Brad Pitt Das wäre doch nicht nötig gewesen

© Geoffroy van der Hasselt/Getty Images

Selbstredend sind wir jedes Mal entzückt, wenn nicht bloß Ai Weiwei sein minutenlanges Schweigen bricht, sondern sich eine andere Berühmtheit in der Öffentlichkeit zurückmeldet, die lange Zeit nichts gesagt hat. In unserem von der Dürftigkeit des Zufalls eingeengten Leben erweitert nämlich jedes Wort einer VIP unseren Horizont noch stärker als die Reisebüroposter von St. Moritz und Honolulu, die bei uns im Keller hängen.

Deswegen haben wir genau hingehört, als Brad Pitt dem amerikanischen Magazin GQ ein langes Interview gegeben hat. Wir haben hier geocht und da gehacht und sogar "Donnerwetter" gerufen, zum Beispiel als Pitt bekannte: "Ich habe die saubersten Harnwege in ganz Los Angeles." Zwar ist uns bis jetzt noch ein wenig unklar, was wir wissen, wenn wir das wissen, aber Los Angeles, das können wir aus der Ferne anerkennend sagen, ist eine große Stadt. 

Allerdings hat ein derart geläutertes Innenleben seinen Preis: Pitt habe nur noch Sprudelwasser und Cranberrysaft getrunken, dessen Geschmack ja höchstens forensisch zu ermitteln ist, dazu habe er mit Gips und Holz gebastelt. Und allein der Gedanke daran löst einen gewissen Trotz aus, weil es doch Leute wie Brad Pitt oder auch Cate Blanchett sind, denen überhaupt das Recht auf selige Verwahrlosung zustünde. Ihre Körper mussten in Hollywood doch lang genug eine Kirche sein, jetzt könnte es dort verdientermaßen aussehen wie auf einem Autohof an der A27. Chipskrümel rieseln aus den Poren, die Mortadella liegt zwischen den Laken, im Fernsehen läuft Sharknado. Und über all dem schwebt der Zauber zweckfreier Langeweile von Menschen, die statt nun die Heilkraft der Handarbeit zu loben, einfach tagelang Luftpolsterfolie zerdrücken könnten. Und die Tage und Wochen und Jahre vergingen im Gesummse, also in tiefer Ruhe, die kein Ernährungsplan und keine Selfies mit Frischundgesundbrühe je stören könnten. 

Und ist das nicht das goldene Privileg der echten Hochprominenz, weswegen wir sie ehrlich gesagt so bewundern? Weil sie das leben kann, wovon wir zukünftigen Lotterierentner nur träumen, da uns keine sozial akzeptierten Verlotterungsoptionen zustehen: Wir müssen sogar beschämt unsere Netflix-Exzesse als Versuche hinbiegen, kulturell Anschluss halten zu wollen.

Lichtgestalten wie Brad Pitt müssten darob doch jeden Tag in knallvergnügter Kreuzfahrtstimmung erwachen. Stattdessen schwärmen sie nun von grünem Tee und besenreiner Harnröhre, von der Welt als stählernem Gehäuse, als seien sie wie wir. Als hätten sie das nötig. Wir weigern uns fest, das zu akzeptieren und werden ab sofort beleidigt über Brad Pitt schweigen. Mindestens für ein paar Minuten.

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