"Tatort"-Kritikerspiegel Nürnberg in der Zeitschleife

Im neuen "Tatort" aus Franken wird ein Anschlag auf ein Flüchtlingsheim verübt, eine Frau stirbt. Kommissar Voss gibt sich als Flüchtling aus und ermittelt undercover.

Ein Brandsatz wird in ein Wohnheim für geflüchtete Menschen geworfen, Neyla Mafany (Dayan Kodua) aus Kamerun kommt dabei ums Leben. Hauptkommissarin Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) ermittelt mit Wanda Goldwasser (Eli Wasserscheid) und Sebastian Fleischer (Andreas Leopold Schadt), Hauptkommissar Felix Voss (Fabian Hinrichs) kommt gerade erst aus den Ferien im Kaukasus zurück. Weil er zu spät am Tatort erscheint und ihn noch niemand erkennt, beschließt er, verdeckt zu ermitteln und gibt sich als Flüchtling aus Tschetschenien aus.

1. Worüber werden am Montag alle reden?

Christian Buß: Über das Thema Flüchtlinge jedenfalls nicht. Obwohl sich die Filmemacher in ihrem in einer Bamberger Gemeinschaftsunterkunft angesiedelten Krimi darum bemühen, möglichst alle Aspekte zu dem Thema anzusprechen, zündet kein Handlungsstrang so richtig. Debattenthema leider verfehlt.

Lars-Christian Daniels: Flüchtlinge im Tatort? Hatten wir tatsächlich schon seit einem Monat nicht mehr. Aktuell im Trend: Tschetschenien. Der Schweizer Tatort Anfang März war allerdings eine ganze Ecke aufregender als dieser zähe Franken-Tatort.

Matthias Dell: Über den deutschen Eigenheimverteidiger, der vom Mittagsschlaf erwacht, Hörgerät anwirft, Einbrecher bemerkt, die Polizei ruft und rumballert wie ein Grund- und Bodenbesitzer in Texas. John Wayne im Zeichen der Burg.

Kirstin Lopau: Früher haben mein Bruder und ich uns immer thematisch die Weihnachtspredigt des örtlichen Pastors ausgemalt und lagen fast immer richtig. Am Heiligen Abend saßen wir auf der Kirchenbank und hakten in Gedanken die genannten Themen ab, die wir richtig erraten hatten. So ähnlich ist es mit wenigen Ausnahmen leider im Moment mit den Tatorten. Heutige Themen: Flüchtlinge (check), Syrer/ Nordafrikaner/ Tschetschenen (check/ check/ check), erstarkte Rechte (check), Darknet (nope), Computer übernehmen die Weltherrschaft (nope).

 

2. Was haben Sie aus diesem Tatort gelernt?

Christian Buß: Tschetschenen machen gute Würste. Hauptkommissar Voss bringt von seiner Urlaubsreise aus Tschetschenien, wo seine Familie herkommt, Würste für die Kollegen mit. Wenn diese an dem in Zeitungspapier eingewickelten Fleisch riechen, machen sie ganz verzückte Augen.

Lars-Christian Daniels: So sehr der Bayerische Rundfunk das Lokalkolorit seines Franken-Tatorts bewerben mag, so wenig ist erneut davon zu spüren: Sieht man vom Dialekt der Ermittler und ein paar netten Stadtpanoramen ab, kommen Land und Leute eindeutig zu kurz. Im Gegenteil: Wir erfahren mehr über den Kaukasus und tschetschenische Wurst als über den Schauplatz Bamberg, denn das Flüchtlingsheim ist als Kulisse ebenso beliebig wie die meisten Außenaufnahmen.

Matthias Dell: Dass Fabian Hinrichs Fußball spielen kann.

Kirstin Lopau: Was man unbedingt in fremden Sprachen lernen sollte, wenn man undercover tätig sein möchte: "Ich liebe Kartoffelsuppe." Wurst als Mitbringsel aus dem Urlaub kommt nicht so gut an und führt zu Nachfragen ("Ist da Esel drin?"). Früher hingen Senioren mit einem Kissen unter den Armen aus dem Fenster, um alles aus der Nachbarschaft mitzubekommen. Heutzutage haben die Rentner 2.0 Kameras an den Fenstern. Und: "Nürnberg ist manchmal wie eine Zeitschleife."

 

3. Welche Frage bleibt offen?

Christian Buß: Ist da denn nun Esel drin? Wann immer Hauptkommissar Voss seinen Kollegen eine Wurst aus der Heimat seiner Eltern überreicht, stellen sie dieselbe Frage. Die aber eben nicht beantwortet wird.

Lars-Christian Daniels: Wann erfahren wir endlich mehr aus dem Privatleben der nach wie vor austauschbar wirkenden Ermittler? Wer in vier Wochen noch alle vier Namen der fränkischen Kommissare aufzählen kann, zählt definitiv zu den eingefleischteren Tatort-Fans.

Matthias Dell: Was wurde aus dem Ehepaar Benedikt?

Kirstin Lopau: Welche unglückliche Liebe verschweigt Kommissarin Ringelhahn?

 

4. Welche Rolle hätte man besser besetzen sollen? Und mit wem?

Christian Buß: Die Rechtsradikalen, die hier in Bamberg Jagd auf die Flüchtlinge machen, sehen aus, als ob sie in einer Boygroup singen. Da hätte man auch ein paar hässliche Hoolfratzen von der Straße holen können.

Lars-Christian Daniels: Die des aus dem Schlaf hochschreckenden Rentners, der sich eine Flinte krallt und in seiner Villa um sich ballert. Mit Didi Hallervorden. Das wäre mal ein Schock gewesen!

Matthias Dell: Am Casting hat's nicht gelegen.

Kirstin Lopau: Felix Voss ist diesmal ziemlich blass und imitiert den tschetschenischen Akzent fast schon peinlich schlecht. Dafür ist Paula Ringelhahn diesmal mit viel Wortwitz ausgestattet worden und gefällt mir sehr gut. Immer wieder schön, weil frängisch sind die Kollegen Fleischer und Schatz. Ohne die wäre der Frangen-Dadord nur halb so schön.

 

5. Von welcher Szene werden Sie träumen?

Christian Buß: Von Eselsalami aus Tschetschenien.

Lars-Christian Daniels: Von den finstersten Augen, die ich seit Langem in einem Tatort gesehen habe: Mit Yasin el Harrouk, der 2014 als exzentrischer Diplomat im Münchner Tatort Der Wüstensohn brillierte, zählt erneut ein großes Schauspieltalent zum Cast. Leider darf der Deutsch-Marokkaner diesmal um Längen weniger zeigen als damals an der Isar.

Matthias Dell: Dem Einsetzen des Hörgeräts beim Eigenheimverteidiger.

Kirstin Lopau: Vom Ende. Das ist das einzige, was an diesem Tatort wirklich berührt, auch wenn es absehbar ist.

 

6. Von 0 (super spannend) bis 10 (schon um halb neun eingeschlafen): Wie viele goldene Schlafmützen bekommt dieser "Tatort"?

Christian Buß: 6 Schlafmützen. 😴😴😴😴😴😴

Lars-Christian Daniels: 6 Schlafmützen. 😴😴😴😴😴😴

Matthias Dell: 7 Schlafmützen. 😴😴😴😴😴😴😴

Kirstin Lopau: 8 Schlafmützen. 😴😴😴😴😴😴😴😴

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