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"Polizeiruf 110"-Kritikerspiegel Die Liebe wohnt im krummen Wald

In der Uckermärker Tristesse tritt die alleinerziehende Vollzeitkommissarin gegen das polnische Familienmodell an. Das ist fast spannender als der ganze "Polizeiruf".

Mitten in der Nacht werden Kriminalhauptkommissarin Olga Lenski (Maria Simon) und Kriminalhauptkommissar Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) ins deutsch-polnische Kommissariat in Swiecko gerufen. In der Nähe von Szczecin wurde eine männliche Leiche in einem Wald gefunden. Zeugen berichten von einem Auto mit deutschem Kennzeichen am Tatort. Die beiden Kommissare müssen auf beiden Seiten der Grenze ermitteln und kommen einer Erpressung auf die Spur.

1. Worüber werden am Montag alle reden?

Christian Buß: Über die Ermittlerinnen von heute: Olga Lenski fährt mit kleiner Tochter im Maxi-Cosi auf der Rückbank zu blutgetränkten Tatorten und Witwen von Mordopfern vor. Ist das lässig oder nachlässig?

Lars-Christian Daniels: Vielleicht über schlimme Muttertagsgeschenke oder die Tatsache, dass man den Anruf bei Mama mal wieder verschwitzt hat – aber wohl kaum über diesen enttäuschenden Polizeiruf.

Matthias Dell: Über den krummen Wald.

Kirstin Lopau: Wie weit geht mütterliche Liebe und wo hört sie auf ? Und wird da nicht irgendwann mal was laufen zwischen Kommissarin Lenski und ihrem verheirateten Kollegen Raczek?

 

2. Was haben Sie aus diesem "Polizeiruf" gelernt?

Christian Buß: Polen sind Machos. Der Kollege Adam Raczek schaut jedenfalls ziemlich genervt auf die ewig mit ihrer kleinen Tochter auflaufenden Kollegin Olga Lenski herab, während er stolz berichtet, dass Kindererziehung bei ihm zu Hause Sache seiner Frau ist.

Lars-Christian Daniels: Schön ist es in der Uckermark – zumindest, wenn man ein bisschen raus aufs Land fährt. In den Dörfern hingegen: leer stehende Häuser, blutige Beziehungsdramen und endlose Tristesse. Nur keine Jobs.

Matthias Dell: Dass es den krummen Wald gibt.

Kirstin Lopau: Nachts sind alle Autos blau. Außerdem lernen wir, dass die Kommissarin Lenski "irgendwie anders" ist, da sie ihre Tochter nachts um drei mit zum Revier bringt, weil kein Babysitter da ist. Und wir sehen, dass es sehr viele Vögel in Brandenburg gibt.


3. Welche Frage bleibt offen?

Christian Buß: Haben konservative Polen tatsächlich die besseren Familienmodelle? Im Gegensatz zu den alleinerziehenden deutschen Müttern, die in diesem Polizeiruf erstaunliche Dinge tun, gibt es auf der anderen Seite der Grenze jedenfalls starke, verlässliche soziale Bünde.

Lars-Christian Daniels: Sagen junge Erwachsene heutzutage zu ihren Muttis wirklich "Mutti"?

Matthias Dell: Was ist das für ein Phänomen – der krumme Wald?

Kirstin Lopau: Wird Enrico jemals wieder mit seiner Mutter sprechen?

 

4. Welche Rolle hätte man besser besetzen sollen? Und mit wem?

Christian Buß: Die aufgebrachten Mütter sind alle super dargestellt, die Teenager wirken dagegen ein bisschen blass.

Lars-Christian Daniels: Kommissartöchterchen Alma bitte gleich dauerhaft bei Freunden und Verwandten einquartieren: Ähnliche Experimente sind schließlich schon im Tatort aus Hannover und Ludwigshafen schrecklich schiefgegangen. Wir erinnern uns: Im Jahr 2006 schrieb der NDR Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) eine Schwangerschaft in die Drehbücher, was den Krimis aus Niedersachsen alles andere als gut getan hat. Noch nervtötender ist da nur die Ludwigshafener Vollzeitmami und Fallanalytikerin Johanna Stern (Lisa Bitter), die im Tatort Babbeldasch zuletzt ihre kranken Zwillinge mit ins Büro schleppte.

Matthias Dell: Keine, gutes Casting.

Kirstin Lopau: Keine. Besonders gut besetzt ist Ulrike Krumbiegel als Mutter Heidi Schoppe.

 

5. Von welcher Szene werden Sie träumen?

Christian Buß: Von dem wirklich existierenden "krummen Wald" mit seinen rund 100 pittoresk verwachsenen Kiefern, in denen die Opfer Liebe gemacht hatten, bevor sie ermordet wurden. Erotik der düstersten Sorte.

Lars-Christian Daniels: Von den beiden Wasserschildkröten im Aquarium, die hatten so was Beruhigendes. Selbst durch minutenlanges Zoffen und Krakeelen von "Mutti" und Sohnemann nicht aus der Ruhe zu bringen.

Matthias Dell: Dem Eintreffen des SEK – wie nebenbei werden dem jungen Delinquenten die Fluchtwege abgeschnitten.

Kirstin Lopau: Von der mütterlichen Verzweiflung und dem inneren Kampf von Heidi Schoppe.

 

6. Von 0 (super spannend) bis 10 (schon um halb neun eingeschlafen): Wie viele goldene Schlafmützen bekommt dieser "Polizeiruf 110"?

Christian Buß: 3 Schlafmützen 😴😴😴

Lars-Christian Daniels: 7 Schlafmützen 😴😴😴😴😴😴😴

Matthias Dell: 3 Schlafmützen 😴😴😴

Kirstin Lopau: 5 Schlafmützen  😴😴😴😴😴

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