Wohnungsauflösung Völlig aufgelöst

Wenn Eltern sterben, muss man deren Leben in Kisten packen und entsorgen. Was behalten? Sich von der Vergangenheit zu trennen, ist so schwierig wie ein zweiter Abschied. Von

Das mit dem Erben ist so eine Sache. Mein Vater hat mir seine Träume hinterlassen. Nicht die guten, sondern die schlechten. Zu seinen Lebzeiten hat er mir oft davon erzählt, wie er im Schlaf immer versucht hat, Koffer zu packen. Nicht nur einen. Unzählige. Nie wurde er fertig damit. Und dann hat er auch noch den Zug verpasst. Als ich klein war, fand ich das lustig. Was war so schlimm daran? Sollte er doch einfach den Koffer Koffer sein lassen und in den nächsten Traumzug steigen. Erst später, als er nicht mehr da war, brachen diese Träume auch über mich herein und ich verstand. Ich träumte davon, alles Hab und Gut in einer einzigen Kiste verstauen zu wollen, was natürlich nicht gelang. Was muss da alles hinein? Was ist wichtig?

Ich muss an diese Träume denken, als ich viele Jahre später in einen realen Zug steige. Es wird die vorerst letzte Fahrt in Richtung der elterlichen Wohnung, die mein Bruder und ich geerbt haben, nachdem auch unsere Mutter vor einem Jahr gestorben ist. Krebs. Genau wie mein Vater. Die nicht auszulöschende Erinnerung, wie sowohl mein Vater als auch meine Mutter in ihrem Schlafzimmer gelegen, allmählich dieses entrückte hippokratische Gesicht angenommen haben und einfach fort sind, sie schmerzt. Zurückgelassen haben sie nicht nur uns, sondern auch ihr knapp siebzig Jahre währendes Leben – in Form von Möbeln, Bildern, Sammeltassen, Meissner Vasen, Aktenordnern und einem Keller vollgestopft mit unserer Kindheit und Jugend. Sie waren keine Messies. Aber sie hatten ein Leben.

In den Wirtschaftswunderjahren hatten sie beschlossen, dass zu einem gelungenen Alltag auch solide Anschaffungen gehören: Schränke aus massivem Holz, Sitzgarnituren, deren Stoff ewig hält. Das waren für sie Werte, mit denen sie nach einer Kindheit im Krieg Sicherheit schaffen wollten. Meine Mutter entwickelte später als Hausfrau ihre Leidenschaft, das Sammeln schöner Dinge. Vielleicht war es auch eine Art Alibi – so hatte sie etwas zu tun neben der Familie. Schließlich war sie umgeben von anderen Hausfrauen, mit denen sie sich über ihre Neuerwerbungen austauschen konnte. Diese schönen Dinge waren selbstverständlich Statussymbole. Zeichen dafür, dass es einem gut ging. Die zeigte man Anderen auch gerne.

Noch als ich ein Kind war, hatte sie damit begonnen, für mich robuste und feingewobene Leinenwäsche mit meinem Monogramm besticken zu lassen oder beim Trödler Silberbesteck zu erwerben. Teile für meine Aussteuer, die mir damals nicht nur völlig aus der Zeit gefallen schienen, sondern einen Fluchtinstinkt hervorriefen: Viele Jahre lang behauptete ich, nie, nie heiraten zu wollen. Nun habe ich einen Mann, Kinder, einen Haushalt und zwei Berufe. Auch ich mag schöne Dinge, und als bildende Künstlerin weiß ich, dass alle Objekte Manifestationen unserer Begierde sind.

Ich würde es heute noch nicht mal wagen, das Schaukelpferd unserer Kinder wegzugeben. Denn auch unsere Eltern haben durch das Bewahren von Objekten die Erinnerung an uns gepflegt, das weiß ich jetzt. Bei einem Umzug in eine andere Stadt, eine neue Wohnung, haben sie unsere komplette Kindheit in Form von Puppenhäusern, Abiturzeitungen und Tennisschlägern mitgenommen. Vielleicht auch, weil wir so weit weg wohnten und uns all die Jahre nicht dazu entschließen konnten, endlich mal die Plattensammlung  und die Kiste mit Liebesbriefen durchzusehen, auszusortieren. Dinge, die mir in meinem neuen Leben in Berlin fehl am Platz schienen, von denen ich mich aber doch nicht trennen mochte. Die Wohnung meiner Eltern war im Grunde ein praktisches Archiv für all meine Erinnerungen, eine Art analoge Cloud. Für später. Für ein fernes Irgendwann, in dem meine Eltern nicht mehr sein würden, eine Zeit, die ich mir nicht vorstellen mochte.

Meine Mutter hatte oft zwischen ihrem feinen Porzellan gestanden, auf die 105 Vasen, die rund 30 Milchkännchen gedeutet, die Kerzenhalter, die bestickten Tischdecken und gesagt, dass sie uns schon jetzt fürs Ausräumen bedauere. Ich habe ihr immer widersprochen. Weil ich dachte, das wird kein Problem, ist doch eh noch endlos lange hin. Nun ist meine Mutter fort und ich frage mich, wie lange ich beim Gedanken an sie noch dieses Ziehen in der Brust spüre. Mir ist klar, es geht ums Loslassen. Nur wie gelingt das?

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