© WDR/Frank Dicks

"Tatort"-Kritikerspiegel Held oder Arschloch

Weil er krasse Terrorszenen zeigt, wurde dieser "Tatort" oft verschoben. Nun wird er am Ostermontag gezeigt. Unbrisant oder grandios? Die Kritiker sind geteilter Meinung.

Immer wieder wurde dieser Tatort verschoben, erst wegen des Anschlags auf den Berliner Weihnachtsmarkt, später angeblich aus organisatorischen Gründen. Nun hält die ARD am Ostermontag als Ausstrahlungstermin fest, auch wenn in der Woche zuvor ein Anschlag auf die Fußballmannschaft des BVB verübt wurde. Wie real, überzeugend und gut ist der Tatort Sturm

In Dortmund werden mitten in der Nacht zwei Beamte in ihrem Streifenwagen erschossen. Nicht weit vom Tatort entfernt entdeckt Kommissar Faber (Jörg Hartmann) ein Büro, in dem spät in der Nacht noch Licht brennt. Als er sich Zugang zu der kleinen Privatbank verschafft, trifft er auf einen Mann im Sprengstoffgürtel. Wer ist Opfer? Wer ist Täter? Droht ein Terroranschlag? Unsere Kritiker haben sich diesen vieldiskutierten Tatort vorab angeschaut. 


1. Worüber werden am Dienstag alle reden?

Christian Buß: Über das aufwühlende Ende. Dieses Ende ist auch der Grund dafür, dass der Tatort kurz nach dem Anschlag von Berlin im Dezember verschoben wurde. Es gibt gewisse Parallelen. Doch auch wenn das Ende dieses Dschihadisten-Tatorts aufwühlt – die 80 Minuten davor sind recht formelhafter gesellschaftspolitischer Stoff.

Lars-Christian Daniels: Über die vielen offenen Fragen, die bleiben, wenn sich die Rauchschwaden in diesem grandiosen Dortmunder Terror-Tatort wieder gelegt haben. Und: War es richtig, den Film nach dem Attentat auf den Berliner Weihnachtsmarkt zu verschieben und nach dem Anschlag auf den Mannschaftsbus des BVB am Ostermontag zu zeigen?

Matthias Dell: Über den merkwürdigen Schluss.

Kirstin Lopau: Ob es nun in Ordnung war, diesen Tatort seit Dezember wegen des Themas Terror zurückzuhalten, denn irgendwie gibt es – wie die Realität zeigt – immer wieder Anschläge. Leider.

 

2. Was haben Sie aus diesem Tatort gelernt?

Christian Buß: Der eine findet durch den Islam zur Liebe, der andere zum Hass. Unbrisanter kann man keinen brisant gemeinten Tatort in Szene setzen.

Lars-Christian Daniels: Immer wenn man denkt, dass der Tatort aus Dortmund kaum noch besser werden kann, straft der WDR einen Lügen. Hut ab!

Matthias Dell: Dass die Tatort-Polizei schrecklich unprofessionell ist – die Zahl der Opfer könnte geringer sein, wenn sich die Gesetzeshüter nicht so dämlich anstellen würden.

Kirstin Lopau: Nichts ist wie es scheint. Und Faber sieht man zum ersten Mal in einem Tatort seine Angst an. Er wird zum Helden. Oder zum Arschloch. Jedenfalls ist sein fabernder Monolog über Macht und Allmacht brillant.

 

3. Welche Frage bleibt offen?

Unsere Kritiker

Christian Buß ist Kulturredakteur bei Spiegel Online und schreibt dort regelmäßig über den Tatort.

Lars-Christian Daniels bespricht für sein Blog Wie war der Tatort? und das Onlinemagazin Filmstarts den Tatort und weitere TV- und Kinofilme.

Matthias Dell ist Tatort-Kritiker bei ZEIT ONLINE und teilt das Arbeitsethos von Gunter Gabriel: "Derjenige, der dem Schweiß den Rücken runterläuft“.

Kirstin Lopau ist ZEITmagazin-Leserin und eine der meinungsstarken Kommentatoren bei unseren sonntäglichen Tatort-Diskussionen bei Facebook.

Christian Buß: Wie hat der Hacker-Nerd vom LKA eigentlich die vielen, auf IS-Konten überwiesenen Millionen wieder zurückgeholt? Jaja, er haut die ganze Zeit drollig in die Tasten, verstanden haben wir es trotzdem nicht.

Lars-Christian Daniels: Wie soll ich nach diesem spektakulären Showdown je in den Schlaf finden? Und eine wichtige weitere, die ich an dieser Stelle ungern spoilern möchte.

Matthias Dell: Wieso haben sich die Menschen beim Ein- und Ausstieg ins und aus dem Bankgebäude über das mit Glasscheiben übersäte Fensterbrett nicht geschnitten?

Kirstin Lopau: Wie wird das Team mit den Geschehnissen aus diesem Tatort weitermachen? Wie kann man damit überhaupt weitermachen?

 

4. Welche Rolle hätte man besser besetzen sollen? Und mit wem?

Christian Buß: Der notorische Krimi-Nebendarsteller Felix Vörtler (neun Tatorte, zehn Polizeirufe) hat vom Hausmeister bis zum Rockerchef ja schon alles recht überzeugend gespielt. Den zum Islam konvertierten deutschen Bankangestellten aber nimmt man ihm nicht ab.

Lars-Christian Daniels: Keine – ein ausnahmslos stark besetzter Tatort. Ein Sonderlob gibt's diesmal für Nora Dalay (Aylin Tezel) und ihre Sorgen um den Kollegen und Ex-Lover Daniel Kossik (Stefan Konarske). Aufwühlend!

Matthias Dell: Keine.

Kirstin Lopau: Keine. Es ist alles stimmig besetzt.

 

5. Von welcher Szene werden Sie träumen?

Christian Buß: Von diesem martialischen Sprengstoffgürtel, an dem die ganze Zeit rumgefummelt wird, ohne dass etwas passiert.

Lars-Christian Daniels: "Allahu akbar."

Matthias Dell: Dem Schluss.

Kirstin Lopau: Vom Ticken des Zeitzünders. Und von Tahirs Augen.

 

6. Von 0 (super spannend) bis 10 (schon um halb neun eingeschlafen): Wie viele goldene Schlafmützen bekommt dieser Tatort?

Christian Buß: 5 Schlafmützen 😴😴😴😴😴

Lars-Christian Daniels: Keine Schlafmütze 😯

Matthias Dell: 8 Schlafmützen😴😴😴😴😴😴😴😴

Kirstin Lopau: 1 Schlafmütze, toller Plot, ein etwas langsamer Einstieg, aber dann Spannung bis zum Schluss und dann dieses Ende! 😴

Kommentare

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