Endlich Vintage! Wenn Ladys die Zähne blecken

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Meine Freundin Renate hat an mich gedacht. In den Ferien kam sie auf dem Weg zum Klo an einem Gestell vorbei, das mittels Reklamekärtchen vielerlei Möglichkeiten anbot, das Leben zu verschönern. Da musste sie wohl an mich denken und wählte als Mitbringsel das Kärtchen "Rent a Sepp"! Hooollaraaadiiiooo! 

Ein Typ für alles! Im Alter! Einer mit Jankerl, er sah auf dem Bildchen so fesch aus, als könne man ihm sogar den verstopften haltlos gluckernden Abfluss anvertrauen und vieles mehr, jedenfalls hielt er schon in jedem Arm eine Dirndllady und schien damit noch nicht ausgelastet. Tolle Idee, so ein Sepp, also für die unter uns, die zwar, wenn bald die Winde schärfer wehen und unser mürbes Fleisch mit Gänsehaut überziehen, vielleicht ein Dach über dem Kopf haben, womöglich sogar abgezahlt, aber niemanden, der ihnen in Löffelchenstellung Wärme spendet. Soundtrack Paul Verlaine: "In Seufzerlauten schluchzen die Lauten des Herbstes her, verwunden mein Herz mit dumpfen Schmerz, eintönig schwer... ich denke zurück an verlorenes Glück und weine still..."

Allein! Was hilft gegen allein? In meiner Jugend gab es multiple Maßnahmen. Auf dem Weg zum Rockkonzert in der Stadthalle Bad Godesberg, also 1967, setzte man auf kurze Röcke und einen weißen Lippenstift sowie einen Stift von Elizabeth Arden, um die Pickel abzutupfen. Als ich an der Uni war, hatte man die Regeln für feste Partnerschaften gelockert, sodass es immer möglich war, in Phasen des Singletums mit dem Partner anderer Frauen/Typen was anzubandeln – was allerdings dazu führte, dass immer einer in der WG-Küche saß und heulte und nichts davon hören wollte, dass doch er oder sie nun ihrer- oder seinerseits die Möglichkeit hatte, sich den Partner seines oder ihres besten Freundes zu schnappen, sagen wir: auszuleihen. Es war ein kompliziertes Verfahren. Noch in der Kinderphase galt es als spießig, am Liebsten festzukrallen und ihn jemandem anderes, etwa der Busenfreundin, für Liebesspiele vorzuenthalten. Und jetzt? Andere Lage. Die Möglichkeiten schrumpfen wie die Sehnen an der Rückseite der alten Beine, wenn sie nicht im Asana "Niederschauender Hund" vorsichtig und regelmäßig gedehnt werden.

Für Frauen gilt: Männer werden rar. Dafür gibt es mehrere Gründe. Einmal – die Kohorte der altersgerechten Männer dünnt sich schon aus. Die ersten Frauen stehen ja bereits als Witwe da. Hier ein Herzinfarkt, da eine jüngere Frau. Apropos: Wer wissen will, warum es so viele alleinstehende Frauen im Alter gibt gegenüber so wenigen alleinstehenden Männern – es ist ganz einfach. Der Mann, insbesondere im Alter, interessiert sich für Frauen im jüngeren Alter. Jüngere Frauen sind ihrerseits hemmungslos, wenn es um ältere Männer geht, selbst ein Helmut Kohl hatte ja im hohen Alter, im Rollstuhl sitzend, übergewichtig und mit einer Artikulationsschwäche geschlagen, keinerlei Schwierigkeiten, die 34 Jahre jüngere Maike für sich zu gewinnen. Ähnliches passiert alten Damen im Rollstuhl nur selten, Ausnahme: Liz Taylor. Wer kann sich schon mit Liz Taylor vergleichen?

Der ältere Herr also orientiert sich nach unten, was seinen Radius um circa 350 Prozent verbreitert, die ältere Frau altersmäßig aber nicht nach oben, was die Auswahlpalette schmal stellt – es sei denn, sie hat eine ausgeprägte Care-Neigung, also ein Florence-Nightingale-Syndrom. Das führt zu Engpässen. Es ist jetzt üblich geworden, also unter älteren Damen, ihre Männer gut festzuhalten. Ich habe bemerkt, dass einige ältere Ladys, sobald ich mit ihrem Typie auch nur ein paar unverfängliche Worte wechsle, sich zähnebleckend neben ihn stellen und dabei ihre schon ein wenig abgemagerte Pfote demonstrativ auf seinen Unterarm legen, wohl um die Besitzverhältnisse klar zu stellen. Peinlich! Was könnte man sagen, um sie zu entspannen? "Keine Sorge: Ich stehe auf Sex."?

Es ist schwierig. Nicht wenige der Ladys sind im ständigen Angriffsmodus, man hört sie, wie sie ihrem Schatzi dröhnend zuzischen: "Findest du, dass der so ein kurzer Rock steht?" Andere bilden Verteidigungswälle um ihre Ehen zur Abwehr gegen bedrohliche Singles. Nie, nie, nie werde sie von Paaren eingeladen, jammerte neulich eine alte Freundin, dieses ganze Paargehabe erinnere sie an die fünfziger Jahre Nierentischmoral ihrer Eltern. Hatte man dem nicht mal entfliehen wollen?

Nun, es ist leicht, über solche Hilflosigkeiten zu kichern. Nicht alle Paare, die man sieht, machen ja einen glücklichen Eindruck. Wie sie die Augen verdreht, wenn er wie jeden Morgen in den letzten vier Jahrzehnten darüber meckert, dass sie mal wieder ... usw. Wie er sich vor allen in die Brust wirft, indem er sie als Trödelliese beschimpft. Andere dagegen zanken sich wie Kesselflicker. Da hat man dann wenigstens das Gefühl, dass es eine lebendige Beziehung ist. Anders als diese Abgeklärten, die vor allen damit prahlen, ihre Ehe habe sich in eine Wohngemeinschaft verwandelt, in der man sich gelegentlich in der Küche sehe. Gleichgültigkeit als Ziellinie. Wenig überzeugend.

Und doch. Erst heute wieder musste ich scharf bremsen, weil sich so ein Oldie-Couple über den Zebrastreifen schob – Schulter an Schulter, geradezu ineinander verkeilt. Von oben, aus Gottesperspektive, muss es wie ein Zitterdreieck gewirkt haben. Ihre Hände waren eng verzahnt, ja fast verkantet. In Liebe? Bangigkeit? Was macht das noch, in diesem Alter?

Der alte Paarungstraum lässt mit dem Sinken des Hormonspiegels jedenfalls nicht zuverlässig nach. Es rührt mich daher, dass der Europäische Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raumes jetzt Geld in die Hand genommen hat, um dem Alleine-durch-das-Leben-Stolpern entgegenzuwirken, wenigstens für den ländlichen Raum, wo es weniger Zebrastreifen, dafür aber wohl unverbrauchte Seppels gibt. Sie werden gebraucht. Neulich klingelte ich mal bei meiner Bäuerin nebenan, es war ein kalter Wintermorgen und ich hatte in ihrer Küche Licht gesehen. Sie machte aber nicht auf. Ich machte mir Sorgen. Als ich durchs Fenster guckte, sah ich, dass sie sich auf die Küchenbank gelegt hatte, die Füße in ihren Puschen ruhten auf der Lehne, sie hielt die Augen geschlossen und sah sehr alleine und sehr tapfer aus.

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