Andersrum ist auch nicht besser Wann hast du eigentlich gemerkt, dass du hetero bist?

Es gibt Fragen, auf die darf man eine unfreundliche Antwort geben. Eine dieser Fragen ist: Wann hast du eigentlich gemerkt, dass du schwul bist? Man dürfte daraufhin gerne genervt entgegnen: Wann hast du denn gemerkt, dass du hetero bist? Ich mache das nicht. Ich bleibe nett. Das hat zwei Gründe. Der erste ist: weil in Wahrheit jeder gerne über sich spricht, wenn er die Möglichkeit bekommt.

Ich erzähle dann immer diese Geschichte, als ich mit 13 beim Austragen von Discounterprospekten einen Sommer lang jeden Tag einen Umweg gemacht habe. In der Parallelstraße wurde ein Haus gebaut, die Bauarbeiter standen dort auf dem Gerüst, es war warm und sie hatten ihr T-Shirt ausgezogen. Nachgepfiffen habe ich ihnen natürlich nicht. Ich bin aber immer gern mit langsamem, nicht auffälligem Tempo vorbeigeradelt. Deshalb kann ich sagen: Ich weiß schon immer, dass ich schwul bin.

Auf YouTube habe ich kürzlich ein Interview mit einem sehr alten Mann gesehen. Er war 96. Vergangenes Jahr hatte er sein Coming-out. Er sagte, schon als kleiner Junge, mit fünf Jahren, habe er gewusst, dass er schwul ist. Jetzt wissen es auch seine Enkelkinder. Auch meine Freunde sagen, dass sie schon als Kind mit der Gewissheit lebten, anders zu sein. Die einen dekorierten ihr Kinderzimmer mit Glasperlen, legten Blumenbeete an oder spielten mit Barbies. Bei mir war es der Fußball: Warum alle Jungen in jeder Pause kicken wollten, verstand ich nie. Ich weiß, das alles sind Beispiele, die nur Klischees bestätigen. Aber nur weil man einem Klischee entspricht, soll man sich ja nicht verstecken müssen.

Der zweite Grund, warum ich auf diese Seit-wann-Frage entgegenkommend reagiere: weil es eben doch komplizierter ist. Mir zum Beispiel fällt es schwer, zu glauben, dass ein Mann erst mit 20 oder 30 oder 40 feststellt, dass er schwul ist. Vorher nie etwas gespürt. Dann wie vom Donner gerührt. Das klingt wie ein Schlager, ist aber zusammengefasst das, was mir ein Freund erklärte, der immer nur an Frauen interessiert war – dann jedoch mit einem Mann zusammen kam. Hat mich nicht überzeugt.

Doch irgendwann fiel mir auf: Nur weil ich mir das selbst nicht vorstellen kann, heißt es doch nicht, dass ein anderer es nicht fühlt. Ich kann mir ja auch nicht vorstellen, mich tief greifend mit der Strukturformel von Essigsäuremolekülen zu befassen. Und doch scheint es diese Menschen zu geben. Sie machen es beruflich und wahrscheinlich sogar gern. Millionen Menschen schauen sich im Netz auch freiwillig Videos an, in denen junge Frauen von ihrem Einkauf im Drogeriemarkt berichten. Andere basteln im Keller an Modelleisenbahnlandschaften, einer von ihnen regiert nebenher ein großes Bundesland.

Mit 20 glaubt man nicht, dass man sich mal für private Altersvorsorge interessieren könnte. Manche Menschen sind jahrzehntelang in der SPD und werden plötzlich AfD-Sympathisanten. Unsere Eltern haben noch vor fünf Jahren den Kopf darüber geschüttelt, dass wir uns täglich bei Facebook einloggen – heute tun sie es selbst. Eigentlich glaubt man an jedem Punkt des Lebens, sich gerade bestens zu kennen. Und wird dann doch überrascht.

Fühlten sich meine Freunde schon als Kind anders, weil sie schwul sind? Oder hat nicht jeder Mensch das Gefühl, in Wahrheit nicht dazuzugehören? Weil nur er sich wirklich kennt – und von den anderen bloß das weiß, was sie der Welt offenbaren. Und was war eigentlich mit dem Typen aus der Schule, der am liebsten allein zu Hause saß und Dinosauriermodelle aussägte? Er fühlte sich bestimmt auch anders. Und ist nicht schwul geworden.

Beim nächsten Mal, wenn sich jemand bei mir outet und sagt: Mit 20 kam es mir nicht in den Sinn, mit 25 habe ich es verdrängt, mit 30 fehlte mir der Mut, aber nun werde ich einen Mann heiraten – dann werde ich nicken und keine Fragen stellen. Im Stillen kann ich ja immer noch denken: Komisch, bei dir habe ich es mir schon immer gedacht.

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