Wir müssen reden Warum tut ein Mann das?

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Täglich werden Frauen vergewaltigt. Der Sexualtherapeut Ulrich Clement erklärt männliche Gewaltfantasien, wann sie Wirklichkeit werden und was man dagegen tun kann. Von

ZEITmagazin ONLINE: Laut deutscher Kriminalstatistik haben im Jahr 2016 knapp 8.000 Frauen eine Vergewaltigung oder sexuelle Nötigung angezeigt. Das sind mehr als 20 Fälle pro Tag. Zwei Prozent der Frauen, das belegt eine EU-weite Studie, wurden nach eigener Aussage während der vergangenen zwölf Monate Opfer sexueller Gewalt. Auch wenn diese Zahlen unscharf sind: Es sind viel zu viele Frauen. Die Frage ist: Warum tun Männer das?

Ulrich Clement: Hinter der Bosheit steckt Schwäche. Es ist der Versuch, ein unsicheres männliches Selbstbild durch aggressive Handlungen zu kompensieren. Diese Männer fühlen sich durch eine konkrete Frau oder durch angehäufte Erfahrungen gekränkt oder in ihrem Stolz und ihrer Männlichkeit infrage gestellt. Ein selbstbewusster Mann vergewaltigt nicht – der braucht das nicht. Der sexuelle Akt ist in einer Vergewaltigung nicht nur Triebbefriedigung, sondern er ist Unterwerfung, Erniedrigung, weil der Mann, indem er erniedrigt, sich selbst über die Frau stellt.

ZEITmagazin ONLINE: Welches verzerrte Bild von Männlichkeit steckt dahinter?

Clement: Ein unflexibles, sehr empfindliches. Die Kränkbarkeit von Männern sollte man nicht unterschätzen.

ZEITmagazin ONLINE: Sie sind leichter zu kränken als Frauen?

Clement: Ihre Kränkbarkeit ist nicht generell größer als bei Frauen, aber in Bezug auf ihre Geschlechtlichkeit sind Männer anfälliger für Kränkung als Frauen. Der Satz "Du bist kein richtiger Mann" ist, im Durchschnitt gesprochen, für Männer schlimmer als für Frauen der Satz "Du bist keine richtige Frau". 

ZEITmagazin ONLINE: Warum ist das so?

Clement: Die Psychologie liefert dazu eine recht plausible Erklärung: Männlichkeit entsteht sekundär. Männer werden, psychologisch betrachtet, erst dadurch zu Männern, dass sie sich von Frauen abgrenzen. Weibliche Gefühle und Verhaltensweisen müssen sie dann für sich ablehnen, weil sie als bedrohlich für die männliche Identität erlebt werden. So sind sie in der Pubertät gegenüber Müttern eher ruppig, sie haben eine Verachtung für weibliche Eigenschaften, sie verhalten sich homophob. Kurz: Männlichkeit basiert auf der Ablehnung von Weiblichkeit. Damit gehen Männer natürlich unterschiedlich um – es vergewaltigen ja die wenigsten.

ZEITmagazin ONLINE: Wenn man davon ausgeht, der Aggression gehe eine Kränkung voraus, soll dann das Verhalten der Frau eine Rolle spielen?

Clement: Nein, denn das Gefühl der Kränkung liegt immer im Auge des Betrachters. Vielleicht wollte die Frau beispielsweise einfach ihre Ruhe und hat das gesagt. Nicht um zu kränken, sondern um sich abzugrenzen. Der Mann kann das dennoch als Erniedrigung erleben.

ZEITmagazin ONLINE: Geht es immer um sexuelle Zurückweisung?

Clement: Nein. Es kann auch eine ganz andere Vorgeschichte zugrunde liegen, beispielsweise eine Kränkung im Beruf. Vom Chef gedemütigt zu werden, in einer Verlierersituation zu stecken oder zu fürchten, in eine Verlierersituation zu geraten, kann gleichfalls zu Rachegefühlen führen.

ZEITmagazin ONLINE: Sind denn immer Unterlegenheitsgefühle im Spiel?

Clement: Nein. Auch ranghohe Männer können diesbezüglich ganz schön borniert sein. Sie leben in dem Bewusstsein, besonders überlegen und wertvoll zu sein. Das macht sie blind für ihr Gegenüber, und sie holen sich das, von dem sie meinen, es stünde ihnen zu. Das muss nicht gleich eine Vergewaltigung sein, das fängt schon bei übergriffigem Anfassen an. Diese Männer nutzen ihre vermeintliche soziale Überlegenheit aus und sexualisieren sie.

ZEITmagazin ONLINE: In rund der Hälfte der Fälle von sexueller Gewalt wird diese vom Partner ausgeübt, manchmal leben die Opfer sogar schon länger in solchen Beziehungen. Wie kann diese gewaltvolle Form der Sexualität Bestand haben?

Clement: Diese erotisierte Niedertracht ist in Paarbeziehungen alltäglicher, als man denkt. Es gibt zum Beispiel auch ein Nötigen und Drängen nach dem Motto: "Du musst dich mir sexuell erkenntlich zeigen, weil ich das Geld bringe und ich für die Familie sorge." Das ist zwar keine Vergewaltigung, aber natürlich eine Form der strukturellen Gewalt, legitimiert durch eine fantasierte hierarchische Überlegenheit.

ZEITmagazin ONLINE: Das erinnert daran, dass Vergewaltigung in der Ehe lange kein Straftatbestand war.

Clement: Ja, erst seit 1997. Bis dahin wurden Nötigung und Vergewaltigung rechtlich getrennt betrachtet und bestraft, und aus juristischer Sicht gab es innerhalb der Ehe lediglich Nötigung.

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