Endlich Vintage! Keine Feier ohne Mayer

© Tiago Muraro/Unsplash

Neulich auf Facebook, ich daddel so rum, süßes Foto von den Rücken von Pooh und Piglet, Ferkel fragt "Is Trump still President?" und Pooh sagt "Yes" und Piglet sagt "Fuck!"  Oooooh.

Ich sehe Fotos von Eleonore an Stränden in Afrika, die immer schöner sind als die schönsten Fototapeten in Europa, und dann meine alte Schulfreundin Biene. Gerade war sie doch noch bei ihrer Tochter in Chile und jetzt sieht man sie in den Tuilerien mit Sohn und Kleinkind, die klassische Transit-Oma. Und da, NEIN! Kann es sein? Bienes Mutter. Frau Bruhns! Es sind Geburtstagsfotos, und nicht von Bienes Geburtstag. Frau Bruhns ist 94 Jahre alt geworden!

Jetzt, wo ich manchmal denke, ich bin schon ein wenig auf dem Weg nach draußen, sitzt Frau Bruhns, die ich gefühlt mein ganzes Leben kenne, mittenmang auf Facebook, mit diesem ein wenig amüsierten Lächeln, mit dem sie mich schon ansah, als ich noch ganz jung war, und wo sie, sagen wir, schon nicht mehr so jung schien. Und oft nicht lächelte, weil sie eher kränklich war. Nicht selten kam man zu Biene, und sie sagte: "Pssst, meine Mutter". Dann schlich man durchs Haus. Frau Bruhns lag mit ihrer Migräne im abgedunkelten Zimmer.

Einmal erzählte sie uns von ihren Schrottzähnen, sie hatte im Krieg so gehungert, dass die Zähne am Ende des Krieges und der Flucht und nach dem schrecklichen Winter vollkommen ausgezehrt waren. Drei Kinder. Ein süßer Sohn, hochbegabt, ein virtuoser Pianist, er erkrankte dann schwer. Eines war behindert. Trisomie. Und natürlich meine taffe Freundin, die das schwere Baby auf der Hüfte herumschleppte, wenn es ihrer Mutter schlecht ging. Jetzt also Biene, immer noch klein und oho, neben ihrer Mutter, und die ist jetzt 94 Jahre alt!

 

Ich musste einfach da hin. Es war, als wäre es eine letzte Gelegenheit, in die Vergangenheit zurückzurauschen, mit der Vorstellung, Frau Bruhns würde "Hallo Susi" zu mir sagen, in ihrem freundlichen Singsang.

Sie stand da, an der Tür ihres Altersheims, und sagte: "Hallo Susi!"  Eine hohe Gestalt. Weißes Jäckchen mit Puschelrand, sehr Chanel. Ich sagte: "Hallo Frau Bruhns", und in mir sagte etwas: "Hallo Vergangenheit!" Alles hatte ich wieder vor den Augen, also innerlich, das Haus im Cocktail-Stil der sechziger Jahre, mit der modischen Durchreiche von der Resopal-Küche in die Essecke. Das Gekicher nachts, wenn ich bei Biene übernachten durfte, auf einer Matratze am Boden, und wir uns im Dunkeln alles, alles, alles gestanden. Das heimliche Schminken, wenn ihre Mutter mit ihrem Mann ausgegangen war, der ein großer Wissenschaftler war. Dann stürmten wir das Badezimmer, wo Lidschatten und die Wimperntusche noch herumlagen und experimentierten mit verwegenen Farbaufträgen, schon weil es das alles bei mir zu Hause nicht gab, da mein Vater meiner Mutter beigebracht hatte, dass eine deutsche Frau sich nicht schminkt. Ein Erziehungsprogramm, das bei ihr voll wirkte, weshalb ich noch viel lieber bei Biene war. Ich war bei Bruhns' wie Kind im Haus. "Keine Feier ohne Mayer", pflegte ihr Vater zu sagen. Und jetzt, ein halbes Jahrhundert später vor ihrer Mutter stehend, war es wieder wie damals. Ich sagte "Frau Bruhns" und  "Sie", und sie sagte: " Susi" und "Du". Lidschatten heute: perlmutt.

Ausblick in ein Wolkenkuckucksheim

Frau Bruhns lebt heute in einer sanft geschwungenen Landschaft in Norddeutschland in einem Städtchen in dem schönsten Altersheim, in dem ich je war. Nur zwanzig Minuten von Biene entfernt, sagt sie. Sie springe in ihr Auto und schon sei sie da, bei ihrer Tochter, da sei immer was los. Die Seniorenresidenz hat die Atmosphäre eines kleinen feinen Hotels. Im Restaurant wird der Zander empfohlen, sehr zu Recht. Ihr Zimmer ist voller Charme, gleich zwei kleine Balkone, von vielen Bildern gucken mich viele Leute an, die ich seit meiner Kindheit kenne. Frau Bruhns Eltern und ihr Mann. Ihre Schwester, deren Mann. Alle schon tot. Der Sohn und seine neue Frau, die auch schon tot ist, und meine Freundin mit Mann und die vielen Kinder, die ich alle kaum kenne, und von denen viele schon viele Kinder bekommen haben, die ich gar nicht kenne. Ein Raum voller Gesichter. Es kommt viel Besuch. Gerade war eine Enkelin da, studiert irgendwo in der Welt, kommt aber oft, dann quatschen sie und nach dem Essen halten sie ein Mittagsschläfchen. Tini, höre ich, krieche dann einfach zu ihrer Oma mit ins Bett. Schnorcheln.

Vom Zimmer aus sieht man über die Wipfel eines Waldes, was mich daran erinnert, dass wir da, wo wir früher alle wohnten, auch über einen Wald schauten. Es ist ein wenig so, als hätte der Tag eine Biege genommen und wir rauschten mal schnell an unseren alten Leben vorbei. Frau Bruhns sagt, wie gerne sie über diese Baumwipfel sieht, und ich denke an meine Mutter, die zuletzt auch in einem Seniorenheim wohnte, am Rhein, sie hatte nur ein Zimmer auf der Nicht-Fluss-Seite ergattert. Ich war entsetzt gewesen. Der Gedanke, man zieht für diese letzte kleine Strecke an ein Flussufer und guckt dann zur falschen Seite auf Mietskästen. Aber meine Mutter erzählte, wenn wir telefonierten, immer von ihrem Lieblingssessel aus, der so niedrig war, dass der Blick dann durch das Fenster nach oben ging, in den Himmel hinein. Da saß sie viele Stunden jeden Tag und beobachtete die Wolken, wie sie vorbeizogen und vielleicht ist das gar keine schlechte Perspektive, auf dieser letzten Strecke, der Ausblick in ein Wolkenkuckucksheim.

Meine Mutter ist seit mehr als zehn Jahren tot. Tot ist auch Frau Bruhns Schwägerin Amelie, die für meine Freundin so etwas wie eine zweite Mutter gewesen war, nach einer Alpenwanderung kam sie nach Hause und fiel um. Frau Bruhns sagt, in ihrer immer noch so witzig nüchternen Art: "Immer pummelgesund, Amelie – und dann – tot." Vor einigen Tagen ist der Mann ihrer Schwester gestorben, die ihrerseits schon mit 50 starb, ihr Schwager ist dann Jahre später auch in dieses Altersheim gezogen, an diesen schönen Ort in der Heide, und nun ist auch er tot. Es ist der einzige Moment in unserem Gespräch, in dem ihre Stimme zittert. Es sei noch sehr ungewohnt, sagt sie. Ihn nicht mehr an das Mittagessen erinnern zu müssen. Gerade noch war er da, in seinem Zimmer, und trieb die Ahnengalerie der Familie beharrlich in die Vergangenheit zurück, bis zum Dreißigjährigen Krieg und darüber hinaus, und jetzt die Zukunft ohne ihn.

"Mit 24 Stunden kommt man im Alter nicht mehr aus"

Aber wir sitzen nach dem Essen zusammen mit Frau Peters, einer ehemaligen Krankenschwesteroberin, 89 Jahre alt, und Herrn Dr. Hirsch, 87 Jahre alt. Die beiden wirken wie Frau Bruhns enorm frisch, geradezu anregend. Dr. Hirsch geht das alles, also das Alter, systematisch an. Jeden Morgen, 7 Uhr: Bewegungsbad. Dann strammes Spazierengehen. Mit seiner Frau, die vor neun Jahren starb, hat er ganz Ischia durchwandert. Den Ostseewanderweg bis nach Swinemünde. Als er in dieses Altersheim zog, marschierte er zwei Stunden jeden Tag, jetzt ist es nur noch eine Stunde.

Man werde ja so langsam. Hirsch, der Jahrzehnte jeden Morgen um acht an seinem Arbeitsplatz war, spottet ein wenig, heute schaffe er gerade mal um zehn den Bus in die Stadt. Vorher mit Glück etwas frühstücken. Frau Peters sagt: "Der Tag ist eben zu kurz. Mit 24 Stunden kommt man im Alter nicht mehr aus."

Das Gefühl, als säße man Veteranen gegenüber, die als Vorhut schwieriges Terrain erkundet haben. Frau Peters, die mal als Oberschwester lange Krankenhausgänge runterfegte, hat heute eine Balancestörung. Sie winkt ab. Kann man mit umgehen. Was will man fragen, was darf man fragen? Ich frage, wie alt sie werden wollen. Ihre Hände zittern. Sie sagt, also 100, das sei dann doch wohl zu viel. Herr Hirsch sagt, er habe ja schon ein Grab und darauf einen Stein, den er mit seiner Frau ausgesucht habe, darauf stehe schon sein Name, nur das Todesjahr fehle eben noch. Frau Peters druckst ein wenig rum, und gesteht, sie habe sich ein letztes Kleid gekauft. Darf man fragen, wie es aussieht? Klar! Oben Schalkragen. Sie sagt: "Und weiß natürlich, wie es sich gehört."

Einige der Alten, sagt Frau Bruhns, liegen ja nur noch, sie können weder sehen noch hören. Also wenn man am Leben nicht mehr teilnehmen kann? In kürzester Zeit sind drei ihrer Nachbarn gestorben. Und eine, die zehn Jahre jünger ist, ist weniger fit als sie, die ein ganzes Leben lang kränkelte, und der es jetzt so gut geht. Wie gut? So gut wie noch nie!

Sie sagt, wie schön es sei, alleine zu leben. Jahre liegen hinter ihr, in denen sie funktionieren musste, die Kinder, der Mann, auch er dann schwer erkrankt. Parkinson. Immer durchhalten müssen, und jetzt dieses Gefühl der Freiheit. Es gibt Tage, an denen sie es sich schenkt, zum Frühstück runterzugehen, und nur genießt, alleine in ihrem schönen Zimmer zu sein. Fühle mich verjüngt, auf meinem Heimweg in die Stadt.

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