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"Tatort"-Kritikerspiegel Polyamour fou mit Konsequenzen

Im Münchener "Tatort" wird es gefühlig: Kommissar Batic ist verliebt. Der Verdächtige im aktuellen Fall auch, aber in mehrere Frauen. Zwei davon sind plötzlich tot.

Im neuen Tatort aus München erfahren die Kriminalhauptkommissare Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) viel über die Liebe. Manche Dinge davon wussten sie noch nicht, manche wollen sie auch gar nicht wissen. Ihr neuer Fall zwingt sie dennoch zum Hinsehen. Eine Frau wird tot in einer Einfahrt gefunden. Die Spuren führen die Kommissare zu ihrem Liebhaber, der aber ein Alibi hat. Bei seiner zweiten Geliebten. Die kurz darauf auch tot gefunden wird. Batic und Leitmayr müssen das Geflecht der Liebschaften entwirren. Und das, wo Batic doch gerade selbst frisch verliebt ist.

1. Worüber werden am Montag alle reden?

Christian Buß: Schatz, was hältst du von Polyamorie? Möglicherweise wird der Normalo mit diesem Tatort dazu angeregt, über die klassische bürgerliche Zweierkiste nachzudenken, in der er lebt und mit der er fernsieht. Andererseits: all diese Leichen, da scheinen parallele Liebesbeziehungen dann doch zu viele negative Nebeneffekte zu haben.

Lars-Christian Daniels: Über das verrückteste Tatmotiv in der jüngeren Tatort-Geschichte, das selbst in München, wo die Mietpreise seit Jahren jeden Normalverdiener ins Schwitzen bringen, nicht unbedingt an der Tagesordnung sein dürfte. Hoffentlich.

Matthias Dell: Über Vor- und Nachteile des Polyamorischen.

Kirstin Lopau: Das ist die Folge "danach"? Nach Der Tod ist unser ganzes Leben, durch das sich Leitmayr humpelnd quält und Batic dem Tod entkommend die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt, weil nicht klar ist, ob er jemals wieder laufen kann. Das ist es?


2. Was haben Sie aus diesem Tatort gelernt?

Christian Buß: Eine Frau, die mit einem Mann zusammenlebt, der auch noch andere Partnerinnen hat, sagt: "Ich nehme mein Zeugenverweigerungsrecht in Anspruch." Die Ermittler in Anspielung auf die Quasi-Polygamie des Mannes: "Das sie gar nicht haben – oder nur zu einem Fünftel."

Lars-Christian Daniels: Dass es Polyamorie heißt, wenn man mehrere Menschen gleichzeitig liebt. Wussten Sie auch noch nicht, aber Ihr Partner konnte es Ihnen ad hoc erklären? Denken Sie mal drüber nach. 

Matthias Dell: Wenn man die Illusion eines freien und urbanen Raums erwecken will, dann braucht man mehr Luft.

Kirstin Lopau: Kallis Mutter ist Single und vom Franz angetan. Batic ist sich sicher, was die Liebe betrifft: "Normalerweise gibt's für jeden von uns da draußen jemanden. Aber irgendwie klappt's nicht immer mit der Verteilung." Unverputzte, ungestrichene Waschbetonwände haben einen Bunkercharakter, Architektenpreis hin oder her. Vor allem aber lernt man, dass mehrere Beziehungen nebenher schwer zu koordinieren und geheimzuhalten sind, mal ganz abgesehen von dem Stress, den das verursacht.


3. Welche Frage bleibt offen?

Christian Buß: Wer noch offene Fragen hat zum Thema Polyamorie hat, der gehe zum "Poly-Stammtisch", von dem im Tatort die Rede ist.

Lars-Christian Daniels: Kommen Batic und Leitmayr zu Kallis Einweihungsparty? Und wenn ja, übernachtet Leitmayr anschließend im Hause Hammermann?

Matthias Dell: Warum geht nichts zwischen dem Franz und der Mutter vom Kalli?

Kirstin Lopau: Wie findet der Franz die Mutter vom Kalli? Und was hat der Kalli in der ersten Nacht in seiner neuen Wohnung geträumt?


4. Welche Rolle hätte man besser besetzen sollen? Und mit wem?

Christian Buß: Die eine Frau, die dem polyamourösen Stararchitekten hinterherläuft. Ein bisschen zu sehr Dummchen, die anderen Frauen wirken überzeugender.

Lars-Christian Daniels: Nicht besser, aber zumindest anders, da akute Verwechslungsgefahr droht: Juliane Köhler ist in einer Nebenrolle als Hausärztin und Liebhaberin des Hauptverdächtigen zu sehen, eingefleischte Tatort-Fans kennen sie aber auch als Psychologin Lydia Rosenberg, die im Krimi aus Köln hin und wieder mit Max Ballauf schläft.

Matthias Dell: Keine.

Kirstin Lopau: Ich empfand Hanna Scheibe als Nicole Büchner als eher hölzern und die Rolle als unstimmig.


5. Von welcher Szene werden Sie träumen?

Christian Buß: Von den gefüllten Paprika, die Batic nach dem Rezept seiner kroatischen Großmutter für seine Affäre kocht – und die er dann alleine essen muss, weil die Affäre zum Ehemann zurück muss.

Lars-Christian Daniels: Ich träume immer noch vom letzten Münchner Tatort, der ist schließlich erst drei Wochen alt und war eine ganze Ecke aufwühlender als der spannungsfreie Nachfolger. "Es ist eher ein Film über Liebe", sagt Regisseur Rainer Kaufmann über seinen Film. Wer würde ihm da widersprechen wollen?

Matthias Dell: Dem nackt kochenden Ivo.

Kirstin Lopau: Ich möchte mir eine vernünftige Nachfolge-Folge zum letzten München-Tatort erträumen, in der auf die noch offenen Fragen Bezug genommen wird oder es zumindest Anknüpfungen gibt. So wie hier macht ein Folgencharakter nämlich keinen Sinn!


6. Von 0 (super spannend) bis 10 (schon um halb neun eingeschlafen): Wie viele goldene Schlafmützen bekommt dieser Tatort?

Christian Buß: 2 Schlafmützen 😴😴

Lars-Christian Daniels: 6 Schlafmützen 😴😴😴😴😴😴

Matthias Dell: 3 Schlafmützen 😴😴😴

Kirstin Lopau: 7 Schlafmützen 😴😴😴😴😴😴😴

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