Gesellschaftskritik Eine Idee zum Wegwerfen

© Chanel

In den sozialen Medien erfährt der neue Chanel-Bumerang für knapp 2.000 Dollar ein geteiltes Echo. Die einen haben noch nie etwas Schöneres weggeworfen. Die anderen sehen darin eine Ausbeutung der Kultur der Aborigenes. Wir haben unsere Kontakte spielen lassen und rekonstruiert, wie die Idee zustande kam. An einem Mittwochmorgen im Chanel-Hauptquartier in Neuilly-sur-Seine …

 

CEO: "Immer nur Handtaschen? Leute, wir brauchen mal was Neues. Was Verrücktes!"

Designerin (verdreht die Augen): "Mmh!"

Stratege: "Sportlich und cool wäre gut, damit erreichen wir neue Käuferschichten."

CEO: "Also irgendwas mit Golf. Oder fällt euch noch ein anderer Sport ein?"

Stratege: "Tennis!"

CEO: "Hatten wir schon. Beachpaddle auch, grandioser Erfolg."

Designerin: "Polo?"

CEO: "Ich habe eine Rosshaarallergie! Außerdem will ich was mit Karma, da glaub ich nämlich dran, seitdem ich neulich dieses Buchgelesen habe. Darin steht: Alles kommt zu dir zurück. Tolle Weisheit!"

Designerin: "Wir könnten eine Handtasche entwerfen, und 'Wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus' auf die Innenseite sticken. Genug Karma?"

CEO: "Keine Handtaschen, mince alors!"

Designerin: "Wie wäre es mit einem Traumfänger?"

CEO: "Zu hippiesk. Und hundsgefährlich. Ich bin mal mit meinem rechten Ohr in einem hängen geblieben. Aber ethno ist ein gutes Stichwort, das hat was Menschliches."

Stratege: "Toll! Wir sind ja alle Menschen. Unsere Kunden auch. Wobei unsere letzte Marktanalyse gezeigt hat, dass die meisten von ihnen weiß sind. Und reich. Wir sollten uns auch mal in Richtung Minderheiten orientieren."

CEO: "Daraus lässt sich was machen. Delphine, fassen Sie zusammen."

Sekretärin: "Natürlich. Etwas Neues, Sportliches. Design: ethno. Zielgruppe: Menschen. Ein Produkt, das über sich hinausweist. Karma statt unreflektierten Konsums. Der Kunde soll etwas zurückbekommen."

CEO: "Sie haben es gehört, lassen Sie sich was einfallen."

(48 Stunden später)

CEO: "So, was haben wir?"

Designerin: "Die Karmakollektion. Die Rohstoffe stammen zu 100 % aus fairem Handel und wurden unter fairen Bedingungen produziert. Die Näherinnen genießen Kündigungsschutz und wenn eine von ihnen schwanger …"

CEO:"Next."

Stratege: "Waffen, die sind sportlich und cool. In instabilen Zeiten sollte jeder das Recht auf ein Kleinkalibergewehr haben, das gut aussieht. Ich denke da vor allem an Avantgardisten, die in noch nicht gentrifizierten Stadtteilen leben."

CEO: "Guter Ansatz, weiter!"

Stratege: "Ich schlage vor, wir kooperieren mit den Deutschen, die bauen ja nicht nur gute Autos."

CEO: "Wir haben genug deutschen Einfluss bei Chanel. Was ist mit den Japanern?"

Stratege: "Dass ich da nicht selber drauf gekommen bin: Nunchakus! So was von ethno."

CEO:"Next."

Stratege: "Katanas? Sais? Bos? Turtles? Chef?"

CEO:"Silence! Verdammt, eben hatte ich eine Idee. Jetzt ist sie weg."

Stratege: "Denken Sie an was anderes, Chef, mir hilft das immer."

CEO: "Das ist es! Sport, Waffe, ethno, minimales Design: ein Bumerang! Delphine, schicken Sie Karl in mein Büro, aber toute de suite."

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