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Altersunterschied "Der Fall Macron ist sehr ungewöhnlich"

Manche Paare sind alles andere als stereotyp: Der klinische Sexualpsychologe Christoph Joseph Ahlers erklärt die Vorzüge und Probleme von Beziehungen mit großem Altersunterschied. Ein Interview von

ZEITmagazin ONLINE: Herr Ahlers, den zukünftigen französischen Präsidenten Emmanuel Macron und seine Frau Brigitte trennen knapp 25 Jahre, was lange als anrüchig galt. Signalisiert er damit als Politiker aber nicht: Ich bin beständig, agiere gleichzeitig aber auch unkonventionell?

Christoph Ahlers: Ich empfinde es grundsätzlich als unangemessen, das Privatleben von Politikern in der Öffentlichkeit breitzutreten. Herr Macron kann heiraten wen er will. Dennoch muss ich sagen: Auf mich persönlich wirkt diese Beziehungskonstellation exakt so, wie Sie es gerade beschrieben haben. Ich erlebe Macron als jemanden, der geerdet ist und für Beständigkeit und Festigkeit steht. Die Beziehung zu seiner Frau Brigitte hat ihm mit Sicherheit viel Gegenwind eingebracht. Diesen Gegenwind zu ertragen und damit zu leben, ist für mich ein Ausweis von Persönlichkeitsstärke.

ZEITmagazin ONLINE: Ist es nicht auch bemerkenswert, dass Macron als Teenager zu seiner zukünftigen Frau, die damals seine Lehrerin war, gesagt haben soll: "Ich komme zurück und werde dich heiraten"?

Ahlers: Dieses klassische Romeo-und-Julia-Motiv ist nicht so ungewöhnlich. Es gibt dieses Phänomen, dass sich Schüler in Lehrerinnen verlieben und umgekehrt, und für kurze Zeit in eine Beziehung zueinander treten. Aber der Fall Macron ist sehr ungewöhnlich: Eine erheblich ältere Frau geht mit einem erheblich jüngeren Mann, und jetzt kommt das Entscheidende, über einen langen Zeitraum eine feste Partnerschaft ein. 

ZEITmagazin ONLINE: Lange Partnerschaften scheinen grundsätzlich seltener zu werden. Woran liegt das? In Städten wie Berlin hat man oftmals den Eindruck, dass junge Männer nicht erwachsen werden wollen, sondern in der Party-Blase stecken bleiben.

Christoph Joseph Ahlers © Urban Zintel

Ahlers: Nach allem, was ich in meiner klinischen Erfahrung mitbekomme, kann ich diesen Eindruck teilen. Es ist in der Tat so, dass diese verlängerte Jugend vor allem in den Großstädten stattfindet und man um jeden Preis einen Eintritt in eine wie auch immer geartete, situierte Erwachsenenwelt vermeiden will. Einer jungen Frau, die Sicherheit sucht, reicht so ein Mann oftmals nicht aus. Dazu kommt: Gerade jungen Menschen fällt es heute schwerer, sich verbindlich einzulassen und eine Beziehung als Lebensaufgabe zu begreifen. Es werden stattdessen konsumatorische Beziehungen geführt, die genau so lange halten, wie sie komfortabel sind und in einer Kosten-Nutzen-Rechnung positiv bilanzieren.

ZEITmagazin ONLINE: Hat diese Art der Beziehung noch mit Liebe zu tun?

Ahlers: Liebe ist ein schöngeistiger Begriff. Bindungsmotive erstrecken sich zwischen zwei Polen. Zum einen die Defizitkompensation: Ich will mit jemanden zusammen sein, um mich nicht zu langweilen, mit ihm in Urlaub fahren, Sex haben und nicht alleine auf Partys gehen zu müssen. Zum anderen gibt es wachstumsorientierte Motive, das heißt, ich möchte mich mit jemandem weiterentwickeln, mich inspirieren, möchte jemanden unterstützen und fördern. Bei den meisten Menschen ist es eine Mischung aus beidem. Ob und in wie weit dann auch noch Liebe hinzukommt, steht auf einem anderen Blatt.

ZEITmagazin ONLINE: Sie arbeiten als Sexual- und Paartherapeut in Berlin. Kommen öfters Paare mit großem Altersunterschied zu Ihnen in die Praxis?

Ahlers: Das ist eher die Ausnahme, kommt aber vor. Dabei gibt es meist die zu erwartende Konstellation junge Frau mit älterem Mann. Sexuell attraktive Frauen wählen selten arme, randständige, unattraktive Partner, sondern in der Regel Männer mit Macht und finanziellen Möglichkeiten. Das Aussehen scheint da erst mal zweitrangig.

ZEITmagazin ONLINE: Was kann ein jüngerer Partner in eine Beziehung einbringen, an dem auch der ältere wachsen kann?

Ahlers: Energie, Aufgeschlossenheit, Flexibilität, Wachheit und Neugier.  

ZEITmagazin ONLINE: Das heißt, ein jüngerer Partner oder eine jüngere Partnerin hilft dem älteren dabei, aus tradierten Mustern auszubrechen?

Ahlers: Genau. Im zunehmenden Lebensalter tendieren wir zur Verholzung. Es bilden sich Routinen, Gewohnheiten, starre Abläufe. Das alles hat auch etwas für sich und strukturiert das Leben, geschieht aber häufig um den Preis, dass Flexibilität und Aufgeschlossenheit dem Neuen gegenüber immer weiter abnehmen. Durch den jüngeren Partner kommt man mit neuen Menschen, neuer Musik oder auch neuen Medien in Kontakt. Das erleben ältere Menschen häufig als eine Art Jungbrunnen.

ZEITmagazin ONLINE: Sie wollen sich selbst durch den anderen verjüngen?

Ahlers: Das Faust’sche Dilemma, noch einmal zu schauen, was geht, noch einmal alles ausleben können, bevor es dem Ende zugeht, ist der Kernkonflikt der sogenannten Lebensmitte-Krise. Daher stammt auch die häufige Verzweiflung hinter der Partnersuche in diesem Alter.

ZEITmagazin ONLINE: In Ihrem Buch Himmel auf Erden beschreiben sie das sogenannte Sugar-Partnering. Ein älterer Partner, meist der Mann, bietet Geld, Status und Macht, der oder die jüngere Jugend und Vitalität. Haben Sie solche Paarkonstellationen auch in Ihrer Praxis?

Ahlers: Ja, in der Tat. Ich habe festgestellt, dass in der Konstellation von älterem Mann und jüngerer Frau, vor allem vom Mann stereotype Fragen gestellt werden: "Wie kann ich meine sexuelle Leistungsfähigkeit steigern, um den jungen Frauen gerecht zu werden? Woran kann ich erkennen, ob eine Frau einen Orgasmus vorspielt? Wie merke ich, ob die Frau mich wirklich liebt?" Diese Männer lassen sich meist beraten, ohne dass ihre jüngeren Partnerinnen davon wissen. Fast alle greifen auf Viagra oder ähnliche Präparate zurück.

ZEITmagazin ONLINE: Was raten Sie diesen Männern?

Ahlers: Generell erteile ich weniger Ratschläge. Ich gehe allenfalls mit ihnen zu Rate und frage, worunter sie leiden, worum es Ihnen geht und was sie eigentlich wollen? Oftmals stellt sich heraus, diese Männer möchten noch mal 20 sein – was kein realistisches Therapieziel darstellt. Eine Beziehung mit größerem Altersunterschied funktioniert nur, wenn man sein reales Lebensalter anerkennt und als Ressource begreift. Andernfalls macht man sich älter, als man ist, und verspielt genau die Credits, die junge Frauen bei älteren Männern suchen: die bereits angesprochene Souveränität, Selbstsicherheit, Erfahrenheit und Dominanz.

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