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"Polizeiruf"-Kritikerspiegel Da ist noch Luft in der Gruft

Dass alte Menschen in Pflegeheimen wie Schlachtvieh behandelt werden, schockiert niemanden. Wenn aber seltsame Morde geschehen, kann daraus ein guter Krimi werden.

Gerade als Kriminalhauptkommissar Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) in den Feierabend gehen will, taucht eine verwirrte 80-jährige Frau bei ihm auf, die einen Mord beobachtet haben will. Seine Ermittlungen führen den Kommissar in ein Münchner Altenheim – und in eine Nachtschicht, die er so schnell nicht vergessen wird.


1. Worüber werden am Montag alle reden?

Christian Buß: Über die Frage, was unsere Eltern und Großeltern wohl gerade im Pflegeheim machen. Dieser Krimi über den Pflegenotstand wühlt auf.

Lars-Christian Daniels: "Wann haben wir eigentlich das letzte Mal Oma im Altersheim besucht?" – eine Frage, die man an diesem Montag sehr viel häufiger hören dürfte als an anderen Montagen.

Matthias Dell: Über Pflegezusatzversicherungen.

Kirstin Lopau: Wie man es vermeiden kann, seinen Lebensabend in einem Altersheim verbringen zu müssen: Niemals zum "Wickelbubi" werden, niemals in ein Heim kommen!

 

2. Was haben Sie aus diesem "Polizeiruf" gelernt?

Christian Buß: Auf dem Weg vom Polizeirevier zum Pflegeheim hören der Meuffels und die Alte im Auto Thelonius Monks Pannonica. Der Kommissar erzählt von der Baronin Pannonica de Koenigswarter und ihrer außergewöhnlichen Freundschaft zu dem Jazz-Genie, das zur Bewältigung seines Lebens Unterstützung brauchte.

Lars-Christian Daniels: Altersvorsorge: ganz wichtig. Ganz ganz wichtig.

Matthias Dell: Dass Pannonica de Koenigswarter eine Mäzenin des Jazz war und Fan von Theolonius Monk.

Kirstin Lopau: Dass von Meuffels sowohl als Mann als auch als Mensch große Klasse besitzt: Er kümmert sich geduldig und liebevoll um eine demente Frau und einen kleinen Jungen. Ansonsten werden alle Vorurteile zum Thema Altenpflege ziemlich anschaulich und niederschmetternd bedient und man kann sich der Forderung eines Heimbewohners nur anschließen, dass man aufhören solle, "alte Menschen wie Schlachtvieh zu behandeln".


3. Welche Frage bleibt offen?

Christian Buß: Was tun gegen den Pflegenotstand?

Lars-Christian Daniels: Wer versorgt eigentlich Hanns von Meuffels, wenn der mal alt ist? Andererseits: Vielleicht wird er das ja gar nicht. Schließlich hat der Hauptdarsteller Matthias Brandt ja im vergangenen Januar seinen geplanten Abschied aus der Krimireihe publik gemacht.

Matthias Dell: Wo hatte Frau Strauß ihren falschen Fuffziger her?

Kirstin Lopau: Was wird aus Marija Abramovich?

 

4. Welche Rolle hätte man besser besetzen sollen? Und mit wem?

Christian Buß: Top gespielt, vor allem von den alten Darstellern, die ihre siechen Figuren als eigene Charaktere zur Geltung bringen.

Lars-Christian Daniels: Keine. Durch die Bank überzeugend gespielt.

Matthias Dell: Die von Philipp Moog – mit Pierre Franck. Als kleinen Ausgleich bei den Derrick-Hommagen des Münchner Polizeirufs, wo Moog ja nun schon zum zweiten Mal mit von der Partie ist.

Kirstin Lopau: Die Figur der Tochter von Frau Strauß ging nicht auf: Woher kommt am Ende der Sinneswandel? Das hatte allerdings nichts mit einer Fehlbesetzung zu tun, sondern mit dem Drehbuch.

 

5. Von welcher Szene werden Sie träumen?

Christian Buß: Bei seinen nächtlichen Ermittlungen im Pflegeheim steht Meuffels vor dem Bett eines Sterbenden. Auf einmal hat der Kommissar dessen Hand in der eigenen, durch den zahnlosen Mund haucht der Alte seinen letzten Atemzug aus.

Lars-Christian Daniels: Von den letzten zehn Minuten des Films – die gehören nämlich zum Radikalsten, was es in 46 Jahren Polizeiruf zu sehen gab!

Matthias Dell: Den Glasbausteinen an der Front des Strauß-Tochter-Hauses – was für ein tolles Licht muss dahinter wohnen.

Kirstin Lopau: Vom alleine sterben müssen.

 

6. Von 0 (super spannend) bis 10 (schon um halb neun eingeschlafen): Wie viele goldene Schlafmützen bekommt dieser "Polizeiruf 110"?

Christian Buß: 1 Schlafmütze 😴

Lars-Christian Daniels: 1 Schlafmütze 😴

Matthias Dell: 6 Schlafmützen 😴😴😴😴😴😴

Kirstin Lopau: 1 Schlafmütze 😴. Ein überraschender Plot, ein kurioses Finale und ein von Meuffels in Bestform machen diesen Polizeiruf zu einem sehr guten Krimi.

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