Eltern-Kind-Entfremdung Als wären sie nie da gewesen

Laut Statistischem Bundesamt sind knapp zehn Prozent der entsorgten Elternteile in Deutschland Mütter. Sie schämen sich dafür, ihr Sorgerecht oder gar das Umgangsrecht verloren zu haben, häufig ziehen sie deshalb in eine andere Stadt, um Boden unter den Füßen zu gewinnen, ehe sie sich erneut dem Kampf um ihre Kinder widmen. Laut Familienrechtler Jürgen Rudolph betreiben Väter, die die Mütter ihrer Kinder loswerden wollen, Entfremdung zielgerichteter und aggressiver als Frauen. Zum Teil so, dass Kinder reagieren, wie es auch von Boch-Galhau häufig in seiner Würzburger Praxis erlebt: "Das Verhalten solcher Kinder ist fanatisch geprägt, sie sagen Dinge wie: 'Ich wünsche mir Mama auf den Elektrostuhl' oder 'Meine Mutter ist eine Bedrohung für die Menschheit. Mama ist eine Hexe'."

Ähnlich war es bei Sarah Berninger*, 39, Multimedia-Beraterin aus Rosenheim. Eine zierliche, eher stille Person mit grünen Augen und brünettem Haar, die sich von ihrem Mann ausbooten ließ, wie sie sagt. Sie hat quasi dabei zugesehen, als ihre Kinder, Ben (16) und Jule (15), ihr entfremdet wurden.

"Ich hatte in eine Familie mit gewissem Wohlstand eingeheiratet. Meine Eltern sind Arbeiter. Ich habe mit 20 geheiratet, ohne Ausbildung. Und fühlte mich seither klein. Alles, was ich hatte, gehörte ihnen."

Sarah Berninger weiß nicht mehr, was zuerst da war: seine Nörgeleien oder ihre sexuelle Verweigerung. Das eine bedingte wahrscheinlich das andere. "Als mein Ex-Mann sich in eine andere Frau verliebte, war mir das vollkommen egal. Und auch er wollte mich eigentlich nur noch loswerden. Er begann, mich wie eine Putzfrau zu behandeln. Vor unseren Kindern nannte er mich eine Null, eine Flasche, eine Versagerin", sagt sie. Seine Eltern stimmten in die Beschimpfungen mit ein. So wurde Sarah Berninger aus ihrer eigenen Familie gemobbt. "Irgendwann wendeten sich auch meine Kinder gegen mich. Ich war offensichtlich die Schwächere."

Die Kinder fingen an, seine Worte zu wiederholen: "Papa gehört alles, dir nichts." Sie verloren langsam jeden Respekt vor ihrer Mutter. "Er hatte ihnen immer wieder gesagt: 'Wir brauchen Mama nicht mehr.' Dreimal bin ich ausgezogen. Und immer wieder zurückgekommen. Wegen der Kinder."

Man geht davon aus, dass sehr viel passieren müsste, damit einer Mutter das Kind weggenommen wird.

Und schließlich kam jener Tag, an dem alles eskalierte:

"Als meine 13-jährige Tochter mich in einem Streit 'Nutte' nannte, gab ich ihr eine Ohrfeige", erzählt Sarah Berninger. Ihr Mann filmte die Ohrfeige – nicht zufällig, wie sie heute vermutet – mit dem Handy und rief die Polizei. Berninger musste binnen 24 Stunden das Haus verlassen. Die Beamten bezogen sich auf das Gewaltschutzgesetz nach § 1361b BGB: sofortiges Betretungsverbot der ehelichen Wohnung.

"Ich habe damals die Ohrfeige beim Jugendamt geleugnet – und damit meine Glaubwürdigkeit verspielt. Zwei Jahre lang habe ich meine Kinder überhaupt nicht sehen dürfen."

Danach hatte Berninger ein begleitetes Umgangsrecht, immer unter Aufsicht, zeitlich streng begrenzt. Inzwischen hat sie ein 14-tägiges Besuchsrecht. "Ich habe in allen Punkten nachgegeben", sagt sie. Mit etwas Abstand hat sie erkannt, wie sehr ihr Mann die Kinder als Werkzeug für ihre Entsorgung benutzte. "Meine Kinder haben nicht die Kraft, sich von ihrem Vater zu emanzipieren. Er setzt sie wahnsinnig unter Druck", glaubt Berninger.

Kinder seien nun mal so, sagt sie. Korrumpierbar. Berninger hofft, dass sie irgendwann alt genug sind, um zu verstehen, was passiert ist.

Seit zwei Jahren hat Berninger mit einem neuen Mann ein weiteres Kind. Anders, sagt sie, hätte sie die Trennung von ihren Kindern nicht verkraften können. "Die wichtigsten Jahre als Mutter hat er mir genommen."

Auch Oliver Zimmermann aus Köln befürchtet, dass die Erinnerungen seiner Kinder an ihn als Vater immer mehr verblassen, wie bei jemandem, der gestorben ist. Zuerst vergisst man seine Augen. Und am Ende kann man sich nicht einmal mehr an sein Lachen erinnern.

Zimmermann hat sich vorgenommen, nun nicht mehr auf die Brücke zu gehen. Er will versuchen, sich jetzt besser um sich selbst zu kümmern. Und dennoch lässt ihn diese eine Erinnerung nicht ganz los: Damals, das eine Mal, als er seine Tochter zusammen mit seiner Ex-Frau im Café getroffen hatte, fragte er sie, warum sie den ganzen Wahnsinn überhaupt mitmache. Seine Tochter weinte. Sie wusste keine Antwort.

* Anmerkung der Redaktion: Zum Schutz der Privatsphäre wurden die Namen der Personen geändert.

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