Andersrum ist auch nicht besser Dann doch besser Deutschland!

Eine Strandpromenade entlangflanieren, im Gleichschritt flappende Flip-Flops, Hand in Hand dem Sonnenuntergang entgegen. Sand überall und Küsse, viele. Urlaub ist toll. Im Urlaub ist alles leicht. Zumindest für Heteros. Für homosexuelle oder queere Urlauber ist die Urlaubsplanung eine andere Sache. Weil nicht alles, was schön ist, auch klug wär.

Georgien zum Beispiel, Georgien muss toll sein! Zumindest schwärmen zwei sehr liebe, einander heterosexuell zugeneigte Freunde in allerhöchsten Tönen. Vom Land, den Menschen, dem Essen, dem Wein. Die Fotos? Mega. Hinfahren? Eher nicht. Georgien steht nämlich mit einem Ranking von minus drei auf Platz 101 des Spartacus Gay Travel Index. Das ist eine Liste, in die der Bruno Gmünder Verlag seit 2013 jährlich 194 Länder nach 14 Gesichtspunkten einsortiert. Es gibt Punkte für vieles – von der Gesetzeslage für Homosexuelle über religiöse Einflüsse bis hin zur Mordrate an queeren Menschen wird alles nach einem komplexen System berechnet. Platz eins ist dem Himmel nah, Platz 194 ein Alptraum. 

Nicht nur in den elf Ländern, die ebenso ranken wie Georgien – Ruanda zum Beispiel oder das Hipsterziel Kuba oder das harmlos klingende Peru oder der frühere Pauschalreisenklassiker Tunesien – lohnt es bei der Urlaubsplanung genau abzuwägen, ob man als gleichgeschlechtliches Paar ein Doppelzimmer bucht. Und ob man darin Sex miteinander haben will. Denn in immerhin 72 Ländern dieser Welt könnte die Reise im besten Fall im Gefängnis enden, wenn sich ein Kläger findet.  

Dabei ist es doch das, was alle Menschen im Urlaub wollen! Land und Leute kennenlernen, Romantik, Quality Time, gut essen und ausgiebig vögeln. Schneller Kuss, eh man zum Eisholen hüpft, und danach eng umschlungen den Zuckerschock verdauen. Geht für Heteros fast überall. Für die Angehörige der LGBTIQ-Community ist bereits Händchenhalten an ziemlich vielen Orten eine Mutprobe – selbst in vielen deutschen Dörfern ist von öffentlichem Küssen nachdrücklich abzuraten. Dabei steht Deutschland mit plus sechs noch relativ gemäßigt da, Platz 22, abgeschlagen hinter Uruguay, Andorra und Grönland. 

Glücklicherweise haben wir mit der Ehe für alle gerade einen Riesenschritt nach vorne gemacht. Und immerhin wird man hier schon seit beinahe 70 Jahren nicht mehr der Liebe wegen umgebracht. Anders als in den 13 Ländern, in denen die Todesstrafe für Homosexualität noch immer gilt, vermeldet die Menschenrechtsorganisation ILGA in ihrem Jahreshauptbericht. Wirklich verhängt wird sie allerdings nur in acht – allesamt Länder, in denen die Scharia-Gesetze gelten. Was allerdings nicht heißt, dass christliche Länder sichere Reiseziele wären! Uganda zum Beispiel. Platz 175 des Index, minus acht, das Todesstrafegesetz konnte 2012 gerade noch abgebogen werden. Jetzt gibt es eben Gefängnisstrafen von bis zu 20 Jahren. Und da sind wir noch nicht bei den staatlich tolerierten Lynchmorden, wie sie auf Jamaika vorkommen können. Jamaika! Of all places. Das Land des bekifften Reggae-Glücks unter Palmen.

Es gibt Homos, die fahren trotzdem in diese Länder, einfach, weil sie es sich nicht verbieten lassen wollen. Ein Bekannter reist regelmäßig durch Russland (Platz 189) und trainiert sich vorher alles ab, was als schwul gelesen werden könnte. Eine Cousine zweiten Grades hängt so unlesbisch wie möglich in der überwiegend katholischen Dominikanischen Republik (Platz 159) ab. Mutig? Naiv? Crazy? Ein bisschen von allem wahrscheinlich. 

In den vergangenen Jahren mussten auch heterosexuelle Reisende etwas genauer hinschauen – der akuten Weltlage wegen. Mit dem Effekt, dass die diesjährigen Frühbucherzahlen für die Türkei (Platz 139) laut dem Deutschen Reiseverband um 58 Prozent einbrachen. Auch Ägypten (161) kämpft dank Teilreisewarnungen des Auswärtigen Amtes mit Buchungsrückgängen, genau wie die Klassiker Marokko (140) und Tunesien (105), in denen vor erhöhter Terrorgefahr gewarnt wird.

Das veränderte heterosexuelle Reiseverhalten hat allerdings mehr mit Angst zu tun als mit Protesten gegen die Menschenrechtslage – sonst hätte nicht ausgerechnet Abu Dhabi (Vereinigte Arabische Emirate, Platz 192, tödlich für Queers) laut einer jährlichen Erhebung des IT-Dienstleisters Traveltainment 2016 um 131 Prozent zugelegt.

Also vielleicht doch besser zurück nach Deutschland? Das holt als Reiseland bei Homos wie Heterosexuellen ohnehin seit Jahren auf. Dabei stehen Berlin, Hamburg und Köln ganz oben auf der Liste der beliebtesten Citytrips  – allesamt Städte, deren Straßenbilder bunt und queer sind. Wenn die Besucher ein bisschen von diesem Lebensgefühl mit zurück nehmen in deutsche Kleinstädte und Dörfer, wer weiß? Vielleicht werden wir eines Tages auch Weltmeister.

Kommentare

56 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren