! In einer Woche! Ich war in Frankreich und habe es gefühlt fast jedem erzählt, ich habe beschworen, wie es war, als in meiner Jugend die französischen Schüler zu Besuch kamen und Fete war und sie sich darüber mokierten, wie wir zur Musik rumzappelten und uns dann die Schritte zeigten, wie man rechts reindreht und links und unter den Armen durchwirbelt und hochgeschleudert wird und dann mit gegrätschten Beinen den Mann anspringt, zum Schluss kamen die Küsse. Wir nannten sie "bises françaises". Es ging nicht um diese Luft-Pieckser, rechts und links an der Wange vorbei. Gemeint waren Zungenküsse, die zuerst ein Schock waren, die Mundhöhle ist ja nicht auf zwei Zungen ausgelegt, dann aber: Oh, là, là.

So: fünftes Mal erzählt!

Ich erzählte die Story so gerne, weil es sich so wie ein Anfang anfühlte, es war nicht nur der Anfang einer deutsch-französischen Liebe, sondern ein Anfang von so Vielem, es war, wie ich heute weiß, ein Jugendfeeling, dieses herrliche Und-davon-jetzt-immer-mehr-Gefühl. Mehr Rock 'n' Roll und mehr Küsse und mehr Frankreich und mehr Welt und das jetzt so das ganze Leben lang.

Jetzt, wo mein Leben schon ein wenig seinem Ende entgegengeht, wie David Bowie sagen würde, mit Glück sind wir noch ein, zwei Jahrzehnte dabei, jetzt scheint es plötzlich, als ob so vieles, was immer wieder anfangen und weitergehen sollte, auch auf seinem Weg zum Ende ist. Meine Franzosenliebesgeschichte etwa. Ich war also letzte Woche in Paris und habe im Musée de l’Armée eine Ausstellung über 1870/71 gesehen. Thema: der Deutsch-Französische Krieg. Wie Frankreich den Preußen den Krieg erklärte und wir über sie herfielen. Man sieht unter anderem die Champs-Élysées mit Trümmern rechts und links und am Arc de Triomphe eine Wagenburg aus Lafetten und dahinter die deutsche Siegermacht, sich angstvoll duckend, als erwarteten sie den Angriff der Indianer. Man sieht Bilder vom Louvre mit ausgebrannten Fensterhöhlen und ein in Schutt und Asche gelegtes Strasbourg, das aussieht, als sei die deutsche Luftwaffe gerade da gewesen. Aber die Luftwaffe kam ja erst siebzig Jahre und zwei deutsche Invasionen später.

Gundel und der Chef-Surveillant

Als die französischen Schüler uns besuchten, war der letzte der deutschen Überfälle gerade zwanzig Jahre her. Als wir zu Hause erzählten, französische Schüler würde zu Besuch kommen, machten die Erwachsenen ein scharfes, durch die Zähne geführtes Lufteinziehgeräusch. Meine Mutter sagte, Opa hätte ja drei Mal Krieg gegen Frankreich erlebt, einmal als Baby, dann 1914 als Soldat und wieder 1939. Mein Vater erzählte, wie er beim Vormarsch gegen Paris in einer Villa einquartiert war, in der die deutschen Soldaten auf den Teppich geschissen hatten und dass sie auch die Plumeaus aufgeschlitzt hätten und alles voller Federn und Scheiße war. Nun also junge Franzosen bei uns. Also nicht ganz bei uns, es schien offenbar undenkbar, sie in den Familien unterzubringen. Sie wurden in der Jugendherberge einquartiert. Dort Rock 'n' Roll. Beim Gegenbesuch in Frankreich, die Schule lag im Haute Savoie, führte man unsere Klasse erst mal in eine Höhle, auf der blutverschmierte Bahren an den Felswänden lehnten, die Deutschen hatten hier ein Lazarett der Résistance aufgerieben. 

In der Nacht wurde meine Freundin Gundel im Schulpark mit dem Chef-Surveillant beim Vögeln erwischt. Die Direktion nahm das als erneute Kriegserklärung, der Kontakt der Schulen wurde aufgekündigt. Aber die amourösen Lianen ließen sich nicht kappen.

Wir blieben hemmungslos frankophil. Französisch wurde mein bestes Fach. Unsere glamouröse Französischlehrerin wurde angebetet. Ich studierte Französisch. Jetzt, Jahrzehnte später, verfolgen wir mit einem kalten Gefühl im Magen, wie Frankreich Anstalten macht, sich von uns abzuwenden. Man möchte schreien, non-non-non, sie hat doch erst gerade angefangen, unsere deutsch-französische Freundschaft, es kann doch noch nicht zu Ende sein! Fuck Marine le Pen!!!

Es ist jetzt so ein Muster. So vieles, was gefühlt gerade angefangen hatte, geht jetzt schon zu Ende. Ich war neulich in London, es sah aus wie immer, aber da war dieses Brexit-Feeling. Die Times verkündete stolz, die Polen reisten ab. Tolle Sache, verschwinden, die Ausländer, weil sie sich nicht willkommen fühlen. Ich war schockiert. Ich bin, seit ich 14 war, immerzu nach England gefahren. Der Portobello Road Market war mein Markt. Mein Lieblingsbuchladen ist John Sandoe, off King's Road. In der King's Road habe ich meinen ersten tollen Haarschnitt bekommen, und so meine Friseurphobie abgelegt. Gefühlt war es gestern, dass mein Sohn, der eine englische Freundin hat, anregte, ich könne ja endlich mal nach England ziehen, kleines Cottage in ihrer Nähe, ich sagte: Sowieso! Aber jetzt erzählte meine Freundin Lotti, dass sie ihrerseits erwäge, aus England weg zu ihrer Familie nach Edinburgh zu ziehen. Ein deutscher Freund, der seit Jahrzehnten in London lebt, und sein südamerikanischer Mann sind gedanklich schon an die Côte d'Azur weitergezogen, um das Leben bei frühlingshaften Temperaturen ausklingen lassen, was früher immer eine gute Idee war, ein Endlich-Vintage bei Boule unter Platanen und hinterher un petit rouge. Ich sagte: Vergesst mal nicht Le Pen.

Ja, man war ja auch in New York ein wenig heimisch. Die Leute dulden da jedwede Verrücktheit, in meiner Jugend waren es die mit Glitter bestäubten, schwulen Punks und jetzt sind es noch die Vintage-Ladys auf ihren Geisha-Stöckelschuhen. Auch ich setzte in New York meinen Schornsteinhut auf, der in Hamburg alle Augenbrauen drohend hochgehen lässt, aber die Leute im Café Balthazar in der Spring Street strahlen mich an.

Freunde haben jetzt eine Reise durch die USA abgesagt. Keine Lust mehr. Entspannen im Trump-Country? Wie?

Die Welt zieht sie sich zusammen, als sei ihr etwas Bitteres in den Mund geraten. Man merkt, wie man ein wenig stolz gewesen war, den Kindern so eine tolle weltoffene Atmosphäre zu hinterlassen, die Welt zu Gast bei Freunden und wir bei ihnen. Junge Kollegen schwärmten gerade noch von ihrem Weekend in Istanbul, aber jetzt weinen im Berliner Wedding türkische Frauen vor Bildschirmen, auf denen sie verfolgen können, wie die Demokratie in ihrer Heimat kollabiert.

Da ist so ein banges Gefühl von Und-so-was-jetzt-überall. Freunde schicken Messages, wieso ich nicht bei der Pulse-of-Europe-Demo bin. Ich sage, geht es jetzt alles wieder von vorne los, mit diesem Demonstrieren? Tja. Isso.

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Anm. der Redaktion: Wir haben versehentlich geschrieben, Frankreich habe dem Deutschen Kaiserreich 1870 den Krieg erklärt, es war natürlich Preußen. Wir haben das korrigiert.

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